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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Das letzte Aufbäumen der weißen Bevölkerung

»Haltung, bitte!« mit Dennis Lyxzén

Dennis Lyxzén gründete in den 90er-Jahren mit David Sandström die Hardcore-Punk-Band Refused. In ihren Songs äußert sich die Band kapitalismuskritisch und spricht allgemeine politische und gesellschaftliche Probleme an. Über die Jahre wirkte Lyxzén an weiteren Musikprojekten wie The (International) Noise Conspiracy und INVSN mit. Seine klare Meinung findet sich bei allen Projekten wieder. Und in dieser Rubrik, in der es um Menschen der Popkultur geht, die Haltung zeigen und politisch sind.
Geschrieben am
Seit du Musik machst, stecken deine Texte voller politischer Statements. Versuchst du immer auch neue Wege zu finden, diese rüberzubringen?
Für mich ist es immer wichtig, einen neuen Zugang zu finden. In all den Jahren, in denen ich Musik mache, habe ich mich mit Politik beschäftigt wegen der Musik. Ich bin weder Politiker noch Journalist, sondern Musiker, denke also immer mehr an die Musik als an die Politik. Auch wenn wir live auftreten, spielt Musik die Hauptrolle. Deswegen gehe ich immer auch vom Musikalischen aus. Beim Schreiben passiert es dann, dass einige Lieder fokussierter und wütender und andere persönlicher werden. Die politische Idee ist aber immer enthalten. Wegen allem, was mich ausmacht, und wegen der Erfahrungen, die ich gemacht habe.

Wut ist ja vor allem im Punkrock und härteren Musikrichtungen Ausdrucksmittel. Glaubst du, dass das auch effektiv ist? Oder regt es nur zum einfachen Nachbrüllen an?

Das kann auf jeden Fall kraftvoll sein. Für mich ist aber weniger diese stumpfe »Fuck Society«-Wut von Bedeutung. Man sollte die Wut, die man aufgrund des Weltgeschehens aufstaut, kanalisieren, in einem Song verarbeiten und diesen dann überzeugend auf die Bühne bringen. Wenn ich mich nicht mit der Musik ausdrücken könnte, wäre ich eine schreckliche Person. Musik ist immer machtvoll. Du fühlst es sofort in der Magengegend, wenn sie dich anspricht. Auf einem Album kannst du mehrere Ideen und Denkanstöße geben. Jemand liest oder hört sie, kann hoffentlich etwas damit anfangen und wird inspiriert. Das ist für mich der Sinn dahinter. Wir als Band können keine Revolution auslösen, aber wir können den Soundtrack dazu schreiben.     
Glaubst du, es gibt ein bestimmtes Genre, das sich für solche Denkanstöße am besten eignet? 
Nein. Es muss keine bestimmte Musikrichtung sein. Ich würde es lieben, eine neue Band wie Rage Against The Machine zu sehen, die große kommerzielle Erfolge hatte und trotzdem hochpolitisch war. Es wäre großartig, wenn mehr große Bands Denkanstöße geben würden und nicht nur die aus kleineren Szenen.

Refused und The (International) Noise Conspiracy bedienen sich oft direkter Ansagen und Aufrufe. Bei INVSN muss man manchmal zwischen den Zeilen lesen. Warum? 
Ich habe mein ganzes Leben lang in Englisch geschrieben. Das ist nicht meine Muttersprache. Also habe ich immer erst überlegt: »Was will ich sagen, und wie kann ich das im Englischen ausdrücken?« Als wir INVSN gründeten, fing ich an, auf Schwedisch zu schreiben. Dabei änderte sich viel an der Sprache und an meinem Verständnis für Lyrics. Ich konnte genau ausdrücken, was ich fühle. Das war sehr anders als das sofort Übersetzte sonst. Für das letzte und das jetzige Album schrieb ich zuerst eine schwedische Version der Songs und nahm später die englische auf. Das machte die Songs auch ein Stück persönlicher. Außerdem glaube ich, dass ich erwachsener geworden bin. Ich muss nicht 24 Stunden am Tag »Fuck you« rufen. Eher verarbeite ich meine Erfahrungen in den Songs. Bei Refused weißt du, welche Sprache für die Art von Musik besser ankommt – nämlich aggressivere und extrovertiertere. Das macht es einfacher für mich. Manchmal wird es etwas chaotisch in meinem Kopf, und wenn ich dann einen so unterschiedlichen Umgangston in den verschiedenen Bands nutze, kann ich mich besser orientieren.   

Das aktuelle Refused-Album »Freedom« erschien über 15 Jahre nach eurem letzten Album und der Bandauflösung. In einigen Songs singst du, dass sich an der Lage der Welt nicht viel geändert hat. Ist es frustrierend für dich, dass du nach so vielen Jahren immer noch für dieselben Dinge kämpfen musst?
 
