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Hase mit Hörnern

Miike Snow

Ein Duo, das für Spears, Madonna und Co. die Hits zusammenschraubt, und ein Sänger aus Übersee casten sich gegenseitig und verstecken sich hinter einem komischen Fabeltier, um die Indiewelt aufzumischen?
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Ein Duo, das für Spears, Madonna und Co. die Hits zusammenschraubt, und ein Sänger aus Übersee casten sich gegenseitig und verstecken sich hinter einem komischen Fabeltier, um die Indiewelt aufzumischen? Genug Kuriositäten, um ihnen auf den Grund zu gehen, findet unser Autor Lutz Happel.

Das Weekend. Kein schlechter Ort, um diese Band zu treffen. Von der Dachterrasse des Clubs aus, knapp 70 Meter über dem Alexanderplatz gelegen, hat man eine prima Aussicht über die ewige Gentrifizierungsbaustelle Berlin-Mitte. Nachts ist diese Terrasse vollgestopft mit der jüngsten Generation europäischer Feierhipster, denen die Billig-Airline das Partytaxi und das Vice Magazine der Stilberater ist. Ein seltsames kleines Soziotop ist das und doch nicht weniger als ein Hauptquartier des internationalen Easyjetsets. Multilingual, staatenlos nomadisch, in schick glitzernde Oberflächen verpackt, doch wer weiß, welche Untiefen dahinter liegen und welche Musik?

Auf der ausnahmsweise menschenleeren Terrasse sitzen nun also die Jungs von Miike Snow herum. Man ist fast versucht, die Atmosphäre des Ortes mit der Identität der Band gleichzusetzen. Miike Snow, das sind zwei junge, absurd erfolgreiche Gun-for-hire-Produzenten aus Stockholm - mit allen nötigen Wassern der Studiotechnik gewaschen - und ein New Yorker Glamrock-Frontmann mit ordentlich Falsett-Kompetenz, deren Wege sich beim Herumjetten als musikalische Handlungsreisende irgendwann getroffen haben und die daraufhin beschlossen, die Welt gemeinsam zu erobern. Hört sich an wie eine geschickt eingefädelte transatlantische Traumhochzeit im Indie-Disneyland. Nur dass hier nichts eingefädelt ist. Es geschah einfach so und ist in Anbetracht der Umstände gar nicht so verwunderlich.

Miike Snow sind das Produkt einer Coming-of-age-Story dreier Typen, in einer Zeit, in der sich Musiken längst bis zu Subkategorien zehnter Ordnung auseinanderdiversifiziert haben, die so zugekleistert ist mit Pop, dass der Diskurs über Popkultur gerne mal in der Flut des Materials unterzugehen droht, in der Revolutionäres vor lauter Möglichkeiten und Verfügbarkeiten im MySpace-Universum ein weltvergessenes Dasein fristet. Das kann man als nicht mehr ganz taufrischen Kulturpessimismus oder fabelhafte Entwicklung begreifen. Zumindest ist Miike Snow als schwer verortbares durchglobalisiertes Pop-Dingsbums zwischen New York, Göteborg und einer Videoclip-Erzählung irgendwo in Indien in dieser Hinsicht das spannendste Versuchskaninchen, das seit Langem auf diese Welt dezentraler Musikdistribution losgelassen wurde. Weil Miike Snow so gut in diese Zeit passen, weil sie nur kaum noch nach den Regeln alter Verortungsstrategien funktionieren, nicht musikalisch und ideologisch schon gar nicht. Feuilletonisten aufgepasst: Diese Platte könnte Everybody's Darling werden.


Aber der Reihe nach:
Christian Karlsson und Pontus Winnberg - Buddys seit der Schulzeit - fangen an, wie man eben mit 15 anfängt, wenn man ein Herz und ein paar Freunde hat, in Punkbands, nur um ein paar Jahre später im Zuge der Digitalisierung dieses Planeten ein eigenes Studio einzurichten und als Produzentenduo Bloodshy&Avant zu firmieren. Spätestens zu Beginn dieses Jahrtausends ist es aber vorbei mit derartigen biografischen Allgemeinplätzen, denn die Auftragsarbeiten der beiden gebürtigen Göteborger gehen ab da geradezu durch die Decke: Sugababes, Ms. Dynamite, Madonna, Kelis, Kylie Minogue, J. Lo ... Wer einen Bloodshy&Avant-Beat gebastelt haben will, bekommt ihn. Das breitenwirksamste Beispiel ist wohl Britney Spears' "Toxic". Was umso erstaunlicher ist: Die beiden sind dabei nie zu Studio-Nutten verkommen, wie Karlsson betont: "Unsere Einstellung zu Aufträgen war immer: Nimm den Beat so, wie er ist, oder eben nicht." Die beiden toben sich ein paar Jahre hemmungslos im High-Profile-Segment aus, aber Freunde im musikalischen und menschlichen Sinne nennen sie eher Kollegen wie Lykke Li, Peter Bjorn And John, Teddy Bears oder die Swedish House Mafia. Auch das eigene Label Ändersson ist eine wichtige Marke auf der musikalischen Landkarte der beiden Schweden, mit Acts wie Little Majorette, Meadow oder Sky Ferreira. Eine kleiner Verortungsversuch sei daher doch gestattet: Der schwedische Exportschlager "hochpolierte Popmusik mit digital-indieeskem Einschlag" schlägt bei Miike Snow schon durch und lässt erkennen, wohin es Karlsson und Winnberg wirklich zieht.
Entsprechend war es also nur eine Frage der Zeit, bis da was unter eigenem Namen kommen musste, zumal dieses viele Fremdproduzieren ein "ideales Bootcamp" für den eigenen Sound gewesen sei, so Karlsson, "und natürlich ist man emotional ganz anders dabei, wenn der eigene Name drübersteht". Man konnte eben nur nicht sagen, wann das eigene Kind zur Welt kommen würde, weil immer so schrecklich viel zu tun war.

