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»Ich finde Amerika großartig«

»Haltung,bitte« mit Frank Turner

In dieser Interviewreihe sprechen wir mit Künstlerinnen und Künstlern über das Minenfeld zwischen Popmusik und Politik. Diesmal trifft es Frank Turner, der sich durch die Stimmung in England und Amerika an das Jahr »1933« erinnert fühlt – und deshalb einen Song mit diesem Namen schrieb. Trotz der Wut und der Ratlosigkeit, die das in ihm auslöst, rät Frank Turner schon im Titel seines neues Album: »Be Kind«. Sei nett. Selbst zu Arschlöchern. Wie er das meint und warum das hilft, Haltung zu bewahren, erklärte er Daniel Koch. (Foto: Universal Music)

Geschrieben am

Interview:
Daniel Koch

Als ich dich vor zehn Jahren zum ersten Mal live sah, dachte ich: »Aha, wieder so ein politischer Songwriter.« Inzwischen weiß ich, dass es nicht so einfach ist und deine privaten Gefühle, Geschichten, Gedanken eben manchmal Politisches streifen. Das fällt bei »1933« wieder auf. Ultrapolitischer Titel, aber eigentlich gestehst du darin ja nur, dass du überhaupt keine Ahnung hast, was mit der Welt gerade los ist. War es deine Intention, diese Verwirrung auszudrücken?
Haha – klingt komisch, aber ich nehme das jetzt mal als Kompliment, denn das trifft die Sache. Diese Verwirrung ist sozusagen der Kern meines Albums. Ich hoffe, du findest darauf keine Zeile, in der ich mit dem Finger auf irgendwen zeige – außer auf mich. Wir könnten hier natürlich eine Diskussion darüber führen, dass sich einige Leute sozial benachteiligt fühlen oder so, aber meine Reaktion auf die Weltlage ist gerade ein permanentes »Was zur Hölle ist da eigentlich los?«. Damit lässt sich schwer ein Rage-Against-The-Machine-Song machen. Es ist hart, eine dieser Faust-in-die-Luft-Hymnen zu schreiben, wenn deine Message ist: »Ähm, keine Ahnung, was los ist.« Ich schätze, »1933« ist der Versuch, diese Misere auszudrücken.

Sympathisch, dass das mal jemand zugibt. Mich überrascht immer, wie gut sich auf Facebook alle bei so komplexen Themen wie der Russland-Politik oder dem Nahostkonflikt auskennen. Viele klingen, als hätten sie die Weltlage im Alleingang geblickt und Lösungen parat, die bloß keiner von »denen da oben« hören will.
Genau. Und wer das anzweifelt, wird angebrüllt. Es gibt zwei Statements auf meinem Album, die ich wieder salonfähig machen möchte: »I don’t know« und »I am changing my mind«. Wir leben in einer Gesellschaft, in der du auf Facebook gekreuzigt wirst, wenn du von deinem Standpunkt abweichst. In einer aufgeklärten, erwachsenen Gesellschaft sollte der Weg aber doch sein: Du hast ein Argument, sammelst Informationen oder Meinungen, die das belegen oder eben nicht, und justierst dann deinen Standpunkt. Aber Twitter und Facebook befeuern, dass dieser grundsätzliche Prozess sabotiert wird: Die Erregungskurve ist durch die Verkürzung dieser komplexen Themen eh permanent hoch, du hast keinen persönlichen Kontakt zu den Leuten, die du anschreist, und so wird alles zum Drama.

Deine Platte heißt »Be Kind«. Im Kontext von Punkrock, wo du ja herkommst, eigentlich ein Unding. In diesen Zeiten kann man das aber schon fast als radikalen Ansatz lesen. Ist das die Antwort auf die Probleme, über die wir gerade sprachen? Nett sein? Auch zu rechten Arschlöchern?
Ja. Und das geht tatsächlich zurück auf Billy Bragg, mit dem ich seit damals gut befreundet bin. Vor gut einem Jahr veröffentlichte ich den Song »The Sand In The Gears«, in dem es viel um Trump und seine schädliche Wirkung auf die amerikanische Gesellschaft geht. Ich bekam haufenweise beleidigende, aggressive, übergriffige Mails von Trump-Supportern. Da ich meine »Fanpost« gerne beantworte, fragte ich Billy um Rat. Der kennt das ja nur zu gut. Er sagte mir: »Wenn du dabei Ruhe bewahrst und deine Manieren, kannst du nur gewinnen.« Ich nahm mir also Mails vor, die ungefähr so losgingen: »Fick dich, du dreckiger Wichser ...« Und schrieb: »Hey, schade, dass wir da anderer Meinung sind, aber lass mich kurz erklären, was ich zum Ausdruck bringen wollte.« Dann bat ich darum, mir noch mal ihre Sicht zu erklären. Gut, das macht die Welt nicht besser, aber für mich hat es funktioniert: Ich komme besser damit klar, und es passiert immer wieder, dass ich Leute beruhigen kann, wir uns auf meiner Show verabreden und bei einem Bier hitzig, aber fair diskutieren.

