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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

»Ich bin nicht eure Stimme!«

Halsey im Gespräch

Vor dem ausverkauften Kölner Konzert der 21-jährigen Halsey aus New Jersey campen die Fans. Seltsam, schließlich hat hierzulande kaum jemand über 20 von ihr gehört – wahrscheinlich gerade weil sie vorab als Teeniepop-Phänomen belächelt wurde. Ihr Song »New Americana« wurde als Generationshymne betitelt, als prätentiös verschrien und war eigentlich doch ganz anders gemeint. Elisabeth Haefs sprach in Köln mit Halsey über ihr Debütalbum »Badlands«, über Popkultur und Label-Arschlöcher.
Geschrieben am
Halsey sitzt beim Interview erkältet in Trainingsklamotten auf dem Sofa, ein Käppi über dem kurzgeschorenen Haar. Sie schämt sich erst mal: »Alle sind so nett hier! Ich bin immer nervös auf Reisen und entschuldige mich ständig dafür, dass ich nur Englisch spreche. Viele Amerikaner verhalten sich im Ausland so arrogant.« Auf ihrem Blog bezeichnet sie sich selbst als »unoriginal copycat« und schreibt, dass sie nicht besonders toll singen könne. Ihr Name ist sowohl Anagramm (bürgerlich heißt sie Ashley Frangipane) als auch ein Straßenname in Brooklyn, wo sie Teile ihrer Jugend verbracht hat. Der Hype um Halsey resultiert aus ihrem kompromisslosen Auftreten und dem elektronischen Pop, der vielen Leuten gleichermaßen in Herz und Beine geht. Dahinter steckt wohl eine vorteilhafte Mischung aus großem Talent, Beobachtungsgabe und klug dosiertem Narzissmus. 

Geschrieben hat Halsey ihr Debütalbum selbst, daran mitgearbeitet haben Produzenten wie Lido und Banks-Kollaborateur Tim Anderson. Im wütenden »Hold Me Down«, in dem sie ein Sample von Son Lux verwertet, geht es um Autoritäten in der Musikindustrie. Entstanden ist der Song, bei dem sie inzwischen an Ke$ha denken muss, als ein Label-Mitarbeiter testen wollte, ob Halsey auf der Stelle einen Song schreiben könne. »Nachdem er den Raum verlassen hatte, habe ich aus Wut diesen Song geschrieben und dann bei einem anderen Label unterschrieben. Ich hab ein paar männliche Musikerfreunde, mit denen anders umgegangen wird. Wenn ich reinkomme, wird mir gleich gesagt, was man von meinem Outfit hält oder dass ich nicht alleine für meinen Erfolg verantwortlich bin. Dem Mann wird eine Tour im Lamborghini angeboten, und es heißt: ›Du bist reich, ich bin reich, wir sind Männer, lass uns ein paar Frauen holen.‹ Ich hasse es, mir das anzuschauen. Das ist so ‘ne komische Studentenverbindungsmentalität.«
Musikvideo zu »New Americana«
Amerika sei zwar das Epizentrum der Popkultur, aber an Politik und Menschenrechten habe der Rest der Welt einiges mehr zu bieten, findet Halsey. Trotzdem widmete sie die erste Single ihrer Heimat. »New Americana« vom Album »Badlands« kommt tatsächlich wie eine Hymne daher, es geht um die Jugend, die mit »Biggie and Nirvana« und »legal marijuana« aufwächst, und um den Jungen, der seinen Footballkollegen heiratet. Das Lied sei eine Satire auf die Gegenkultur und nie als Generationshymne gemeint gewesen: »Der Song hat so etwas Siegreiches an sich. Jede Satire hat ihren wahren Kern. Wir sind die ›New Americana‹, alles dreht sich um Popkultur. Mein kleiner Bruder ist neun und weiß mehr über die Kardashians als über die Präsidenten. Das hat aber auch etwas Positives: Leute haben keine Angst davor, anders zu sein. Der Song war dennoch nie als ernsthafte Hymne gemeint. Als die Single veröffentlicht wurde, hieß es: ›Wer zur Hölle ist dieses Mädchen, und warum glaubt sie, sie könne für uns sprechen?‹ Ihr habt vollkommen recht, ich bin nicht eure Stimme, und das will ich auch gar nicht sein.« 

