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Electric Family

HARVEST LABELPORTRAIT

Zu den Besonderheiten des "neuen" "Harvest"-Labels zählt daher seit der Veröffentlichung von AIR LIQUIDEs "Stroboplastics"-EP Mitte 1995 das Bestreben, die bereits erprobten Indie-Strukturen und die Labelpolitik der beteiligten Szenekreise zu übernehmen. Kai Fleschmann von der "EMI", der zusammen mi
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Autor: intro.de

Zu den Besonderheiten des "neuen" "Harvest"-Labels zählt daher seit der Veröffentlichung von AIR LIQUIDEs "Stroboplastics"-EP Mitte 1995 das Bestreben, die bereits erprobten Indie-Strukturen und die Labelpolitik der beteiligten Szenekreise zu übernehmen. Kai Fleschmann von der "EMI", der zusammen mit Ingmar Koch die Idee zur Reaktivierung des seit Jahren auf Eis gelegten Labels hatte, sieht in "Harvest" daher auch eine langsam gewachsene Einheit. Private Bekanntschaften und Kontakte, auch wenn diese inzwischen in alle Welt reichen, haben viel mit den lokalen Begebenheiten der Domstadt zu tun und prägen das öffentliche Bild von "Harvest".
Da wäre zunächst einmal der bereits oben genannte Ingmar Koch alias DR. WALKER, die eine Hälfte von AIR LIQUIDE, Veranstalter des legendären "Electro Bunker" und Mitinhaber des "Liquid Sky"-Clubs. Dann Jörg Burger mit seinen Alter-egos THE BIONAUT, THE MODERNIST und dem jüngsten Projekt TRINKWASSER (zusammen mit dem Sänger Lothar Hempel). Außerdem ist er der Mann hinter dem Label "Eat Raw" und gehört zum Umfeld des ehemaligen "Delirium"- und heute "Kompakt"-Plattenladens. Dann gibt es noch KRON, ein Projekt des MIKE INK-Bruders Reinhard Voigt, sowie Burgers Gemeinschaftsproduktionen mit Wolfgang Voigt als BURGER/INK. Und natürlich die nationalen und internationalen Connections: der Berliner Cem Oral a.k.a. JAMMIN UNIT ist neben Ingmar Koch die zweite Hälfte von AIR LIQUIDE; sein Bruder Can, einer der aktivsten New Yorker House-Produzenten, veröffentlicht als KHAN solo und zusammen mit DR. WALKER; die Köln-Boston-Achse mit HEARNOW a.k.a. Frank Heiss, einem der Leute im Umkreis des New Yorker "Liquid Sky"-Labels (siehe INTRO 47), und das Produzentenpaar TETSU INUOE und JONAH SHARP, die sonst u. a. mit BILL LASWELL arbeiten.
"'Harvest' war nie als reines Köln-Label geplant", meint Jörg Burger, "aber weil da am Anfang nur Kai und Ingmar waren, lag es nahe, erst mal die Leute zu fragen, mit denen man auch sonst arbeitet, die man gut kennt. Das letzte Jahr war sicher eine ganz entscheidende Entwicklungsphase, unsere gemeinsamen Auftritte und die Veröffentlichungsoffensive im Herbst, die zeigten: das ist zwar nicht ein Sound, aber die Verbindungen sind schon klar."
Das Interesse, das den "Harvest"-Aktivitäten gerade im letzten Sommer entgegengebracht wurde, überrascht daher wenig. Die beiden Compilations "In Technicolor" und "Battery Park" sowie das zugehörige einwöchige "Battery Park"-Festival, Auftritte bei der Popkomm und die exklusiven Label-Parties im Aquarium des Kölner Zoos brachten selbst das englische Magazin WIRE dazu, ihr Augenmerk in einem Special auf "Electric Cologne" zu richten.
Wie sehr die Vorstellungen von einem marketingtechnisch operierenden Major-Label und die tatsächlichen Zustände bei "Harvest" auseinandergehen, sieht man schon daran, daß Kai Fleschmann A&R und Management des Labels immer noch alleine bestreitet. "Ich kümmere mich halt um die administrativen Angelegenheiten; das ganze Artwork der Platten und Anzeigen, das öffentliche Auftreten wird alles vom Künstler selbst bestimmt. Ich bin also so was wie eine Schnittstelle. Im übrigen: wenn jemand im Augenblick von einem Köln-Hype spricht, dann bestimmt nicht wir. Wir setzen auf langsames, aber beständiges Wachstum, um nicht an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Das erfordert innerhalb eines Majors natürlich besondere Anstrengung, um den dafür nötigen Freiraum zu sichern."
Das Experiment scheint gelungen. "Harvest" besitzt einen guten Szene-Ruf, könnte aber schon bald auch wirtschaftlich interessanter werden. TRINKWASSER, das Projekt von Jörg Burger und Lothar Hempel, geht dabei das "Projekt Pop" am direktesten an. Seine "Cobra"-EP mit dem Hit "Wie Wenig Du Weißt" verbindet den freundlichen Elektro der BIONAUT/MODERNIST-Platten mit Gesang und ist ein Aufruf zur Fröhlichkeit. Jörg Burger: "TRINKWASSER soll schon moderner Pop sein, bei dem aber auch das Spiel mit den Images eine Rolle spielt. Selbst wenn das die Erwartungen des Hörers besser zu befriedigen schient, bleibt immer noch was Unbestimmtes. Obwohl das Projekt auch in einen konventionelleren Rahmen paßt, sind wir ständig bemüht, nicht in diese klassischen Marketing-Mechanismen zu verfallen. Das hilft, dem ständig lauernden 'Sell-out'-Vorwurf entgegenzuwirken."
Und während die Reise auf der einen Seite in Richtung Pop weitergeht, stehen auf der anderen Seite bereits KHAN & WALKER mit ihrem neuen Album "Empire State Building" in den Startlöchern. Und vielleicht wird bis zum Sommer ja auch noch mal was aus Ingmar Kochs Traum einer Köln-Hymne, bei der es natürlich um ein weiteres Lieblingsthema geht: "Kölsch Be Good To Me".