×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die Mutter der Dämonen

Grimes im Gespräch

Die Kanadierin Claire Boucher a.k.a. Grimes ist nicht nur DIY-Musikerin, sondern auch Stilikone und Feministin. Anlässlich ihres neuen Albums »Art Angels« sprach Henje Richter mit ihr. Mit dem Auto ging es quer durch Paris und dabei um Inspiration, künstlerische Kontrolle und die Dämonen, die sie antreiben.
Geschrieben am
Der mexikanische Horrorfilm-Regisseur Guillermo del Toro (»Pan’s Labyrinth«) sagte einmal, dass er als Kind große Angst vor den Monstern unter seinem Bett gehabt habe. Also beschloss er eines Tages, sie einfach zu seinen Freunden zu machen und sie so zu zähmen. In Paris, auf dem Rücksitz einer Luxuslimousine sitzend und auf dem Weg zu einer Anprobe für ihr DJ-Set auf der Louis-Vuitton-Party am nächsten Abend, erzählt Claire Boucher, dass es ihr ganz ähnlich ergangen sei: »Als Kind hatte ich ständig Angst. Angst vor all den Dämonen, die meine schlechten Gedanken lesen und mich dafür bestrafen würden.« Sie wirkt jünger als 27 Jahre, ist zierlich, noch ungeschminkt und ungestylt.

Hier spricht nicht die energetische Bühnengestalt Grimes, sondern Claire Boucher, aufgewachsen im ländlichen Kanada und erzogen in einer erzkatholischen Schule. Es war ein weiter Weg von dort nach hier: über Montreal, Los Angeles bis nach Paris zur Fashion Week. Doch die Dämonen sind immer noch da, nur verwandelt. »Diese Wesen haben immer noch die Kontrolle über meine Inspirationen«, erklärt sie. »Aber ich habe begonnen, sie als meine Kunstengel zu bezeichnen, meine ›Art Angels‹.«
Ihr neues, fünftes Album hat Boucher nun nach ihren übernatürlichen Begleitern benannt. In der öffentlichen Wahrnehmung könnte es genauso gut ihr zweites Album sein, denn ihre ersten drei wurden teils in Eigenregie veröffentlicht, sie selbst bezieht sich kaum noch darauf. Erst ihr viertes Album »Visions« und der Hit »Genesis« von 2012 hatten ihr mit der Mischung aus süßen Synthpop-Melodien und rauem DIY-Charme zum großen Durchbruch verholfen. Rückblickend wird auch schon in diesen Titeln der religiöse Bezug deutlich: »Meine Musik ist eine Auseinandersetzung mit den Schrecken erregenden Elementen des Katholizismus«, so Boucher.

Sie hat die Kontrolle über ihre Dämonen gewonnen, indem sie diese akzeptierte und in eine Spaßkapelle in ihrem Kopf verwandelte. »›Grimes‹ war nur die erste Gestalt, der ich bewusst begegnete und die mit Leben gefüllt wurde. Inzwischen spielt in mir eine komplette Girl-Band aus verrückten dämonischen Alter Egos«, sagt sie. Sie identifiziere sich auch stark mit Daenerys Targaryen, der »Mutter der Drachen« aus »Game Of Thrones«. »Hoffentlich klinge ich nicht allzu verrückt!« fügt sie hinzu.

Natürlich klingt das alles bisweilen total durchgeknallt, und das weiß Boucher auch, aber ihre Devise ist eben: »Was ist das Verrückteste, das ich mit den Mitteln anstellen kann, die ich habe?« Denn obwohl mit ihrem Erfolg auch ihr Budget gewachsen ist, ist es nicht das einer Charts-Diva. Sie muss immer noch haushalten. Deshalb nutzt sie ihren Besuch in Paris, um nebenbei das Video zu ihrer Singleauskopplung »California« zu drehen. Und es passt zu ihrer DIY-Einstellung, dass einer ihrer Brüder dabei Regie führt. »Wir hatten eine grobe Idee von dem, was wir machen wollten. Aber ich mag es nicht, alles zu genau zu planen«, sagt sie. »Denn wenn dann etwas schiefgeht, ist alles umsonst gewesen.« Ähnlich geht sie auch mit ihrem sprunghaften Twitter-Feed um, oder ihrem wilden Tumblr. Sie will nicht von Anfang an die Kontrolle über alles behalten – sondern lieber am Ende alles beherrschen. Es ist ein Spiel mit Grenzen, mit kleinen Kontrollverlusten und mit Unberechenbarkeiten, das sie irgendwie auch gerne spielt. »Improvisationen sind dabei genauso wichtig wie die kreativen Grenzen«, gesteht Boucher.

Die Grenzen ihrer Musik haben sich mittlerweile immer mehr geweitet. Hatte sie »Visions« noch mit der Apple-Standardsoftware GarageBand aufgenommen, so ist nun ein kleines Heimstudio entstanden. »Ich bin zu Ableton gewechselt, nutze mehr analoge Amps und spiele auf dem neuen Album auch Gitarre«, berichtet sie. »Ich bin aber keine Puristin. Im Zweifel bin ich mit Plug-ins zufrieden.« Vor allem hofft sie, dass die Diskussionen um ihre technischen Fähigkeiten mit »Art Angels« ein Ende haben werden. »Einige Leute hatten Bedenken, ob ich technisch professionell genug arbeiten könne. Und das nur, weil ich eine Frau bin.«

Es ist ein Thema, das sie in den letzten Jahren immer wieder angesprochen hat und das ihr wichtig ist. »Ich möchte nicht wie ein Alien behandelt werden, nur weil ich eine Frau bin und mit Technik umgehe. Ich will als Künstlerin nicht auf mein Geschlecht oder meinen Körper reduziert werden.« Die Ironie des Schicksals: Inzwischen sind wir auf dem Rückweg von der Anprobe, bei der eine Modefirma sie gerade für ihren kommenden Auftritt mit einer passenden Garderobe ausgestattet hat.

Insgesamt ist Boucher aber dabei, immer mehr Macht über ihre Musik und ihr Leben zu gewinnen. Ihr Erfolg hilft dabei mehr als alles andere, und sie möchte nun auch anderen Künstlern ermöglichen, davon zu profitieren. »Ich habe deshalb die Eerie Organization gegründet. Es ist kein Label, dafür hätte ich nicht die Zeit«, erzählt sie. »Es ist eine Tumblr-Plattform sowie ein Künstlerkollektiv, das anderen helfen soll, bessere Labeldeals zu bekommen.

Erster Schützling ist Nicole Dollanganger, die sie auch auf Tour begleiten wird. »Es geht darum, sie bekannter zu machen, denn sie ist wirklich fantastisch. James hilft auch mit.« Zu viele Freunde hätten ausbeuterische Verträge mit Labels schließen müssen und ihre künstlerische Kontrolle verloren, erzählt sie. Sie bewundere Janelle Monáe, die einen Gastauftritt auf dem neuen Album hat: »Sie hat die volle Macht über ihre Karriere und muss keinerlei Kompromisse mehr eingehen. Dort will ich auch hinkommen.« Die Kontrolle über ihre Dämonen hat sie schon – der Rest wird folgen.