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Kein Grund zur Unruhe

Haldern Pop 2007

Gemütlich, familiär, intim. Und dieses Mal ganz ohne sintflutartige Regengüsse: Das war das Haldern Pop 2007.
Geschrieben am

Die Schweden Friska Viljor trafen das Spezielle am Haldern Pop ganz gut, als sie ihrem Publikum sagten: "Wenn ihr unsere Platte noch nicht habt – und das wird so sein, da wir nicht so viel verkauft haben, wie hier stehen – dann könnt ihr das am Merchandise-Stand nachholen." Tatsächlich passiert es auf dem Haldern immer wieder, dass Geheimtipps oder Acts, die noch nie durch Deutschland getourt sind, vor einer Publikumsmenge spielen, die sie so früh in ihrer Karriere nicht oft sehen werden. Aber das gute Händchen für frische Acts war auch in diesem Jahr nicht das Problem der Organisatoren. Mit Grand Island, Kate Nash, den Maccabees, Patrick Watson und Ghosts konnte man da gleich mehrere Volltreffer verbuchen. Vielmehr wurde im Vorfeld darüber diskutiert, ob das Festival denn "einen Headliner" hätte. Für die Slots, die in diese Kategorie fallen, waren am Freitag die Waterboys und Spiritualized mit ihrer Acoustic-Mainlines-Show gebucht. Am Samstag dann die Shout Out Louds und Jan Delay mit Disko No. 1. Auch die Veranstalter spürten wohl einen gewissen Rechtfertigungsdruck. Im Magazin zum Festival nutzte Pressesprecher Wolfgang Linneweber das gelegentliche Gemoser als charmanten Texteinstieg für eine kleine Hymne auf das, was in Haldern mit den Jahren geschaffen wurde.

Überall das kann man sich heute nur noch am Kopf kratzen, zumindest wenn man das vergangene Wochenende auf dem Reitplatz zu Rees verbracht hat. Da wurde bei perfektem Festivalwetter weder gemosert noch geflucht, keiner der auftretenden Acts musste vor leeren Reihen spielen, und selbst die Leute, die vorher gesagt hatten, sie kämen eher der Freunde wegen, wurden nachher überwiegend auf dem Festivalgelände erwischt. Zudem war es fast ausverkauft, nur ein paar Karten lagen noch an der Tageskasse. Kein Grund zur Unruhe also. Das Haldern hat seine Nische, und es sich dort gemütlich gemacht.

Die anfangs bereits erwähnten Friska Viljor galten übrigens für viele als Tagessieger des Samstags, obwohl sie schon um kurz vor drei spielten. Aber die Qualität des versoffenen Folkpops hat sich inzwischen wohl herumgesprochen. Auch Architecture In Helsinki brachte ziemlich viel Leben auf die Hauptbühne, was leider an dem etwas tanzfaulen Publikum verpuffte. Nachdem Loney, Dear alias Emil Svanängen punktgenau die Stimmung eines melancholischen Sommerabends traf, wurde es bei den Indie-Darlings der Shout Out Louds (Foto) so richtig voll. Deren kleine Pophymnen schmecken zwar immer nach Gute-Laune-Cure, machen es einem aber nicht leicht, sich dagegen zu wehren. Dass ausgerechnet Jan Delay dann das Publikum am besten zum Hüpfen brachte, hatte wohl keiner gedacht. Aber der Mann ist einfach ein sauguter Entertainer, wenn er nicht gerade taz-Interviews gibt. Manch eine Indietolle ertappte sich dann doch wohl dabei, 'Vergiftet', 'Klar' und vor allem 'Eine kleine B-Seite' klasse zu finden.Brakes sorgten am Freitag im Spiegelzelt für den ersten dezenten Moshpit, spuckten bei ihrem giftig vorgetragenen Indierock nicht nur Rotz und Wasser sondern warfen bei 'Porcupine Or Pineapple?' gar eine Ananas ins Publikum. Schöne Abwechslung, kriegt man doch sonst nur Drumsticks an die Birne. Später nervten Polarkreis 18 mit einem übertrieben langen Soundcheck, den sie aber mit einem perfekten Songvortrag gleich wieder vergessen machten. The View und Jamie T brachten dann englische Bissigkeit an den Niederrhein. Erstere walzten mit lauten Gitarren den Popanteil ihrer Songs platt, letzterer zeigte, dass er mehr Punkboy denn HipHopper ist. Standesgemäß war eine Pulle Whiskey auf der Verstärkerbox platziert, an der mehr als einmal naschte. In seinem Set wurde dann plötzlich aus dem entspannten 'So Lonely Was The Ballad' eine Punknummer und aus dem British-Nightlife-Mitgröhler 'Sheila' eine tragikomische Ballade, die dabei trotzdem gröhlkompatibel blieb. Leider nur für die wenigen Gestalten vor der Bühne ein Highlight war Jason Pierce aka Jason Spaceman aka Spiritualized mit seinen Acoustic Mainlines. Lediglich mit Akustikgitarre, Keyboard, einem Streicherensemble und drei Gospel-Sängerinnen brachte er neben seinen eigenen Songs auch großartige Coverversionen, wie z. B. 'True Love Will Get You At The End' von Daniel Johnston. Was die Waterboys danach auf der Bühne sollten, konnte einem wohl nur die paar Fans vor der Bühne erklären. Auch der Donnerstag, der sich neuerdings immer mehr zum eigentlichen Festivalstart entwickelt, hatte mit Grand Island einen klaren Tagesgewinner, und das schon um fünf nach Sieben.

