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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Mit Benjamin Walter

Heimspiel #236

Diesen Monat erzkonservativ mit nur handgemachter Musik grundehrlicher Musikerinnen und Musiker. Obwohl ich eigentlich auch verlogenen Rap und seelenlosen Techno mag!
Geschrieben am
Direkt fröhlich losgerumpelt wird bei No Fun aus Nürnberg. Schraddelschraddelschraddel, aber mit viel Sachverstand. Eben bayrische Punk-Wertarbeit, in nur vier Tagen im Proberaum aufgenommen, wofür andere Bands vier Monate und eine verdammte Hütte im Wald brauchen. Die drei Cool Cats um Sängerin und Gitarristin Andrea spielen auf »How I Spent My Bummer Vacation« (Concrete Jungle) im weitesten Sinne den guten alten Punk’n’Roll, werten dieses etwas festgefahrene Genre aber mit einigen saftigen Spritzern Soul und Blues auf. Kalifornien lässt grüßen, und ich grüße zurück.

No Fun

How I Spent My Bummer Vacation

Release: 18.09.2015

℗ 2015 Concrete Jungle Records

Die Band Low Budgie wurde mir von einer Freundin rübergeflankt. Diese feinen Leutchen (zwei Herren, eine Dame) sind wohl zu schüchtern oder zu faul dafür, persönlich ein Päckerl an die Intro-Redaktion zu schicken. So viel Understatement macht natürlich ungemein sympathisch. Das Album »Burning Birds«  überzeugt direkt durch ein wunderschönes Artwork mit lauter linkischen Vögelchen, eine betont simple Produktion und melancholisch melodische Indie-Pop-Songs, die nach der guten alten Zeit klingen, ohne sich verkrampft an irgendwelchen Vorbildern abzuarbeiten. Also in diesem Fall den 1980ern in England. Hinter der Band steht ein ganzes Freundeskollektiv aus vielen guten Leuten aus dem Raum Frankfurt, die alle irgendwelche geilen kreativen Dinger drehen. Genau so muss das sein!
Bei einer Band mit dem Namen Club Déjà-vu und dem Albumtitel »Die Farben der Saison« (Nebula Fünf) erwarte ich erst mal nichts Gutes. Wie nervig das allein schon ist, sich diese Striche über den Vokalen des Bandnamens auf der Tastatur zusammenzusuchen. Einen Wutanfall später die große Überraschung: Das sind ja die Boys vom Homestory-Magazin, dem Fachmagazin für seriöse Hausbesuche bei berühmten Punkern! Das sind Genies! Sofort finde ich Bandnamen und Albumtitel spitzenmäßig und spreche eine uneingeschränkte Kaufempfehlung aus, denn die Platte erscheint auf dem eigenen Label, und es wurden bestimmt wieder viel zu viele Exemplare gepresst. Deutsch-Punk im besten Sinne, catchy Melodien, Humor und erstaunlich Bedrückendes (Stichwort: Alter und Tod) machen »Die Farben der Saison« zum Album des Jahres für alle, die noch irgendwas blicken. Das sind bekanntermaßen leider nicht sonderlich viele.
Mit deutschen Singer/Songwriter-Jungs habe ich zwar nicht mehr viel am Hut, ich bin aber noch nicht zu vernagelt, um Andreas Lieberts Talent als Musiker nicht zu erkennen. ClickClickDecker nicht unähnlich, mischt er geschickt Akustikgitarren mit sparsamer Elektronik und schafft so einen Sound, der gleichermaßen kontemplativ wie treibend wirkt. Das ist richtig prima und viel origineller als der etwas fantasielose Standard-Rock von beispielsweise Olli Schulz oder Thees Uhlmann. Dafür ist es mit den Entertainer-Qualitäten von Andreas Liebert nicht so gut bestellt. Die EP »Durchgelebt« (Helloiam) beschreibt, wenn ich das richtig verstehe, unnötig verkompliziert Beziehungsenden und hat diesem thematischen Dauerbrenner nicht gerade viele neue Aspekte hinzuzufügen. Aber wenn ich nicht so genau hinhöre, gefällt es mir richtig gut.

Andreas Liebert

Durchgelebt

Release: 31.07.2015

℗ 2015 Helloiam

Endlich mal wieder ein neuer Künstler aus Österreich! Aus diesem Land bekommt man popkulturell in letzter Zeit ja so wenig zu hören. Raphael Sas gehört zum harten Kern der Wiener Clique um das Label Problembär Records, spielte bei Der Nino Aus Wien und veröffentlicht nun mit »Nackerte Lieder« (natürlich bei: Problembär) sein zweites Album. Und was soll ich sagen? Es ist ganz wunderbar. Eine wichtige Rolle spielt dabei die von Julia Pichler gespielte Violine, außerdem Marie Theres Stickers Knöpferlharmonika, eine Art irre kompliziertes Akkordeon, die Sas’ Musik einen traditionellen Charakter und eine seltsame Größe verleihen. In den Texten wird, wie für Wiener Künstler üblich, mit einer großen Unaufgeregtheit gesoffen, geschimpft, gestorben und herumgehangen. Alles ist irgendwie im Arsch und ein Graus, aber das ist nicht schlimm, weil es ja eh nie anders war. Ein Album, bei dem das Herz im Wechsel leicht und wieder schwer wird. Hat mich berührt, kann man ja ruhig mal zugeben.
Fast keine gesicherten Informationen liefert das allwissende Internet über die Rapperin King Granatah One. Das einzige Pressefoto zeigt eine attraktive Blondine, mit der man lieber keinen Ärger haben möchte. Die Heimat der streetwisen Künstlerin ist angeblich die Horrorstadt Siegen, und all ihre Tracks hat Granatah selbst am Heim-PC zusammengefummelt. Ansonsten schweigt man sich in der Rap-Szene über sie aus. Entweder, weil man noch nie von ihr gehört hat, oder schlicht aus Angst. Neben wüsten Battle-Tracks und Beleidigungen gegen unbedeutende Siegener Rapper, den Internetprominenten Markus Erdmann und irritierenderweise auch den Ex-Intro-Redakteur Linus Volkmann liefert sie aber auch ein rührendes Liebeslied über ihr Auto (eine Familienschleuder der Marke »Kangoo«) und ein lustiges Sommerlied über Sex und Eis am Kaugummistiel (»Bum Bum«). Beste Leben!