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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

USA 1997; R: Harmony Korine; D: Max Perlich, Chloe Sevigny, Linda Manz

GUMMO

Mit diesem Videorelease von Harmony Korines Regiedebüt - nach seinem Drehbuch für Larry Clarks kontrovers aufgenommenen Film "Kids - stellen die Engländer erneut unter Beweis, daß sie noch immer ein Herz für relativ schräges Kulturgut besitzen. Hierzulande wird "Gummo" dagegen vorerst nicht erschein
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Autor: intro.de

Mit diesem Videorelease von Harmony Korines Regiedebüt - nach seinem Drehbuch für Larry Clarks kontrovers aufgenommenen Film "Kids - stellen die Engländer erneut unter Beweis, daß sie noch immer ein Herz für relativ schräges Kulturgut besitzen. Hierzulande wird "Gummo" dagegen vorerst nicht erscheinen ("nicht kommerziell genug"). Dank "Mann Beißt Film" (Luitpoldring 2a, 85591 Vaterstetten, Tel. 08106 / 303102) hat nun aber jeder Besitzer eines stinknormalen Videorecorders die Möglichkeit, sich mit diesem extrem mutigen "Film", der wie kaum eine andere Indie-Produktion der letzten zehn Jahre unglaubliche formale und inhaltliche Risiken einging, im Original auseinanderzusetzen.
"Gummo" wirkt durch seine völlig verstörenden, von brutalstem Death- und Blackmetal unterlegten Bilder, als würde einem jemand 90 Minuten lang den Finger in den Hals stecken. Vor allem das systematische Verwischen der Grenze zwischen engagiertem dokumentarischen Anspruch und genau kalkulierter, auf Schocks abzielender Inszenierung provoziert heftigste Gegenreaktionen: "Hier werden ja Menschen ausgebeutet", hieß es nicht selten. Ein Vorwurf, dem auch Leute wie Fotograf Joel-Peter Witkin, die den häßlichen Seiten menschlicher Existenz eine erschreckende Anziehungskraft verleihen, also eine völlig neue Form von Ästhetik entwickeln und dadurch unsere normalen Sehgewohnheiten brutal ad absurdum führen, ständig ausgesetzt sind. Andererseits könnte man auch auf Warhol und seine "15 Minuten Ruhm für Jedermann" verweisen.
Die reichlich vorhandenen visuellen Oberflächenreize von "Gummo" sind in überraschend elegante Bilder verpackt - innovativ auf Zelluloid gebannt von Kameramann Jean Yves Escoffier ("Die Liebenden von Pont-Neuf"). Als inhaltlicher Aufhänger diente Korine ein Tornado, der eine Kleinstadt irgendwo in Ohio heimgesucht hat, eine Naturgewalt, die für die Bevölkerung von Xenia nicht folgenlos bleibt: es hat sich eine seltsame Form menschlicher Anarchie breitgemacht, die in zerrissener episodenhafter Form auf den Zuschauer einprasselt; Hosts sind hier zwei äußerst freakige Teenager, die sich ihre Zeit vor allem mit Klebstoff-Schnüffeln und dem Killen streunender Katzen vertreiben. Ansonsten bietet "Gummo" anstelle einer richtigen Handlung eine nicht enden wollende Freakshow, Menschen, von denen man glaubte, es gäbe sie nicht, bzw. deren Existenz man gerne verdrängen würde.
Angesichts dieses vollen Ausmaßes an physischer wie psychischer Deformation scheint der Vorwurf mit der Ausbeutung menschlichen Elends auf der Hand zu liegen, das sich schnell einstellende Unwohlsein hat aber sicher auch mit der Unsicherheit vieler Menschen im Umgang mit Dingen, die ihr Verhältnis zur sogenannten Normalität gefährden, zu tun. "Gummo" konfrontiert den Zuschauer mit einem extremen Zerrbild seiner selbst, mit einigen unangenehmen Wahrheiten, dieser Film läßt einem den individuellen lustvollen Voyeurismus schnell im Halse steckenbleiben. Ein krasses provozierendes Statement zur allumfassenden hirnlosen Boulevardisierung unserer Medienlandschaft.