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Mit Benjamin Walter

Heimspiel #240

Hier kommt das stilistisch wohl abwechslungsreichste »Heimspiel« aller Zeiten! Diese Künstler machen ihr Ding und gehen ihren Weg. Was bleibt ihnen auch anderes übrig?
Geschrieben am
Die umtriebige Berliner Musikerin und Labelbetreiberin Kitty Solaris hat ihren Stammplatz im »Heimspiel« weiterhin sicher. Schließlich ist das hier auch die stabilste Rubrik mit der härtesten Tür im Heft, a.k.a. meinem wirren Musikgeschmack. Also los: Das Album »Silent Disko« (Solaris Empire) enthält zehn Songs, die mich ausnahmslos alle sofort in ihren Bann gezogen haben. Auch wegen der traumwandlerischen Sicherheit, mit der Solaris in den Arrangements Singer/Songwriter-Pop mit treibenden elektronischen Beats und Synthies und afrikanischen Rhythmen verbindet. Aber in erster Linie wegen des gradlinigen, immer originellen Songwritings, das der durchaus für den Dancefloor produzierten Musik eine seltene stille Größe verleiht. Ein Album, das nicht die ganze Zeit »Hier! Hier!« schreit, sondern einfach da ist. Bei mir und vielleicht auch bald bei dir.

Kitty Solaris

Silent Disco

Release: 22.01.2016

℗ 2016 Solaris Empire

Keine deutsche Underground-Band liefert seit über zehn Jahren so zuverlässig ab wie das Lo-Fi-Pop-Duo Woog Riots aus dem schönen Darmstadt. Der schrammelige Sound, die freundlichen Oktavbässe, der unproduzierte Gesang, die Reduktion auf wenige, immer etwas billige Klangerzeuger ist hier weiter keine ironische Scheißpose, sondern authentischer Ausdruck einer künstlerischen Arbeitsweise, die so uneitel wie einnehmend daherkommt. Auf dem neuen Album »Alan Rusbridger« (From Lo-Fi To Disco!) singen Silvana Battisti und Herbert wieder ganz viel zweistimmig, diesmal unter anderem über Edward Snowden, Gentrifizierung und Joseph Beuys. Es ist ein im weiteren Sinne politisches Album geworden, ganz ohne Selbstbespiegelung, dafür mit viel Talent für die Beobachtung aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen und Verwerfungen.

Woog Riots

Alan Rusbridger

Release: 11.03.2016

℗ 2016 From Lo-Fi to Disco!

Über einen meiner besten Freunde kam ich Anfang des neuen Jahrtausends mit einer Musikrichtung namens »Breakcore« und seinen unübersichtlichen Unter- und Nebengenres in Kontakt. Gerafft habe ich dabei wenig, aber das technisch ausgefuchste Wirrwarr aus Schlagzeug-Geballer, Sprach-Samples und Geräuschen in Schallgeschwindigkeit hat mich dennoch umgehauen. Und manchmal kann so eine richtige Maulschelle ja auch ganz schön sein. Eine der interessantesten Figuren der Szene ist der Berliner Zombieflesheater: ein langhaariges, etwas nörgliges Kerlchen mit irritierend enzyklopädischem Popkulturwissen, das seit über zehn Jahren als Musiker und Veranstalter mit leidenschaftlicher Kompromisslosigkeit sein Ding durchzieht. Die Kassetten-Veröffentlichung »Bloodsport Soundclash« (Alarm) enthält acht Tracks, mal eher experimentelle, noisige Elektronik, mal dekonstruierten Gabber, der zwar die Hörgewohnheiten der meisten Intro-Leser sprengen wird, aber das Tor in eine musikalische Welt aus purer, roher Energie weit aufstößt. In seiner hochspezialisierten Nische ist Zombieflesheater ein verdammtes Genie und das Ergebnis reine Kunst. Merkt euch das, ihr Waschlappen.
Kleine Untergrund Schallplatten heißt ein noch recht junges Augsburger Label, das in stets atemberaubend schöner Aufmachung 7"-Singles veröffentlicht. Alles streng limitiert natürlich, wie sich das gehört. Am allerbesten gefällt mir die dritte und neueste Veröffentlichung »Nicht ans Meer / Spuren« von Friedrich Sunlight: souliger, treibender Sixties-Pop mit lustig-melancholischen deutschen Texten eines Exil-Kaliforniers, begleitet von einer perfekt eingespielten Band, die wie ein ganzes Orchester klingt.
Ich kenne mich mit Musikrichtungen eigentlich nicht so gut aus, aber in welches Genre der schnauzbärtige Musiker Gío mit seiner 7" »Senza Vedervi« (Tofu) einzuordnen ist, vermag selbst ich noch zu erkennen: Es ist feinster Italo-Pop der 1980er, perfekt adaptiert in Text, Sound und Komposition. Dabei gelingt dem hinter Gío steckenden Kölner Johannes Stankowski das Kunststück, den schmierigen Charme der Originale auf lustige, sehr liebevolle Art abzubilden und gleichzeitig einen extrem stylishen, eigenständigen Popsong zu schreiben. Worum es darin geht, weiß ich nicht. Aber vermutlich um Liebe, Sehnsucht und irgendwas mit »Bambini«. Zum Heulen schön, dieser coole, witzige Hit, der auch nach 20-maligem Hören (Selbstversuch) immer noch die wohligsten Gefühle auslöst. Das bekommt in Deutschland sonst niemand hin. Angeblich ist die 7" mit der ebenfalls guten B-Seite bereits beinahe ausverkauft, also schnell noch ein Exemplar abgreifen und sich auf das angekündigte Album freuen.
Mönchengladbach ist die Hauptstadt des deutschsprachigen Düster-Punk. Neben den unsterblichen EA80 sind auch die befreundeten Die Strafe bereits seit grauer Vorzeit dabei und veröffentlichen nun mit »Krunk« (Majorlabel) ihr erstes Album seit acht Jahren. Hauptsache, es geht immer weiter. Die Platte klingt keine Sekunde nach müdem Alterswerk, sondern gleichermaßen treibend, melancholisch und besitzt trotzigen Witz. Sie ist teilweise ultraschnell gespielt und zeigt die Band ganz bei ihrem ureigenen Sound-Entwurf. Massenweise Hits gegen jeden Trend für all die traurigen, tapferen Punks da draußen.

Die Strafe

Krunk

Release: 22.01.2016

℗ 2016 Major Label

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