Tatsächlich ist es ein wenig surreal. Als wir Anfang der 90er anfingen, Musik zu machen, gab es in Schweden eine aufkommende rechte Szene. Diese haben wir bekämpft, und diese Bewegung verschwand. Alle dachten: »Wow, das ist perfekt. Es wird besser.« Und jetzt ist alles viel schlimmer. Ich hätte niemals gedacht, dass ich in meinem Erwachsenenleben sagen muss, dass ich gegen Rassismus bin. Das ist selbstverständlich! Aber zurzeit ist Rassismus in Schweden eine große Sache. Das ist unbegreiflich und wirklich frustrierend.   

Bekommst du den Rassismus am eigenen Leib mit?
 
Ja, die drittgrößte Partei in Schweden nennt sich die schwedischen Demokraten – und es ist eine Nazi-Partei. Sie tragen Anzüge und beschuldigen die Emigranten, an allem Schlechten schuld zu sein. Auch in den sozialen Medien gibt es nur gehässige Menschen. Ich glaube, es ist das letzte Aufbäumen der weißen Bevölkerung. Das patriarchalische System bröckelt. Männer bemerken, dass ihre Machtposition gefährdet ist, weshalb sie gegen Frauen, Feminismus und Emigranten vorgehen. Ich hoffe wirklich, dass es der letzte verzweifelte Widerstand ist. Aber man weiß es nie. Wir reden über Politik und Revolution. Das ist kein Sprint, sondern eher ein Marathon, du musst lange dranbleiben. Gerade jetzt ist es wichtig, dass Musik und politische Ideen existieren.   

In eurem INVSN-Albumvorreiter »Immer Zu« steckt eine klare feministische Aussage, die sich im Video bestätigt. Du selbst kämpfst schon länger für die Rechte der Frauen. Wie bist du dazu gekommen?
 Das ging schon sehr früh los. Als ich mich das erste Mal als Feminist positionierte, wusste ich jedoch noch nicht, was das überhaupt bedeutet. Mitte der 90er-Jahre lernte ich dann Bikini Kill und die ganze Szene kennen, die sich für Frauenrechte einsetzte. Dabei fiel mir vor allem in der Punk-Szene auf, wie uneinheitlich die Besetzung von Frauen und Männern in Bands war. Ich begann, anders über Feminismus zu reden und die Strukturen des patriarchalischen Systems genauer zu analysieren. In den letzten fünf Jahren entstand in Schweden eine riesige neue feministische Bewegung, die ein noch größeres Gender-Bewusstsein mit sich brachte und einem die ganze Frauenrecht-Sache noch bewusster machte.
Der Clip wurde von Frauen für Frauen gemacht. Glaubst du, dass dadurch vielleicht auch der festgefahrene Gedanke einiger Leute verstärkt werden könnte, dass Feminismus reine Frauensache sei?
Ja, das könnte passieren. Vor allem Männer haben häufig keine genauen Vorstellungen davon, was Feminismus eigentlich ist. Aber ich denke, das Video soll vor allem ein machtvolles Statement setzen. Alina und Sandra, die das Video gemacht haben, sagten nach dem ersten Treffen: »Wir wollen euch nicht dabeihaben. Es soll von Anfang bis Ende zu 100% von Frauen gemacht sein.« Ich glaube, für alle, die da mitgemacht haben, war das ein sehr bemächtigender Prozess. Ich muss aber trotzdem auch über Feminismus sprechen. Es ist wirklich schräg, anzunehmen, dass nur Frauen über Feminismus reden sollten. Als Mann muss ich mich aber natürlich an Männer wenden. Es macht für mich keinen Sinn, aus meiner Sicht zu Frauen über Feminismus zu sprechen. Das würde mich zum kompletten Vollidioten machen. Deswegen spreche ich, wenn ich mich auf der Bühne oder in Interviews über Feminismus äußere, immer zu Männern – über männlich geprägte Kulturen, Gewalt und Missbrauch. Ich möchte kein Teil davon sein, und es liegt an uns Männern, dieses reproduktive Bild von Männlichkeit, das uns gefangen hält, aufzubrechen. Das Beste, was wir als Männer machen können, ist, uns zurückzuhalten und Frauen einfach machen zu lassen – wie zum Beispiel bei dem Video.  

Punkrock gilt als ein Genre, das sich viel mit politischen Themen auseinandersetzt und für Gleichberechtigung kämpft. Wie erlebst du das auf Konzerten? Stimmt das, was dort gesungen wird?

Das Ding an Punkrock und alternativer Musik allgemein ist, dass immer deklariert wird, wie gut und politisch und gleichberechtigt alles ist, und dann kommt man auf ein Konzert, und keine einzige Frau steht auf der Bühne. INVSN sind eine Band, in der Frauen spielen. Ich glaube, es ist wichtig, im Hinblick auf Punkrock, Alternative und Metal sogar noch mehr über Feminismus zu reden, denn in der Popmusik gibt es sehr viele Frauen. Wie sie dort dargestellt werden, ist dann wieder ein ganz anderes Thema, aber von der Präsenz her ist Popmusik den alternativen Genres weit voraus.

INVSN

The Beautiful Stories

Release: 09.06.2017

℗ 2017 Woah Dad! under exclusive license to Dine Alone Music, Inc.