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Die Glitzerwelt der kotzenden Teenager

Harmony Korine über seinen Film »Spring Breakers«

Mit 19 Jahren schrieb Harmony Korine das Drehbuch zum Indie-Kinohit »Kids«. Seitdem wühlt er auch als Regisseur fleißig in den irren Gefühlswelten des White Trash herum. In seinem neuen Film betreiben die Disney-Stars Selena Gomez, Vanessa Hudgens und Ashley Benson eine etwas andere Imagepflege.
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»Ich hatte dieses Bild von einem Mädchen mit einer Maschinenpistole vor mir«, erzählt Harmony Korine. »Da wusste ich, dass mein nächster Film an einem Strand voll mit fetten Touristen spielen muss.« In »Spring Breakers« sind Bikinis, junge Frauen und Maschinenpistolen überall – am Strand, auf den Highways, auf dem Filmplakat. Vier Frauen Anfang zwanzig, gespielt von Selena Gomez, Vanessa Hudgens, Ashley Benson und Korines Ehefrau Rachel, sitzen im Film in der öden Kleinstadt fest. Sie wollen was erleben. Also kratzen sie die letzten Ersparnisse zusammen und fahren nach Florida – Spring Break ruft. »Diese Girls sind Hardcore, sie würden alles tun, um nach Florida zu kommen«, beschreibt Harmony Korine seine Hauptfiguren. »Sie stellen sich das Leben als Videospiel vor. Ihr Verlangen kenne ich. Es ist das Verlangen, der Kleinstadt zu entkommen.«

In Korines Werk tauchte dieses Gefühl bislang nicht sehr oft auf. Seine Filme spielten in der Provinz – Heimat bizarrer und zugleich liebenswerter Charaktere wie des jungen Titelhelden in »Gummo«, der wilde Katzen erlegt und damit sein Taschengeld aufbessert. Oder denken wir an die drei Teenager in Larry Clarks »Ken Park«, für den Korine wie auch schon für Clarks »Kids« das Drehbuch geschrieben hat. Trotz prügelnder Redneck-Eltern überwinden sie mühelos spielerisch die Geschlechterzuschreibungen ihrer Umgebung. Die Enge der Kleinstadt stellte bei Korine bis dato den Nährboden für eine aus der Zeit gefallene Unangepasstheit dar, die er mit Polaroids, Super 8 oder VHS einfängt. Bräunlich, unscharf und verrauscht.

In »Spring Breakers« tauscht er diese Kleinstadt gegen die digitalen HD-Farben des Nachtlebens von Tampa, Florida ein. Korine stellt Tampa mithilfe von ganzen Bildserien dar, die bereits tausendfach gesendet und on demand im Speichergedächtnis abrufbar sind. »Ich habe einige Jahre lang alle möglichen Bilder vom Spring Break gesammelt. Teenager, die ihre Hotelzimmer niederbrennen, an Kronleuchtern schwingen oder sich kotzend auf Parkbänken krümmen – eine fantastisch aussehende Welt«, beschreibt Korine die Vorbereitungen. »Ich wollte diese total polierte Oberfläche erschaffen, die zuerst süß schmeckt, unwiderstehlich, fast wie Skittles-Dragees. Die Bedeutungen, die Dunkelheit und das Pathologische im Film sind nur Überreste, die von dieser Oberfläche abfärben.«

Der Spring-Break-Ausflug der girls gone wild endet im Gerichtssaal, wo sie sich wegen Drogenbesitz verantworten müssen. An dieser Stelle kippt der Film – aus dem Teenage-Eskapismus wird ein »Beach Noir«, wie Korine selbst sagt. Der Drogendealer Alien, gespielt von James Franco, zahlt die Kaution für die vier Mädchen. Sie beginnen für ihn zu arbeiten. Alien hat das Geschäftsmodell »Spring Break« perfektioniert: Tagsüber gibt er am Pool mit langen Braids den Lil Wayne für feierwütige College-Studenten, nachts verkauft er denselben Studenten die Drogen, die ihre Feierei am Pool erst ermöglichen. Gleichzeit markiert sein Auftreten das Ende einer Erzählung: Aus der Geschichte von vier Mädchen, die etwas erleben wollen, wird eine Collage von Sexploitation-Zitaten, Verfolgungsjagden und Einstellungen mit Bikini-Girls unter Balaclavas aus Wolle und mit Maschinenpistolen, die an Pussy Riot erinnern, aber ein Plattencover des Rappers Young Buck zitieren. Ein Film wie ein Tumblr.