Ein Duo, das für Spears, Madonna und Co. die Hits zusammenschraubt, und ein Sänger aus Übersee casten sich gegenseitig und verstecken sich hinter einem komischen Fabeltier, um die Indiewelt aufzumischen? Genug Kuriositäten, um ihnen auf den Grund zu gehen, findet unser Autor Lutz Happel.

Eine Band wächst zusammen
Dann kommt 2007 Sänger und Multiinstrumentalist Andrew Wyatt aus New York hinzu: charismatischer Schlaks Marke Jesus meets Großstadtintellektueller, der glatt als tragende Rolle in Cameron Crowes Touring-Epos "Almost Famous" durchgehen könnte. Und dieser war bisher nicht weniger umtriebig als seine schwedischen Kollegen. Als Inhouse-Producer bei Downtown Records in New York schreibt und produziert er für Amanda Blank, Melanie Fiona, Ebony Bones, Daniel Merriweather, Just Jack und hatte nebenbei noch so allerlei eigene Bands (The A.M., Fires Of Rome) und Soloarbeiten in der Mangel. Die drei spielen sich Platten vor, Booka Shade bis Grizzly Bear, schließen Freundschaft, denken sich kampagnengewitzt wie der Wu-Tang Clan ein Symbol aus - nur etwas alberner: ein Hase mit Geweih, einem Wolpertinger nicht unähnlich -, das statt der eigenen Gesichter im Vordergrund stehen soll, um bloß nicht von der Musik abzulenken. Und fortan wächst man immer mehr zu einer Band zusammen: "Ich spiele jetzt auch Gitarre, Christian macht sowieso viel live, und Pontus hat mittlerweile einen ganzen Haufen analoger Synthies rangeschafft", freut sich Wyatt.


Und damit wären alle Zutaten für diesen internationalen Clubpop für Empfindsame aufgezählt, der sich hinter einem Hasen mit Hörnern versteckt und ganz gut in die lange Tradition skandinavischer Euro-Popacts passt, von den Urahnen ABBA und a-ha bis zu den Urenkeln Röyksopp, Lykke Li oder Annie. Hochpoliert, glamourös, weltmännisch, technisch auf hohem Niveau und universell einsetzbar, ob als melodischer Singalong im Technoclub oder akustische Landschaftsbeschreibung auf der Liegewiese. Und wie hört sich das an? Wie a-ha meets Animal Collective, schrieb der Guardian jüngst. Prince meets Prefab Sprout? Oder doch lieber Gesichtsbehaarung meets digitales Mischpult? Hase meets Hirsch? Auf jeden Fall wie Charts-erfahrene Studionerds, die endlich blinzelnd aus ihrer Höhle tappen, das lang ersehnte Baby in Händen halten und es allen von der Bühne aus herzeigen wollen. Doch trotz des glitzernden Popappeals behält Miike Snow immer noch ein Quäntchen Unberechenbarkeit. Wer solch eine Vorgeschichte hat, der ist eben zu vielem fähig. Und nicht zuletzt sind da noch Wyatts düster-surrealen Lyrics, die so gar nicht zum hymnenhaften Rest passen wollen. Kostprobe:

"Don't forget to cry at your own burial" oder "I change shapes just to hide from this place but I'm still, I'm still an animal"

Da entsteht eine gewisse Irritation, die dem Ganzen nur guttun kann. Wyatt selbst ist ganz froh damit, nicht zu wissen, wie man das Produkt Miike Snow nun nennen soll: "Wenn du zu sehr darauf achtest, zu fassen, was du tust, dann wirst du ein Cartoon deiner selbst wie James Taylor. Oder Oasis, die sind mittlerweile wie eine Hochzeitsband. Okay, ich will jetzt nicht von den Gallagher-Brüdern verhauen werden, aber sie scheinen sich so sehr der Aufgabe verschrieben zu haben, Oasis zu sein, dass ihr Sound dabei ein bisschen hängen geblieben ist. Das ist bei denen wohl eher eine Lifestyle-Entscheidung, weniger eine künstlerische." Gut gebrüllt - und gleichzeitig das eigene Selbstverständnis untermauert. Musikalisch darf man also schon gespannt sein auf das nächste Album. Vielleicht werden die drei damit dem großen Musikzirkus skandinavischer Prägung schon bald eine neue Richtung geben. Gerade auch, weil Miike Snow im Spannungsfeld zwischen Studio und Bühne mehr Möglichkeiten haben, als sich so manche Liveband erträumen kann. Und weil sie einen Frontmann haben, der erstaunlich selbstgewiss zwischen Glamourwelt und Abgrund herumtänzelt. So sehr, wie sich die drei Vielflieger derzeit über ihren neuen Lebensrhythmus freuen (proben, produzieren, touren), wird darauf noch mehr Band zu hören sein.