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Tonight we feel like fucking rockstars!

Haldern Pop 2006

03.-05.08.06. Haldern Pop, Alter Reitplatz. Wenn man sich in städtischen Indie-Clubs so umschaut, könnte man meinen, man dürfe als amtlicher Szenehase die Freude an der Musik nicht mehr zum Ausdruck bringen. Gegen ein cooles Outfit kann man ja nix sagen, aber müssen die Mundwinkel denn permanent auf
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03.-05.08.06. Haldern Pop, Alter Reitplatz. Wenn man sich in städtischen Indie-Clubs so umschaut, könnte man meinen, man dürfe als amtlicher Szenehase die Freude an der Musik nicht mehr zum Ausdruck bringen. Gegen ein cooles Outfit kann man ja nix sagen, aber müssen die Mundwinkel denn permanent auf Normalnull gefroren sein? Gerade das scheint im beschaulichen Rees am Niederrhein anders zu sein. Vom bäuerlichen Festivalnachbarn über die Thekenkräfte bis hin zum Festivalbesucher bekommt hier niemand das Grinsen aus der Fresse. Und das, obwohl man viele Gesichter sieht, die man aus besagten Indie-Clubs zu kennen glaubt. Na also, es geht doch! Muss man halt zum Lachen in den Keller, äh, an den Niederrhein gehen…

Hier eine Fotogalerie.

Grund zur Freude gab es auch im 23. Jahr wieder zu Genüge: Handverlesenes Line Up, verbesserte Dusch-Situation auf dem Campingplatz, ein Gepäckshuttleservice am Bahnhof inkl. Gehbier, wie immer recht faire Getränkepreise auf dem Gelände usw. Nur die Wettermafia wurde mal wieder ungenügend geschmiert: Es reichte nur für einen Schönwetter-Tag.

Wie viele andere kann ich vom Donnerstagabend im Zelt nicht viel berichten, weil ich einfach nicht mehr hineinkam. Klar, ich hätte den Joker bzw. den Presseausweis zücken können. Aber was bringt das? Die Leute, die vergeblich auf Einlass warteten, hätten sich noch beschissener gefühlt, wenn sie Tage später lesen, wie brillant der Auftritt war. Also kann ich nur berichten, dass Martha Wainwright zuvor im Interview lachend ankündigte, sie werde alleine auftreten: "Just me against the audience.". Ach ja, und dass die Lambchop-Crew beim Essen im Pressezelt sehr viel Spaß hatte. Ein Ohrenzeuge versicherte mir später, das habe sich auch bis zum Konzert gehalten. Die Mystery Jets sollen auch "großartig, fantastisch, genial" gewesen sein. Da ich die schon mal auf dem Glastonbury gesehen habe, konnte ich das anstandslos glauben.

Vielleicht ist das mal der Ort für eine kleine Kritik an die Organisatoren: Könntet ihr bitte dafür sorgen, dass man entweder ein größeres Zelt baut, oder einfach eine kleine Bühne da hinstellt? Ich weiß ja, dass man auf diese einmalige Location stolz sein kann, ich bin ja auch zum "Haldern Geht Zelten" gepilgert und habe im letzten Jahr nach zwei Stunden Anstehen einen grandiosen British Sea Power-Auftritt gesehen. Aber hört euch mal die frustrierten Kommentare in der Schlange vor dem Zelt an und ihr wisst, was ich meine.



Den Vollständigkeitsanspruch dieser Nachlese kann ich hier also schon mal aufkündigen. Teilweise aus oben genanntem Grund. Aber selbst auf dem übersichtlichen Haldern muss man auch mal eine Band verpassen, um sich dem gesellschaftlichen Leben im Zeltcamp zu widmen (ich bin halt nicht so der Backstagehase). Schön, dass die Intro-Leserschaft auch zahlreich vertreten war, und im Forum eigentlich fast jede Band mal kommentiert hat. Kann man hier nachlesen.

Mein Freitag begann mit Morning Runner. Eigentlich wollte ich die nur im Vorbeilaufen anschauen, wurde dann aber wider Erwarten ziemlich mitgerissen und blieb bis zum Schluss. Chris Martin höchstselbst hatte die junge Band ja als Coldplay-Nachfolger gebrandmarkt. Ob sie wohl dagegen anspielten? Zwar schwenkten sie auch hie und da die coldplaysche Pathoskeule, aber ihr Livesound war bedeutend rauer. Das funktionierte gerade bei den krachigen Parts, wenn zwischen den schrebbelnden Gitarren noch die Pianomelodie hervorlugte. "Have A Good Time" hieß einer ihrer Songs - kann man als Fazit stehen lassen.