»Ich wollte der Erfahrung von Musik nahekommen«, beschreibt Korine die Planung. »›Spring Breakers‹ besteht aus Mikroszenen, die sich wie ein Loop oder die Hookline im Popsong wiederholen. Ich habe mir den Film nie als Geschichte vorgestellt. Er sollte eher wie ein Schlag sein, der dich trifft, bevor seine Quelle ins Nirgendwo verschwindet.«

Viel stärker noch als die konventionell erzählten Serien von HBO, Showtime und AMC mit ihren ausgestalteten Charakteren und mehrere Staffeln umfassenden Erzählsträngen ist »Spring Breakers« der Versuch, eine Gegenwart abzubilden, in der Filme, TV-Serien und Celebritys profitabel werden, indem sie Oberflächenreize bündeln, die niemals zu einer vollständigen Emotion werden. Der Cast verkörpert das perfekt: Gomez, Hudgens und der Rest der Mädchenbande sind überall. Als Schauspielerinnen posieren sie auf Pressefotos und auf Filmfestivals, als Musterfreundin treten sie bei Paris Hilton und TMZ in Erscheinung. »Spring Breakers« ist für sie eine Möglichkeit, ihr Disney-Image loszuwerden, ohne dass sie dafür zur Charakterdarstellerin werden müssten. Selena Gomez meinte in einem Interview, dass sie es liebe, für den Film »real« sein zu müssen. Korine dazu: »Mir gefiel die Idee, diese jungen Frauen entgegen ihrer Images zu besetzen. Ich weiß nicht, warum Gomez Ja zu meinem Angebot gesagt hat, aber sie hatte wohl viel weniger Angst, ihr Image zu zerstören, als dass sie die Möglichkeit sah, es neu aufzubauen.« So wird »Spring Breakers« ein weiterer Schritt im Karriereplan, den ein Disney-Star wie Ryan Gosling schon längst hinter sich hat, ohne dass er dabei von der Oberfläche zur Person geworden wäre.

Trotz der andauernden Inszenierung Waffen tragender junger Frauen ist »Spring Breakers« vor allem James Franco auf den Leib geschrieben. »Ich habe zum ersten Mal das Skript nicht alleine entworfen, sondern mit James zusammen«, berichtet Korine. Noch vor der ersten Zeile war Francos Charakter so gut wie fertig. »Alien ist von einem Menschen aus meiner Jugend inspiriert, einem weißen Südstaaten-Gangster, der unbedingt ein Schwarzer sein wollte.« Vielleicht ist Alien Francos bislang schwierigste Rolle, denn anstatt seinen verkifften Schlafzimmerblick und leichten Überbiss für den Instant-Romantik-Affekt in Anschlag zu bringen, muss er seine Augen hinter einer überdimensionierten Sonnenbrille verbergen. Sein lockiger Wuschelkopf wurde zu langen Braids geflochten.

James Franco als Alien wird zur Verkörperung der Debatten um Trap, das Dance-Genre, das in den letzten zwei Jahren die Soundcloud-Accounts der jugendlichen Hipster zierte. Trap ist die Aneignung eines HipHop-Stils aus den Südstaaten, dessen hektische und verdrogt-schlierige Snares die Blaupause für unzählige Bedroom-Producer bilden. Gleichzeitig wird die Drogenerfahrung im Trap zum Zitat, zum allgegenwärtigen »Coke, Dope, Crack, Smack, Weed«-Sample, illustriert von Maschinenpistolen auf dem JPEG-Cover.

In einer Szene sitzt Alien in seinem Domizil am Klavier, um ihn herum die vier Mädchen postiert, bewaffnet mit AK-47. Er singt eine Ballade. Nicht irgendeine, sondern ausgerechnet Britney Spears’ »Everytime«, ihren Song über den Break-up mit Justin Timberlake. »Everytime I try to fly / I fall without my wings / I feel so small / I guess, I need you baby«. Wir wissen alle, was darauf folgte: Kahlschlag, Therapie und eine noch stärkere Ausbeutung des Selbst. Britney Spears verkörpert die Geschichte, die in den Nullerjahren der Karen-Carpenter-Story am nächsten kam.

Auch »Spring Breakers« ist im Kern ein melancholischer Film. »Spring Break ist nur eine Metapher für Freiheit, für Großartiges, für Verrücktsein«, sagt Korine. Nur dass nach der Freiheit und dem Verrücktsein nicht die große Leere der Routine aus College, Job, Familie und Hypothek kommt, sondern etwas anderes: der harte Überlebenskampf derjenigen, die ihr Selbst und ihre Affekte so hart wie nie zuvor in die Waagschale werfen müssen, um letztlich nur etwas Selbstverständliches zu erhalten: ein halbwegs würdevolles Leben.