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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Mit Benjamin Walter

Heimspiel #233

Ein singender Kapitän, rappende Veganer, ein sehr seltsamer Electro-Popper und ein paar Normalos haben es auch noch reingeschafft. Beim Heimspiel ist mal wieder die Hölle los!
Geschrieben am
Deutschpunk braucht keine Veränderung und schon gar keine Experimente. Deshalb hat die Band Alarmsignal aus Celle auf ihrem tatsächlich schon sechsten Album »Viva Versus« (Aggressive Punk) auch wieder alles richtig gemacht. Sie kommt dabei weder blöd noch langweilig rüber. Im besten Sinne wertkonservativer melodischer Street-Punk gegen Spießer, Staat und Gesamtscheiße, leidenschaftlich im Genörgel und im spätpubertären Weltschmerz. Punkmusiker mit Namen wie »Borsti« oder »Bulli« mit geilen Songtiteln wie »Support Your Local Enttäuschung« und »Im Gleichschritt Arsch« sollen bitte auch noch die nächsten 30 Jahre so weitermachen.

Alarmsignal

Viva Versus

Release: 20.03.2015

℗ 2015 Aggressive Punk Produktionen

Wo kommen bloß all diese jungen begabten Menschen her? Vermutlich gab es sie schon immer, aber erst die heutigen technischen Möglichkeiten, mit denen nun fast jeder irgendwie eine Platte aufnehmen kann, bringen nicht nur jede Menge Nervensägen, sondern auch jene Künstler ans Tageslicht, die früher vielleicht unter die Räder gekommen oder von Managern und Plattenfirmen bis zur Unkenntlichkeit entstellt worden wären. Lùisa ist auf ihrem Album »Never Own« (Nettwerk) ganz bei sich und gleichzeitig auf internationalem Niveau. Sphärischer Zauberpop, sensibel und zart, aber auch selbstbewusst und angriffslustig im Wissen um perfekte Songs zum Träumen und Nachdenken. Muss ja auch mal sein.

lùisa

Never Own

Release: 22.05.2015

℗ 2015 Lùisa under exclusive license to Nettwerk Productions Ltd.

Wer sich für die »Heimspiel«-Rubrik mit einem in krakeliger Handschrift verfassten Anschreiben samt Eselsohren bewirbt, hat direkt meine Aufmerksamkeit. Und dann ist die Musik von Carnivore Club auf dem Kurzalbum »Years Of Sleep« (leclubcarnivore.bandcamp.com) sogar noch richtig toll. Der nostalgische, atmosphärische Breitwand-Pop der Ein-Mann-Band pendelt beruhigend vor sich hin, die folkigen Melodien bleiben sofort hängen. Aufgenommen hat die fünf Songs übrigens Mischkah Wilke aus Berlin, den sich jeder Musiker, der auf der Suche nach dem perfekten Retro-Sound ist, unbedingt merken sollte. Bestklingende Produktion der Ausgabe, ich schwör!

Carnivore Club

Years of Sleep

Release: 20.03.2015

℗ 2015 Carnivore Club

Die fast schon erschreckend geniale, totale Underground-Veröffentlichung der Rap-Crew King Veganismus One & Dr. Alsan mit dem schönen Titel »Vegan Jihad« (vegan-jihad.com) verbindet die beiden großen Themenbereiche Veganismus und kritische Theorie (Adorno und seine Freunde) mit den Mitteln des deutschsprachigen Gangsta-Rap zu einem niemals für möglich gehaltenen Gesamtkunstwerk. Jeder Comedy-Spacken, der sich mit seinen scheiß Ressentiments jemals über Veganer lustig gemacht hat, sollte sich bitte mal anhören, mit wie viel Liebe zum Detail und Sachkenntnis über Seidentofu & Co. hier die komischen Seiten des Veganismus in einem deutlich an K.I.Z orientierten Flow herausgestellt werden. Und selbst bei Penis-Lines wie »Ich rede ausschließlich darüber, wie lang mein Ding ist, und manche Leute meinen, das wäre Verdinglichung« ist für jeden Soziologie- und Philosophiestudenten was zu holen. Für die 300 Leute, die es bisher mitbekommen haben, sicher das Rap-Album des Jahres.
Britpop und Americana haben nun wirklich nicht so viel miteinander zu tun. Die störrischen Gebrüder Klock aus Hamburg haben mit zwei weiteren Mitstreitern dennoch versucht, diese beiden Stile zusammenzuführen, und nach endlosem Gefummel mit ihrer dafür gegründeten Band Hands Of Kanellos die EP »Rio« (Halcyon) aufgenommen. Die klingt dann auch auf originelle Art nach einer Mischung aus den genannten Stilen, einerseits erfreulich unfertig, roh und wild zusammengeschraubt und gleichzeitig nach ganz großem Pop. Der eigene musikalische Ausdruck, nach dem wir Musikkritiker immer so gieren, ist hier auf jeden Fall vorhanden. Ein Hoch auf die Merkwürdigen!

Hands of Kanellos

Rio - EP

Release: 05.06.2015

℗ 2015 Halcyon Records Hamburg

Fünf Männer und eine Frau in maritimen Uniformen oder kleidsamen Ringelshirts machen gemeinsam Musik und nennen sich Kapitän Der Liebe. Was nach einem Feierabend-Gag klingt, war vielleicht auch mal einer, entwickelt aber nach kurzem Hören eine ganz eigene Magie, dem sich keine Landratte entziehen kann. Der Kapitän und seine Mannschaft singen auf ihrer Debüt-EP zu Tränen rührend von Meerjungfrauen, Seepferdchen-Kutschen und amourösen Abenteuern an fernen Stränden. Je absurder die Bildwelten, desto näher an den geheimsten Fernweh-Fantasien der Hörer, die sie selbst nie zugeben würden. Eine grundsympathische, unheimlich witzige und liebevolle Mischung aus Beat, Schlager und Südsee-Sounds aus der Konserve, bei der wirklich kein Klischee ausgelassen wird und die vielleicht gerade deshalb direkt ins nasse Herz trifft.
Ich hoffe sehr, dass Ely Meyer kein Kunstprojekt ist, weil es mich dann sofort nicht mehr interessieren würde. Er soll lieber ein Typ sein, der einfach sein Ding macht. Und wie er das macht. Zuallererst auffällig ist an »Komplex« Meyers Unvermögen oder Lustlosigkeit, einigermaßen schön und richtig über seinen stark reduzierten Electro-Pop zu singen. Dies gibt ihm zusammen mit tollen Texten wie »Hör bitte auf über dein Studium zu reden. Hör bitte auf über dein Praktikum zu reden« eine störrische Würde, die mir außerordentlich gut gefällt.

Ely Meyer

Komplex

Release: 29.05.2015

℗ 2015 Ely Meyer Eigenvertrieb