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Depeche Mode

Grillen mit

Immer wieder ein seltsames Gefühl: Gerade erst hat man ein Album zum allerersten Mal gehört, in diesem Fall gar nur sieben Stücke, und schon soll man darüber reden. Mit Kollegen, Plattenfirmenleuten und auch mit der Band. Und es ist nicht irgendeine, sondern Depeche Mode. Seit 25 Jahren die Elektro-
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Immer wieder ein seltsames Gefühl: Gerade erst hat man ein Album zum allerersten Mal gehört, in diesem Fall gar nur sieben Stücke, und schon soll man darüber reden. Mit Kollegen, Plattenfirmenleuten und auch mit der Band. Und es ist nicht irgendeine, sondern Depeche Mode. Seit 25 Jahren die Elektro-Pop-Band schlechthin, eine der wenigen unter den Pop-Dinosauriern unserer Tage, die nie den Kontakt zu den spannenden Entwicklungen in ihrem Terrain verloren hat, die nicht vor lauter Zeitgeistdruck in den Verzweiflungsstrudel (wie beispielsweise Madonna) geraten ist und zu bemüht zu viel in die eigene Welt integrierte - Depeche Mode haben den sagenumwobenen Schlüssel zur dynamischen Konstanz in sich selbst gefunden.

Das neue Album heißt "Playing The Angels", erscheint am 14. Oktober und ist deutlich rockiger als der Vorgänger "Exciter". Man merkt, und das wird Dave Gahan ein paar Minuten später auch bestätigen, dass die Band wieder mehr zu einer solchen wird. Verbrachten sie in den 90ern viel Zeit getrennt im Studio (Gahan kam eigentlich nur zum Einsingen vorbei), nur zusammengehalten durch den Schlichter und Vermittler Andy Fletcher, so waren sie für das aktuelle Album nicht nur wie schon bei "Exciter" alle drei permanent anwesend, nein, diesmal hört man die Mehrköpfigkeit auch heraus. Gahan bringt sein ganz offensichtlich durch das Soloalbum erlangte Selbstbewusstsein voll mit ein. Das Album ist somit ein Mix aus Rock und Elektronik, den Soundwelten der beiden prägenden Mitglieder, geworden.

Einen schönen Event hat sich das Label da ausgedacht: Nicht bloß die Songs hören, sondern danach auch ein kurzer Smalltalk mit jedem aus der Band. Klar, viele wollen drankommen, man muss es also kompakt machen, aber passt schon, schließlich stehen die regulären Interviews noch an, wenn das ganze Album vorliegt. Und das wird bald sein, denn wie die drei signalisieren, sollen noch Ende dieser Woche, also zum 08.07., alle Stücke fertig sein - und sogar noch ein paar mehr für exklusive Single-B-Seiten. Deswegen halten sie sich auch mit Trinken zurück, während alle anderen den Regen und das kalte Wetter, die das Grillen zunächst zu sabotieren scheinen, ihm letztlich aber nichts anhaben können, erträglich trinken. Zu essen gibt es übrigens, dank eifrigen Intervenierens im Vorfeld, neben dem unumgänglichen Fleisch auch jede Menge Vegetarisches. Gut so.

Als Erster wird Dave Gahan zum Smalltalk angeschleppt. Und dafür, dass er den Entry bestimmt schon zwanzig Mal gebracht hat, kommt er so persönlich rüber, dass man wirklich denkt, er sei nur wegen einem selbst trotz Produktionsstress' erschienen. Er zeigt sich vor allem am Feedback zu seinen Songs sehr interessiert, ist überrascht, aber auch geschmeichelt, dass sie sowohl textlich als auch musikalisch erkennbar sind.

Weniger künstlerisch gibt sich Andy Fletcher, der ja auch als der Geschäftsmann der Band gilt, im Gespräch. Sein Statement: Man muss erst mal die erste Single im Sack haben, damit man ins Radio kommt - denn sonst funktioniert das alles nicht. Danach kann man immer noch experimentieren. Nun ja, da kann er beruhigt werden: "Precious" erfüllt diesen Anspruch locker, besitzt Catchiness und Signifikanz im Übermaß. Des Weiteren erzählt Fletcher noch Organisatorisches über die Tourvorbereitung. Beispielsweise, wie die Band ihre Setlist zusammenstellt: Jeder schreibt seine Toptitel auf einen Zettel, die Übereinstimmungen werden genommen. Das geht dann mehrere Runden so, bis man eben auf genügend Titel kommt. Und es sei bei weitem kein leichter Prozess, gibt er noch zu verstehen, dann muss er sich aber auch schon wieder um seinen hyperaktiven Sohn kümmern, der gerade den DJs neben uns das Scratchen beibringen will.

Dafür schaut auch schon Martin L. Gore vorbei, ebenfalls in Begleitung eines seiner Kinder, nämlich seiner 14-jährigen Tochter. Ein guter Anlass, ihn zu warnen, wie gefährlich dieses Alter sei, schließlich habe ich gerade erst im Flugzeug gelesen, was für einen lauten Streit Sir Bob Geldof bei Live 8 mit seiner 14-jährigen Tochter hatte, da diese, statt um 0:30 Uhr wie ausgemacht ins Bett zu gehen, aufgestylt von Aftershow-Party zu Aftershow-Party rennen wollte. Eine Gefahr, die bei Gore aber nicht besteht - er scheint ein sehr entspannter Daddy zu sein. Damit aber genug Gala-Talk. Schließlich muss ja noch über den Videodreh gesprochen werden, den die Band gerade Ende Juni in London mit dem deutschen Regisseur Uwe Flade (u. a. Franz Ferdinand, "Michael"; Dave Gahan, "Bottle Living"; aber auch schon Depeche Mode selbst mit "Enjoy The Silence 2004") abgedreht hat. Wobei abgedreht nicht wirklich passt, schließlich standen sie, so Gore, nur einen Tag in der Bluebox-Kulisse rum. Der eigentliche Clip entsteht erst in einer sehr aufwändigen und langwierigen Postproduktion, wird irgendwie futuristisch, aber ehrlich gesagt habe er noch keine Ahnung, wie der genau aussehen wird, aber die Band vertraue Flade voll und ganz.

Ansonsten gilt es noch zu berichten, dass sich viele Freunde der Band eingeschlichen haben, um diese nach all der Studioarbeit auch mal wieder, wenn auch nur kurz, zu sehen zu bekommen. U. a. anwesend: Anton Corbijn, der aber intensiv mit Bono am Handy zugange ist - es geht wohl um den gerade von ihm veröffentlichten Bildband "U2&i" (Schirmer/Mosel 2005), der dank Luxusaufmachung schlappe 98 Euro kostet und trotzdem bereits 21.000 Mal wegging. Hmm, Punkrock ist das aber nicht mehr.

Eine ausführliche Nachlese zur Listening-Session findet sich genauso auf intro.de wie eine längere Version dieses Grillberichts.