Im kommenden Jahr kann das Festival also ruhigen Gewissens sein Vierteljahrhundert-Bestehen feiern. Und wie es der traditionell völlig verspulte Ansager auf der Hauptbühne verkündete: "Da wird was kommen!" Was genau, wird mal wohl erst im nächsten Jahr erfahren, aber zumindest werden die Veranstalter jetzt wieder ruhig schlafen können. Denn wenn das Haldern eines bewiesen hat, dann die Treue seiner Fans. Jetzt dürfen sie es sich mit dieser Gewissheit nur nicht zu gemütlich machen.


So fand's Intro-Autor Christian Steinbrink: "Die dem Haldern Pop oft zugeschriebenen Charakeristika wie 'gemütlich', 'familiär' oder 'intim' haben vor allem einen Hintergrund: So reduziert wie hier ist es fast nirgendwo (mehr). Eine hübsche Bühne, ein paar Bands, sonst kaum etwas. Und das ist als Kontrast zum ausgeprägten Servicegedanken woanders ganz erfrischend. Dass darunter die Namhaftigkeit des Line-Ups leidet, ist gleichzeitig schade und Chance. Denn zumindest ich freue mich darüber, vermeintlich kleine Bands mal unter properen Rahmenbedingungen und mit ausgedehnter Spielzeit sehen zu können. Neben schönen Konzerten von Malajube, Loney, Dear und Architecture In Helsinki gab es noch zwei persönliche Highlights bei Meet&Greets am Intro/Festivalguide-Stand. Zum einen Loney, Dear, der zu meinem Glück Exemplare von seinen ersten beiden, noch unveröffentlichten und wunderschönen CDs zum Verkauf mitbrachte, und zum anderen Duke Special, die einen kleinen Akustikgig spielten, so launig und kreativ, wie ich es auf dieser kleinen Bühne noch nicht gesehen habe."

Und das sagt das Forum:

Reverend: "Das Haldern bleibt das entspannteste, angenehmste Festival, das ich kenne. Die sympathische Atmosphäre sorgte auch dafür, dass mich das größtenteils wenig berauschende Programm (v.a. am Samstag) kaum gestört hat."

QBert: "War echt superschön & entspannt, gerade auch weil die ganz großen Namen eher fehlten."

Juhulchen: "So, zurück, schön war's. musikalisch für mich zwar nicht immer sooooo interessant, das hat das schöne wetter und die nette stimmung aber wieder wettgemacht.

highlights:

- sonne!
- polarkreis 18
- jamie t
- malajube
- architecture in helsinki
- das frühstücksbuffet in der weiherstube (o.s.ä.)
- beim dritten mal haldern endlich mal ernsthaft nach dem mysteriösen see gesucht und ihn dann auch gefunden zu haben

ganz nett:

- voxtrot
- electric soft parade
- tunng verdient
- macabees (hätten mir wahrscheinlich besser gefallen, wäre ich 15 jahre jünger).
"

Retox: "Architecture in helsinki können mir auch bei schlechtester laune ein freundliches grinsen ins gesicht zimmern, bei gute laune und sonnenschein potenziert sich das wohlgefühl, klasse! shout out louds waren live gewohnt blutlos, distanziert und langweilig. was auf den platten als wohlige wärme entgegenkommt, kommt live als indiebelanglosigkeit bis kurz vor den zuhörer und versackt mit einem leichten gähnen. schade."

.: www.haldern-pop.de :.