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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Mit Kristof Beuthner

Heimspiel #257

Im Herbst kann man aufgrund des Wetters viel im Sessel sitzen und Musik entdecken. Ein trefflicher Beweis dafür: das aktuelle, stilistisch abermals illustre Heimspiel.
Geschrieben am
Kai Schumacher ist Pianist und Vertreter der derzeit zu Recht aufstrebenden Neoklassik-Bewegung. Auf »Beauty In Simplicity« (Neue Meister) vertont er klassische Vorläufer und popkulturelle Nachzügler der Minimal Music der 1960er, darunter Stücke von Erik Satie und Moderat. Er benutzt dafür den Konzertflügel als Synthesizer, erzeugt Melodie und Rhythmus mit dem klassischsten aller Tasteninstrumente und schafft ein herrlich atmosphärisches Klavieralbum, dessen pure Schönheit – wie der Titel schon sagt – in seiner Einfachheit liegt.

Kai Schumacher

Beauty In Simplicity

Release: 01.09.2017

℗ 2017 Neue Meister/Edel Germany GmbH

Apropos Inspiration durch die Kunst der 1960er: Auch der Experimentalist Felix Kubin hat sich mit »Takt der Arbeit« (Editions Mego) einem Sujet dieser Zeit angenommen. Die vier Stücke, die neben den Rhythmen von Arbeitsmaschinen und Stechuhren simulierenden Percussions auch hektische Elemente der Neuzeit wie das Klingeln von Mobiltelefonen zu einem unruhigen, bedrohlich-repetitiven Klangbastard verbinden, illustrieren Industrie- und Instruktionskurzfilme der 1960er. Sehr speziell, aber auch sehr faszinierend.
In eine ähnlich minimalistische musikalische Kerbe schlagen Komfortrauschen, drei Musiker, die eigentlich im Jazz zu Hause sind. Ihre technoid treibende EP »Plaste« (Springstoff), die weitgehend mit »echten« Instrumenten entstanden ist, schafft in einer sehr eigenen Version von Minimal Techno den Spagat zwischen kafkaesker Düsternis und erhebendem Funk. Sie ist ein sechs Stücke starker intensiver Trip, der wabert und brodelt, brüskiert und zum Tanzen auffordert. Auch hier gilt: speziell, aber faszinierend.

Komfortrauschen

Plaste - EP

Release: 06.10.2017

℗ 2017 Springstoff

Beim gleichen Label erscheinen die experimentellen Klangfantasien von Julian Maier-Hauff. Sein wortspielendes Werk »Forest For Rest« (Springstoff) mit Titeln wie »Espenwespen«, »Eschensession« oder »Pappelrappel« hält dem Gaga-Verdacht zum Glück stand und präsentiert eine faszinierende Mischung aus klassischen Techno-Elementen, groß angelegten Synthie-Flächen, organischer Percussion und einem unwiderstehlichen Groove. Was seine Titelgebung und das Cover-Artwork angeht, kann der Künstler ja noch üben.

Julian Maier-Hauff

Forest for Rest - Single

Release: 08.09.2017

℗ 2017 Springstoff

Das Duo The/Das aus Berlin war einst zwei Drittel der famosen Bodi Bill. »Exit Strategies« (Life And Death) ist nach »Freezer« das zweite Werk ohne Alex Stolze und findet seine Mitte in herrlich sanften Downbeat-Electronics, Deep-House und Late-Night-Grooves mit eingeflochtenen feingliedrigen Jazz-Lines zur betörend souligen Stimme von Fabian Fenk. Die Platte entwickelt einen unwiderstehlichen Sog, so zurückgelehnt und selbstsicher kommt sie daher – elektronische Musik vom Allerfeinsten.

The/Das

Exit Strategies

Release: 08.09.2017

℗ 2017 Life And Death

Von einer Band, die Die Mausis heißt, kann allenfalls irgendetwas zwischen YouTube-Chicks oder Kinderliedquatsch erwartet werden, richtig? Wenn man aber weiß, dass das Duo aus Stella Sommer (Die Heiterkeit) und Max Gruber (Drangsal) besteht, sieht die Sache schon ein wenig anders aus. Die »Mausis EP« (Buback) bietet zu Akustikgitarre und organischem Schlagwerk an deutschsprachigen Liedermacher-Folk der 1960er/70er erinnerndes Liedgut, das sehr eigenwillig klingt, aber trotz der albernen Mausi-Thematik seltsam tief geht. Das ist Kunst, oh nein, oh nein, oh nein!

Die Mausis

Die Mausis - EP

Release: 10.11.2017

℗ 2017 Buback Tonträger

Von den Monsters Of Liedermaching, der Formation um den flotten Totte, hat es in 14 Jahren Bandgeschichte bis heute noch nie ein Studioalbum gegeben, lediglich Live-Aufnahmen. Nun aber ist »Für alle« (OMN) da und bietet – das überrascht kaum – akustische Popsongs mit Gitarre, Cajón und mal bissigen, mal humorigen Texten über die Widrigkeiten des Lebens. Überhöhten Fanerwartungen wird gleich im Opener »Scheiß CD« der Wind aus den Segeln genommen – enttäuscht sein dürfte hier aber keiner.

Monsters of Liedermaching

Für Alle

Release: 15.09.2017

℗ 2017 OMN Label Services

Eine satte Portion Fuzz, Garage-Rock und Britpop gab es schon beim gefeierten Debüt von The Loranes, die auf dem nachvollziehbarerweise »2nd« (Nois-o-lution) betitelten Nachfolger genau dort weitermachen, wo sie beim letzten Ton von »Trust« aufgehört hatten. Bedeutet: elfmal hochoktaniger Rock mit Wumms, Drive und einer rotzig-ruppigen Attitüde. Die Berliner liefern die große Show: »2nd« ist eine mit Sternchen bestandene Hausaufgabe ohne Ausfälle. Sehr fett, sehr stark.

The Loranes

2nd

Release: 15.09.2017

℗ 2017 noisolution

Schön laut wird es auch bei Kalamahara. Deren zweites Album »Greener Fields« (Sportklub Rotter Damm) ist ein Ungetüm aus Stoner-, Psychedelic- und Krautrock mit starker Rhythmus-Sektion, herrlich retrospektivem Riffing und genau im richtigen Maß komplexer Melodieführung, sodass sich der Platte über ihre acht wie aus einem Guss wirkenden Stücke sehr schön folgen lässt. Fenster auf, Fäuste hoch, Haare lang, laut drehen: So dürfte »Greener Fields« für erinnernswerte Momente sorgen.

Kalamahara

Greener Fields

Release: 20.10.2017

℗ 2017 Sportklub Rotter Damm

Zu guter Letzt: Sprechen wir über FERN, in Großbuchstaben. Die Band um Paul Seidel zelebriert mit ihrer selbstbetitelten Debüt-EP (Fern Musik) auf dem eigenen, ebenfalls selbstbetitelten Label fünf Songs lang formschöne Düsternis zwischen Nine-Inch-Nails-Industrial und Unkle-Elektronik. Das klingt nicht von ungefähr sehr versiert, in der Vita der Bandmitglieder stehen Szene-intern bekannte Namen wie The Ocean, Like Lovers oder A Tale Of Golden Keys. Zwischen dunkler Schönheit und atonaler Dissonanz ist FERN ein beachtliches erstes Lebenszeichen gelungen, das Lust auf mehr macht.

FERN

Fern Ep

Release: 01.09.2017

℗ 2017 FERN Musik