Die hyperaktiven Zutons waren zweifelsohne eine gute Wahl, um die Festivalcrowd aus der Anreiselethargie zu reißen. Tiefgang holt man sich zwar woanders, aber wer tanzen will, kann gerne zu den Liverpoodlians kommen. Deren wirrer Retro-Pop-Soul, bei dem gelentlich auch das Erbe von Dexy´s Midnight Runners verwaltet wird, kam ungemein an. Außerdem verliebte sich die weibliche Hälfte des Publikums in Gitarrist Boyan Chowdhury und die männliche in Saxophonistin Abi Harding. "Why Won't You Give Me My Love?" - diese Frage erübrigte sich.

Auftritt: Don Petrus. Der Wetterheilige kann ja schon manchmal ein Arsch sein. Muss man ja mal so ganz unverblümt sagen. Angefangen beim Auftritt von We Are Scientists bis hin zum Cooper Temple Clause-Gig war Weltuntergang angesagt. Die durchschnittliche Regenmenge eines Herbstmonats kam in wenigen Stunden auf den altern Reitplatz runter und hinterließ ein Schlammbad erster Güte. Kneipp-Fans kamen auf ihre Kosten, der Rest ärgerte sich, machte aber das Beste draus: Tüten um die Füße und weitermachen. The Cooper Temple Clause zelebrierten trotzdem gewohnt gut ihren Screwdriver-to-the-Head-Sound, wie sie es nennen. Die große Zuschauermenge fehlten zwar, aber das machte den Blick frei auf die paar eisernen Fans, die einfach doppelt durchdrehten.

Darf ich an dieser Stelle zugeben, dass ich Motorpsycho verpasst habe? Dafür musste ich mir schon im Freundeskreis zahllose Standpauken anhören. Bitte nicht noch eine! Element Of Crime waren dann leider auch nicht soooo gut in meinen Ohren. Sven Regener hatte entweder eine Erkältung und/oder zuviel geraucht und verraspelte einige Song gehörig. Natürlich sind Songs wie "Weißes Papier" oder "Delmenhorst" durch so was nicht kaputtzukriegen, aber wer Vergleichsmöglichkeiten zur Clubtour diesen Jahres oder zum Hurricane-Auftritt hatte - der wurde leicht enttäuscht.



Letzte Band auf der größeren Bühne waren dann Mogwai. Gibt es einen besseren Slot als diesen für die Schotten? Mitnichten! Bevor Müdigkeit aufkam also noch mal maximale Lautstärke und bedingungslose Melodieseeligkeit, schön verteilt auf das einstündige Set. Von der "Glasgow Megasnake" überrollt worden und mit Mogwai einen "Friend Of The Night" gefunden. Offene Münder, seeliges Grinsen, fiepende Ohren und betrunkene Gestalten, die mir fünfmal erzählen: "Geil, geil, geil! Dass man auch ohne Gesang so geniale Musik machen kann!"

Wer sich schon rechtzeitig angestellt hatte, konnte danach noch die heiligen Dielen des Spiegelzelts betreten und die irischen The Revs sehen. Denen mag es manchmal an Originalität fehlen, aber wem die Spielfreude so aus der Visage strahlt, der knackt jedes Publikum. Genialer Ausklang war dann die Einmann-Violinen-Show Final Fantasy. Dieser schüchtern dreinschauende Herr ist nicht nur gerade auf Europatour, sondern schreibt des Nächtens noch an den Arrangements für das neue Arcade Fire-Album. Und stellt sich dann noch um 3 Uhr auf die Bühne. Respekt!

Der Samstag begann zwar bewölkt, mit einem etwas verkaterten Festivalgelände, aber die Haldern-Crew hatte mit Hilfe der örtlichen Feuerwehr und den Bauern - pardon: Landwirten - der Umgebung ganze Arbeit geleistet: Wasser abgepumpt, Schlamm abgetragen, Holzspäne gestreut. That's Landleben! Da packt noch jeder mit an.

GEM, ein Signing von Haldern Pop Recordings, durften eröffnen, fanden aber leider nicht das Publikum, das sie verdient hätten. Nur ein paar Gestalten sahen den Punk`n`Roll der Band aus Utrecht. Aber die paar, die da waren, erzählten nachher allen, man habe "WIRKLICH WAS VERPASST". Kann man vielleicht was drauf geben.

Die Rifles hatten augenscheinlich viel Zeit in der Garderobe verbracht. Stylisch bis zum Gehtnichtmehr betraten sie die Bühne. Jedes Accessoire - vom Hut bis zum Gitarrenaufkleber - roch nach Union-Jack-Klischee, bis man irgendwann feststellte: Die laufen wahrscheinlich wirklich so rum! Immerhin kommen sie tatsächlich aus London, sind nicht zugezogen und klingen wirklich urbritisch. Den Überhit "Local Boy" gab's zum Schluss. Cheers, mates!

