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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Les Trans Musicales 2005 - Tag 1

Größe verpflichtet

Gegen zehn Uhr haben wir es geschafft. Nach sieben Stunden Reise Richtung Rennes, durchgequetscht durch die üblichen Menschenmassen sowie unerwartete Zollkontrollen in Paris ("Rauchen Sie? Haben Sie Medikamente dabei?") und nach der weiteren Fahrt mit dem TGV von Paris nach Rennes, eingepfercht in
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Gegen zehn Uhr haben wir es geschafft. Nach sieben Stunden Reise Richtung Rennes, durchgequetscht durch die üblichen Menschenmassen sowie unerwartete Zollkontrollen in Paris ("Rauchen Sie? Haben Sie Medikamente dabei?") und nach der weiteren Fahrt mit dem TGV von Paris nach Rennes, eingepfercht in die Trans-vorfreudige Festivalmeute, sitzen wir endlich im Shuttlebus Richtung Veranstaltungsgelände. Aus dem Herzen der Stadt wurde das gesamte Festival nämlich bereits letztes Jahr in den Parc Expo am Flughafen verlegt. Größe verpflichtet. Die immer weiter boomenden Trans müssen eben Platz für die Tausenden von BesucherInnen schaffen - in der Stadtmitte, neben dem alten Veranstaltungsort Liberté, gähnt derweil der tiefe Abgrund einer riesigen Baugrube.

In besagtem Bus stimmen die bereits ordentlich alkoholisierten Teens und Fans zuerst ein Geburtstagslied in fünf verschiedenen Sprachen an, um dann ihre Laune und das ohrenbetäubende Geschrei bei Revolutions- und Saufliedern noch zu steigern. Als wir endlich aus dem zum Partyinferno mutierten Gefährt auf das Gelände stolpern, kommen uns auf den verschlammten Zuwegen immer mal wieder Dreiergruppen von AufpasserInnen entgegen - auf stattlichen Pferdchen.

Unser erster Pflichttermin sind die Fugees, die in wiedervereinigter Dreifaltigkeit die enorme Halle 9 des Parc Expo restlos voll kriegen. Wie zu hören war, wurden ja einige Reunion-Tour-Termine bereits wegen allzu mauen Kartenverkaufs abgesagt. Aber die Begeisterungsfähigkeit der FranzösInnen (siehe Busfahrt) kennt bei solchen Superstar-HipHopHeiligen der 90er Jahre natürlich keine Grenzen. Wyclef Jean trifft mit seinen Bob-Marley-Interpretationen sofort den Nerv des Publikums, das schon restlos euphorisiert herumhopst, noch bevor Lauryn Hill neben Pras und Wyclef die Bühne entert. Dann geht es richtig los: fröhlicher Party-HipHop mit viel Hands-in-the-Air-Flair und mehrstimmigem Geshoute, das aber dermaßen kreuz und quer durcheinander geht, dass es in unseren Ohren schon beinahe kakophonische Ausmaße annimmt. Haben da die paar abgesagten Termine etwa als Probeläufe gefehlt?

Egal. Wir legen einen Zwischenstopp beim niger-französischen Projekt Desert Rebel ein, das in klassischer Touareg-Kostümierung zu semi-traditioneller Wüstenmusik seine rebellischen Texte intoniert, deren Inhalte wir leider nur erahnen können. Der Sänger der Gitarren-orientierten Band, die von Mitgliedern von Mano Negra und IAM komplettiert wird, ruft seit mehr als 20 Jahren zur Schaffung eines autonomen Staates der unterdrückten Touareg auf. Zehn Jahre lang durfte seine Musik deswegen im Niger nicht gespielt werden, jetzt ist Abdallah Oumbadougou einer der populärsten Chanteurs in seiner Heimat.

In der Halle nebenan Szenenwechsel: Statt politisch engagiertem Desert Sound gibt es zeitgemäßen Schweden-Rock mit den Shout Out Louds, die auf der Bühne erstmal durch stylish abgeranzten Holzfällerlook beeindrucken. Leider kommen die soliden Rocknummern in der großen Halle wenig drucklos rüber, werden aber durch die charming Keyboard-Melodien, das Tambourin-Geschüttel und das Mundharmonikagetute des einzigen weiblichen Bandmitglieds gerettet.

Im Gastrobereich der Halle 5 liegt ein bleischwerer Rauchteppich aus Tonnen vergrillten Fleischs in der Luft, was uns in die Haupthalle zum Winston McAnuff & The Bazbaz Orchestra flüchten lässt. Die Liebeslyrics des jamaikanischen Reggaeurgesteins im goldenen Showmantel laden das Publikum zum seligen Schunkeln ein, wir schauen auf die Uhr und denken uns: Morgen ist auch noch ein Tag. Ab durch den Matsch in den Shuttlebus, wo es schon deutlich ruhiger zugeht. Übergeben muss sich zum Glück niemand.