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So wars in Berlin: Homecoming Queen

Gustav live

Das Publikum im Berliner Festsaal fraß der Österreicherin Gustav förmlich aus der Hand. Unser Autor Alexander Dahas hat einfach mitgegessen...
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Das Publikum im Berliner Festsaal fraß der Österreicherin Gustav förmlich aus der Hand. Unser Autor Alexander Dahas hat einfach mitgegessen...

14.08.2010, Berlin, Festsaal Kreuzberg.

Österreichisch ist eine dieser Sprachen, in der man gern einmal überfallen werden möchte, nur um zu sehen, ob das dann immer noch so lustig klingt. Draußen vor dem Berliner Festsaal jedenfalls hören sich die Gespräche der erwartungsvollen Meute so niedlich und harmlos an, dass man den mitgereisten Schlachtenbummlern ohne weiteres Obdach und Herberge für nach dem Konzert anbieten würde. Nicht dass diese Jugendlichen viel Schlaf nötig hätten.

Drinnen spielen zu diesem Zeitpunkt schon längst Kiki Bohemia, und wer sich statt zuzugucken noch rauchend vor der Halle herumtreibt, verpasst durchaus etwas. Das Duo mit Akkordeon und Cello versteht es nämlich ganz ausgezeichnet, den Dielenboden des Venues in ein schwankendes Oberdeck zu verwandeln, auf dem die frisch rekrutierten Leichtmatrosen Heimweh und Herzeleid bekommen. Es ist Musik, zu der man gut den Flaschenhals ansetzen könnte, würde sie die Aufmerksamkeit nicht so komplett beanspruchen.

Auch mit Gustav (Foto) hat die Bar kein Glück. Wenn nur Likör hat, wer auch Sorgen hat, dürften die Umsätze an diesem Abend hinter den Erwartungen zurückgeblieben sein, denn die Frau namens Gustav ist nicht zum Miesepetern gekommen. Im Gegenteil: ein Großteil des Publikums weiß bereits, dass es durchaus Entertainment erwarten kann, und der schmucke Festsaal trägt seinen Teil zur feierlichen Atmosphäre bei. Genau wie Gustavs Kleid, eine raffinierte Kombination aus Bastrock und Rußquaste, in dem die Sängerin ausgelassen über die Bühne tanzt. Ein schwarzer Fächer und ein kleiner Privatkrieg mit dem Ventilator verkomplettieren das Bild einer Künstlerin, die an diesem Abend wie eine Heimkehrerin gefeiert wird, auch wenn das neue Album noch irgendwo hinterm Horizont hockt. Egal. Das Publikum frisst aus der Hand, und es ist auffällig, wie Gustavs beizeiten spöde und naive Musik in ihrer Live-Inkarnation zum vierblättrigen Kleeblatt aufblüht. Leerstellen werden gefüllt, Gräben überbrückt, Popmomente veredelt.



Die Texte können dann gleichzeitig wild und neckisch wirken, auf Chanson folgt Robotertanz, und über allem schwebt der Eindruck, von einer milden Herrscherin in repräsentative Ämter berufen worden zu sein. Und sei es auch nur, um bei "Rettet die Wale" auf den Unterschied zwischen Fischen und Säugetieren hinzuweisen. Der übrigens sowieso zu vernachlässigen ist.

[tour artist=Gustav]

Außerdem dazu auf intro.de: Subversion durch Affirmation! Die androgyne Tanzfläche! Der systemkritische Rave! Das alles waren mal Top-Strategien der Pop-Linken. In den 90ern. Die Postulierer von einst schreiben dieser Tage unter ihrem aktuellen Claim "Medienarbeiter" allerdings bloß noch Texte übers (ihr eigenes) Prekariat. Doch Linus Volkmann weiß: Mit Gustavs Album 'Verlass die Stadt' bekommen die alten Forderungen plötzlich Glamour und Brisanz zurück. Hier geht's zum Interview!