Du bist Engländer und hättest das Thema der gesellschaftlichen Spaltung ja quasi vor der Haustür. Trotzdem arbeitest du dich sehr an Amerika ab. Ein Song heißt gar: »Make America Great Again«. Warum der Fokus auf die USA?
Ich habe in den letzten zehn Jahren mehr Zeit in den USA verbracht als anderswo, habe mittlerweile 47 der Staaten bereist und verehre Amerika für seine Werte, seine Kultur und seine Freiheit. Und als der Trump-Wahlkampf im Sommer 2016 Fahrt aufnahm, war ich gerade mit Flogging Molly auf US-Tour. Das war eine wilde Zeit. Ich las die Zeitungen, sah mir Sendungen auf Fox und CNN an und dachte nur: Spinnen denn alle? Dieses Schwarz-Weiß-Denken hat mich schockiert – auf beiden Seiten, die Demokraten waren da auch nicht viel besser. Die haben nie verstanden, dass nicht alle Trump-Supporter dumme Rassisten sind. Aber das Klima ist so vergiftet, dass niemand mehr den Menschen hinter dem politischen Gegner sieht. Ich glaube nicht, dass alle Trump-Wähler Rassisten sind, und trotzdem haben die Demokraten diesen Menschen täglich ins Gesicht gerufen, wie dumm sie sind. Das Resultat ist klar: Die wählen Trump natürlich wieder. Das muss man ihm ja immerhin lassen: Er hat den Abgehängten in den ärmeren Landstrichen das Gefühl vermittelt, er rede mit oder zu ihnen – und nicht bloß über sie. Allerdings muss ich zugeben, dass ich nicht verstehen kann, warum alle in ihm einen Rebellen sehen, der das Establishment aufmischt. Trump ist Millionär, hat gut geerbt, ist ein mediokrer Geschäftsmann und ein eiskalter Trickser – das ist ein komisches, falsches Bild von einem Rebellen.

Mir hat ein Autor aus Wisconsin mal erzählt, viele haben Trump gewählt, weil er wie eine Handgranate sei, die man ins politische Establishment wirft.
Das trifft es ganz gut. Trump ist TV-erprobt und scheißt auf politisches Taktgefühl, weil er sich eben kaum für Politik interessiert. Er ist berühmt – war es vorher schon. Das alles hilft ihm. Die Antwort der Demokraten darf jetzt aber nicht sein, auch auf den TV-Celebrity-Effekt zu setzen und Oprah als Kandidatin aufzustellen. Das wäre verheerend. Himmel, wie wäre es denn zur Abwechslung mal mit jemandem, der sich zumindest ein klein wenig für Politik interessiert?

Was mich am Ende natürlich noch interessiert: Wird es auf der US-Tour »Make America Great Again«-Merchandise von dir geben?
Haha, klar! Ich will natürlich, dass alle Trump-Fans das kaufen. Aber jetzt mal ehrlich: Deshalb heißt der Song so. Ich finde Amerika großartig. Das größte Elend ist, dass all die Leute, die das als Slogan auf Mützen und Hemden tragen, alles, was dieses Land ausmacht, in den falschen Hals gekriegt haben. Als Songtitel von mir mag »Make America Great Again« zynisch wirken, aber im Kern ist es ein sehr wohlwollendes, besorgtes Lied voller Anteilnahme und Sorge – weil ich Amerika verdammt noch mal liebe. Aber hey: Wenn das Album draußen ist, wird es sicher wieder Mails hageln – dann kann ich das ja mal ausdiskutieren.

Frank Turner

Be More Kind

Release: 04.05.2018

A Polydor Records release; ℗2018 Xtra Mile Recordings Limited, under exclusive licence to Universal Music Operations Limited

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