×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Haltung, bitte!

Heaven Shall Burn im Gespräch

Vor einigen Monaten sprachen wir für unsere Titelstory »Warum seid ihr so scheiße leise?« in großer Runde mit deutschen Künstlerinnen und Künstlern über Haltung im Pop. Ein Thema, das dieser Tage eher aktueller wird, als wieder abzuebben und uns sowieso auf immer und ewig am Herzen liegt. Tobias Tissen interviewte Maik Weichert, Hauptsongwriter und Gitarrist von Heaven Shall Burn. Eine Band, die im sonst eher nicht so politischen Genre Metal seit Jahren eine erfreulich meinungsstarke Ausnahme sind – und genau deshalb auch mal ins Intro passen.
Geschrieben am

Interview:
Tobias Tißen

Als Außenstehender bekommt man leicht den Eindruck, dass sich wenige Metalbands klar politisch positionieren. Ist die Metalszene wirklich eher unpolitisch oder wird bewusst nach Außen hin keine Stellung bezogen?
Ich habe das Gefühl, dass es sich bei den meisten Kollegen, die ich kenne, um hochpolitische Menschen handelt. Es haben sich nur viele dazu entschieden, ihre Ansichten aus der Kunst heraus zu halten. Es ist daher schon die Ausnahme, wenn sich eine Band dazu entschließt, sich so politisch zu zeigen, wie wir es tun.  

Denkst du denn, dass Bands ihre Popularität nutzen sollten um Denkanstöße zu geben und zu versuchen, etwas zu bewegen?
Es handelt sich bei Musik nun mal um Kunst. Daher ist es die freie Entscheidung jedes Künstlers und wir von Heaven Shall Burn haben uns dazu entschlossen, dem eine vordergründige Rolle zuzuordnen. Aber ich verlange das natürlich nicht von jedem. Aber umso größere Vorbilder sind natürlich die Künstler die klar – die richtige – Position beziehen auch für uns.  

Trotz eurer klaren politischen Positionierung seid ihr auf mehreren Festivals aufgetreten, bei denen auch Frei.Wild gespielt haben, denen ja oft eine rechte Gesinnung nachgesagt wird. Bands wie Jennifer Rostock oder Kraftklub haben wegen der Nominierung von Frei.Wild den Echo boykottiert. Habt ihr euch im Vorfeld Gedanken über einen Boykott gemacht?

Ich weiß nur von einem Festival mit Frei.Wild, damals war ihre politische Einstellung noch gar kein Thema. Abgesehen davon halte ich das ganze Getue für eine einzige große, geschmacklose Promo-Masche der Band und teilweise auch ihrer Gegner. Frei.Wild sind eine Projektionsfläche, an der alle ihre Meinungen abarbeiten und die Band selbst ist gar nicht das Problem, sondern nur der Profiteur. Es gibt wirklich andere Felder auf denen es viel nötiger ist Flagge gegen Rechts zu zeigen, aber dort winkt oft keine Medienpräsenz sondern nur hässliche Auseinandersetzungen. Wenn es aber vorkommt, dass wir uns mit einer fragwürdigen Band die Bühne teilen sollen, dann ist es für uns nur das allerletzte Mittel, zu einem Boykott aufzurufen. Denn das würde nur Publicity für die jeweilige Band bedeuten. Deshalb haben wir uns entschlossen in einem solchen Fall lieber eindeutig Flagge zu zeigen, keinen Schritt zurückzuweichen und lieber auf der Bühne bei genau diesem Festival unsere Meinung über die Band sagen. Das haben wir z.B. auch schon bei einigen Auslandsfestivals mit »grenzwertigen« Metal-Bands so gemacht. Es ist ja auch ein wichtiges Zeichen für die gegen Rechts eingestellten Besucher, dass ihre Band dort Klartext spricht!  

Die AfD durfte vor kurzem wieder einen Wahlerfolg feiern. Was denkst du über die aktuelle Entwicklung, im Hinblick auf die steigenden rechten Tendenzen in Deutschland und ganz Europa?
Die Wahl ist natürlich nur der Moment, in dem du den Teststreifen aus der Probe heraus ziehst. Die ganzen Fehlentwicklungen waren ja vorher schon zu sehen. Das absolut Tragische ist, dass die politische Kultur soweit gesunken ist, dass Leute mit teilweise realen Ängsten denken, nur indiskutable Nichtskönner wie die AfD würden ihnen noch zuhören. Das ist der Punkt an dem sich reale Zukunftsangst mit irrationalen Veranlagungen wie Xenophobie mischt und Möchtegern-Demagogen wie Herr Höcke genau hier mit ihrer billigen Masche einsteigen. Diesen wirren Typen würde ein Jugendlicher in seinem eigentlichen Lehrerberuf überhaupt nicht ernst nehmen und nur auslachen, aber von Angst geplagte Erwachsene hängen an seinen Lippen - das ist doch tragisch und absurd zugleich. Aber natürlich: Nicht jeder, der die AfD wählt ist ein dummer Fascho-Proll. Und es ist umso schlimmer, wenn Leute, die eben das nicht sind, trotzdem eine solche Partei wählen. Man muss erkennen, was viel schlimmer ist: nämlich, dass es eben oft keine rechten Idioten sind, die solche rechten Idioten gewählt haben.
Euer neues Album heißt »The Wanderer« und das Albumcover, das beiliegende Artbook und das Video zum Song »Downshifter« sind geprägt von beeindruckenden Landschaftsaufnahmen, die eine große Stille ausstrahlen. Welche Botschaft wollt ihr damit vermitteln?
Wir wollten damit den Zeitgeist aufnehmen. Heutzutage bekommen die Menschen einen Overkill an unreflektierten Meinungen an den Kopf geworfen. Kaum jemand macht sich noch selbst Gedanken und das führt dazu, dass fast nur noch in Schwarz und Weiß gedacht wird. Damit ich effektiv angreifen und mich positionieren kann, muss ich mir aber vorher in aller Ruhe über meinen Standpunkt klar geworden sein. Daher soll die Stille im Artwork die Ruhe vor dem Sturm und vor dem Angriff aufzeigen.  