Entstanden sei der Song, als ein Freund ihr sagte, er habe nie einen Song von The Notorious B.I.G. gehört. »Es ging nur um uns und wie besessen wir von Popkultur waren.« Halseys Vater, der sie mit Rap vertraut gemacht hat, ist Afroamerikaner. Wegen ihres hellen Hauttons sieht man ihr die Herkunft aber nicht an. Das verleitet viele dazu, sie als prätentiös zu bezeichnen, wenn sie sich als »biracial« bezeichnet. Dazu kommt, dass bei ihr als Teenager eine bipolare Störung diagnostiziert wurde, was manche ebenfalls als Aufmerksamkeitsgeilheit abtun. Ihren mentalen Zustand verarbeitet sie eindrucksvoll in »Control«, womit das Album wahrhaftig in die »Badlands« abtaucht.

»Control«
Dieser Albumtitel kam ihr in den Sinn, weil sie von ihrer Heimat und dem Musikbusiness desillusioniert ist: »Wenn man in Amerika lebt, kann man schnell vom Gedanken der Dystopie besessen sein. Man lebt an so einem perfekten Ort. Dann geht man einen Schritt zurück und sieht, dass man sich mitten in einer brennenden Stadt befindet. Ich hab zufällig an das Wort ›Badlands‹ gedacht, als ich zum ersten Mal in Kalifornien war. Ich finde die Kultur dort sehr unecht und aufgesetzt. Bis zum Unterschreiben meines Plattenvertrags dachte ich immer, dass jeder seine eigene Musik mache. Ich war echt naiv.« Die »Badlands« sind aber auch ganz klar eine persönliche Reflexion ihres bisherigen Lebens. Daneben stehen positive bis nostalgische Elemente, die wie bei »Roman Holiday« in poptechnische Perfektion gipfeln.

Angst vor vermeintlich banaler Popmusik hat Halsey aber nicht: »Ich muss meine Musik nicht als anders bezeichnen, nur um etwas Besonderes zu sein. Ich glaube, Leute haben Angst vor Popmusik, weil sie auf dieser Idee basiert, dass man als Künstler nichts selbst macht. Viele sagen, dass sie keine ›normalen Sachen‹ machen, um Individualität auszudrücken.« Wie im Pop üblich liegt auch Halsey besonders viel an ihren Musikvideos, und sie ist beteiligt an deren Entstehung. In »Ghost« wird ein lesbisches Paar gezeigt. Aber es geht nicht nur um Sex, sondern man sieht auch Alltagsszenen einer Beziehung. Die verhindern das Ausschlachten vom lesbischen Sexklischee für den voyeuristischen Blick. Halsey selbst bezeichnet sich als bisexuell. »Das lesbische Paar war meine Idee. Als der verantwortliche Typ automatisch davon ausging, für das Video einen Mann zu casten, wurde mir klar, welche Verantwortung ich trage.« 
Musikvideo zu »Colors«
Im Video zu »Colors« ist Halsey eine Tennisspielerin, die in ihren älteren Coach verknallt ist. Die ersten Reaktionen zeigten Kritik an der vermeintlich romantisierten Lolita-Mentalität. »Ich dachte: ›Jetzt hab ich euch!‹ Genau das habe ich nämlich nicht gemacht: Die Geschichte wird aus ihrer Sicht erzählt, ohne irgendwelche Erwiderungen. Wir sind darauf konditioniert, so etwas gleich sexuell zu sehen. Aber für mich hat es immer dazugehört, mal in jemand Älteren verknallt zu sein. Ich möchte darüber reden, ohne direkt schädliche Assoziationen zu verbreiten. Man muss diese Grenzen bespielen, auch wenn es schwer ist, Leute zum Zuhören zu bringen, nachdem sie sich einmal eine Meinung gebildet haben.«

Halsey

BADLANDS (Deluxe)

Release: 28.08.2015

℗ 2015 Astralwerks

– Halsey »Badlands« (Capitol / Universal / VÖ 28.08.15)