Die Unicorns sind ja bekanntlich ausgestorben, haben ihre Gene, ihren Sänger und ihren Irrsinn aber an die Islands vererben können. Was für ein Ensemble! Man wusste gar nicht genau, wo man hinschauen sollte. Auf Sänger Nick Diamonds, der mit einer Knochenkette um den Hals über die Bühne tanzte und sich mit dem Mikrokabel strangulierte, oder aber auf die viel zu hübsche Sängerin, oder aber auf die asiatischen Geiger, die vom ersten bis zum letzten Song nicht einmal das Grinsen ablegten. Leider war der Sound nur mittelprächtig.



Der Auftritt der Wrens galt für viele als Highlight des Festivals. Andere fanden ihnen völlig daneben. Davon merkte man vor der Bühne allerdings wenig. Klar, die Herren sahen ein wenig aus wie eine in die Jahre gekommene Rockabilly-Band. Hatten dafür aber mehr Schmiss als manch anderer Bühnenjungspund. Wie sich die Brüder Kevin und Greg Whelan auf der Bühne anschrieen, mit Instrumenten warfen, wie sie sich um den Verstand sangen und dabei die Rocksau gaben - das konnte schon Angst machen. Kickte aber wie nix Gutes! Sogar die kleinen Mädels, die schon für die Kooks anstanden, konnten sich kaum beherrschen. "Tonight we feel like fucking rockstars!" schrie Greg mehrfach und schmeichelte Haldern, es sei "the best show we ever did in our life". Man mochte es ihnen fast glauben. Sogar das Publikum wurde auf die Bühne eingeladen. Hätte nicht gedacht, dass sich da so viele rauftrauen. Ich hätte Schiss gehabt, eine Bassgitarre an die Birne zu kriegen.

Nach dem Konzert krempelte sich das Publikum fast komplett um, und die ersten Reihen waren in den Händen des Indie-Nachwuchs. Wenig später dann auch die Bühne. Die Kooks konnten eigentlich nichts falsch machen. Sahen recht motiviert aus, verwuschelt wie immer, spielten ihre simple-schönen Hits, sorgten für strahlende Gesichter, Begeisterungsschreie und vielleicht auch das ein oder andere feuchte Auge.

Es folgte der Abend der britischen Pop-Granden. Oder um noch mal das WM-Vokabular abzustauben: Das Team Haldern Pop ging mit der Zweiersturm-Spitze Bradfield - Hannon ins Match. Der unscheinbare James Dean wirkte inmitten seiner jungen Band ein wenig fehl am Platze, besonders weil er neben dem ungesund-dürren Gitarristen noch muckeliger aussah. Aber was nehme ich mir denn raus, hier über Äußerlichkeiten zu sprechen. Seine Stimme bleibt göttlich! Auch wenn sein Solo-Material ein wenig behäbig daher kam und man nicht recht wußte, ob er sich da oben wohl fühlt. Bester Song dann leider auch von den Maniacs: "All Surface No Feeling". Meine Güte: Was für eine Hymne!

Die kann auch Neil Hannon aka The Divine Comedy auf die Bühne wuchten, was er schon im Vorjahr beeindruckend bewiesen hatte. Diesmal hatte er zwar nicht das Orchester des Nachbarortes klargemacht, kam dafür aber mit einer perfekt eingespielten siebenköpfigen Band. "We practise a lot, get very very good, drink a lot of wine, have a lot of fun an then we play the best shows of our lives". So hatte er mir das Konzept noch auf dem "Haldern Geht Zelten" erklärt. Scheint geklappt zu haben. Die gute Laune war hör- und sichtbar, Hannon gab gleichzeitig Bühnenschelm und Chef im Ring, und wer sich auf seinen pompösen Pop einließ, wurde gut unterhalten - und überrascht. Eine Coverversion von Nelly Furtados "Maneater" hatte wohl niemand erwartet. Bei "Charge" schaffte es Hannon dann gar das Publikum als Chor anzuheuern, während des Singens ein Bier zu verklappen, einmal die Bühne von links nach rechts zu betanzen und zwischendurch noch ein Michael Jackson Zitat einzubauen. Die Abschlussprüfung zum Entertainerdiplom - Endnote sehr gut.

Leider musste ich danach schon wieder die Heimreise antreten und konnte weder zum mitternächtlichen AA-Treffen der Twilight Singers noch zur Kante-Rockshow. Shit happens!

Kurz vor dem Haldern 2006 hörte ich oft, es fehlten die "großen Namen" in diesem Jahr. Wenn ich mir die Liste in diesem viel zu langen Text noch mal so ansehe, kann ich nur sagen: Ja, spinnen denn die!? Wer braucht denn einen Mando Ferdinand bei diesem Line Up?

So, und jetzt werde ich mal schauen, ab wann es die Karten fürs nächste Jahr gibt. Ich bin jetzt seit sieben Jahren Haldern-Veteran und habe auch in diesem Jahr noch keinen Grund gefunden, die Serie zu unterbrechen.