Der Song »Bring the War Home« vom neuen Album übt ganz unverblümt Kritik am Krieg. Wie stehst du dazu, wenn – wie es im Metal häufig der Fall ist – konträr dazu martialische Ideale und kriegerische Handlungen heroisiert werden?

Das kommt ganz auf das Thema an. Ich kann jetzt nicht sagen, dass jeder Sabaton-Song thematisch scheiße ist, denn es gibt ja auch Leute und Themen, die es verdient haben gefeiert zu werden. Auch im Krieg gibt es Helden – wie z.B. die Kämpfer des Aufstandes von Warschau – und martialischer Stilistik bedienen auch wir bei Heaven Shall Burn uns teilweise. Oft mit einem Augenzwinkern oder einer zynischen Unternote, aber ganz freimachen von dieser martialischen Ästhetik kann man sich im Metal natürlich nicht. Auch wenn das auf manche Leute sicherlich widersprüchlich wirkt.  

Glaubst du denn, dass Metal mit seinem großen Aggressionspotential das richtige Medium zur Vermittlung von pazifistischen Inhalten ist, obwohl sich beides auf den ersten Blick ja gegenteilig gegenübersteht?
Die Themen, die mich wütend machen, kann ich am besten im Metal kanalisieren und auch die anderen großen Gefühle wie Trauer spielen darin eine große Rolle. Insgesamt wird Emotion im Metal groß geschrieben. Daher ist er schon sehr geeignet um Kritik zu vermitteln – genau wie politischere Musikrichtungen wie Punk oder Hardcore auch, deren Grenzen zum Metal fließend sind.
In der 20-jährigen Geschichte von Heaven Shall Burn habt ihr schon viele Missstände angesprochen, habt Kritik an Krieg, Jagd oder Religion geübt. Gibt es ein Thema, welches dich derzeit besonders umtreibt?
Abgesehen von der allgemeinen Nachrichtenlage, die immer präsent ist, gibt es momentan zwei Dinge, die mich besonders beschäftigen. Zum einen, dass Scheindiskussionen wie in Frankreich geführt werden, ob eine Frau mit Burkini ins Meer darf, obwohl eigentlich darüber diskutiert werden sollte, dass das Meer, in das diese Frau geht, komplett verschmutzt ist. Oder auch, dass unsere Regierung den Entschluss gegen Kinderehen vorzugehen als Erfolg verkaufen will, wobei das eine Selbstverständlichkeit sein sollte und dafür die wirklichen Probleme in den Hintergrund gedrängt und nicht beachtet werden. Was mich außerdem durchgehend beschäftigt, ist das Endstadium des Kapitalismus, das wir erreicht haben. Wir leben in einer Gesellschaft, in der es nur darum geht Gewinn zu machen. In der alles, was auch nur einen Pfennig Gewinn einfahren kann, privatisiert wird und alles, was Verlust macht, vergesellschaftet wird. Das führt unweigerlich zu einer komplett entsolidarisierten Gesellschaft.  

Welche Reaktionen bekommt ihr auf eure offene Positionierung?

Hauptsächlich Lob. Dafür, dass wir politisch sind und eine klare Haltung vertreten kriegen wir sogar positives Feedback von Leuten, die überhaupt nicht unserer Meinung sind. Gerade im Metal gibt es ja ein recht konservatives Klientel. Da gibt es durchaus einige Leute, die sind CDU, CSU oder FDP-Anhänger, respektieren und schätzen uns aber trotzdem. Eben weil wir eine eindeutige Haltung nach außen tragen und nicht wie andere Bands versuchen nirgendwo anzuecken, um die Plattenverkäufe zu maximieren.

Heaven Shall Burn

Wanderer

Release: 16.09.2016

℗ 2016 Century Media Records Ltd.

Heaven Shall Burn »The Wanderer« (Century Media)