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25 Jahre Dancehall-Dominanz

Greensleeves Records

Chris Cracknell sieht nicht gerade so aus, wie man sich den Mitbesitzer und A&R-Manager des wohl größten Reggae-Labels der Welt vorstellt. Braungebrannt sitzt der blonde Engländer in seinem Büro in Isleworth südlich von London vor mir, nervös an seiner Zigarette ziehend. Den Interviewtermin hat er i
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Autor: Uwe Lehr

Chris Cracknell sieht nicht gerade so aus, wie man sich den Mitbesitzer und A&R-Manager des wohl größten Reggae-Labels der Welt vorstellt. Braungebrannt sitzt der blonde Engländer in seinem Büro in Isleworth südlich von London vor mir, nervös an seiner Zigarette ziehend. Den Interviewtermin hat er irgendwie vergessen, dazu kommt, dass heute der zwanzigste Todestag von Bob Marley ist und BBC Radio1 gleich ein Live-Interview mit ihm zu diesem Thema senden will. "Mein Gott", entfährt es Cracknell genervt, "in den letzten 20 Jahren sind so viele brillante Reggae-Tracks veröffentlicht worden, und ich muss immer noch Fragen wie ‚Starb Reggae mit Bob Marley?' beantworten!"

1975: Pop, Soul Und Reggae
In West Ealing am Rande Londons eröffnete im Dezember 1975 der erste Greensleeves-Plattenladen. Neben dem normalen Pop-Sortiment gab es eine ausgewählte Soul- und Reggae-Selection, denn in der Gegend lebten viele Jamaikaner. "Wir importierten Soul-Platten aus den USA und Reggae aus Jamaika. Die Soul-Importe waren sehr gut organisiert - im Gegensatz zu den Jamaika-Importen. Das lief dann ungefähr so: Jemand nahm ein Stück in Jamaika auf, schickte es auf Tape seinem Onkel in England, der wiederum davon ein paar Platten presste und sie an die Plattenläden verkaufte. Das Problem war, dass potentielle Verkaufshits nicht nachgepresst wurden und stattdessen immer wieder neue Tracks nachkamen. Alben gab es meist nur in weißen Hüllen, da niemand in Jamaika die Möglichkeit hatte, ein vernünftiges Albumcover zu erstellen. Kurzum: Wir entschlossen uns dazu, es selbst in die Hand zu nehmen und ein eigenes Label zu gründen."

Ein Freund baute damals den Kontakt zur jamaikanischen Szene auf. "Wir gaben ihm eine Liste mit Tracks, die wir rausbringen wollten, und er ging damit zu den Produzenten und Künstlern. Wir hatten uns vorgenommen, mit den Leuten vernünftige Verträge abzuschließen, was dort damals absolut unüblich war. Dazu gehörte zum Beispiel auch, den Künstlern und Produzenten Vorschüsse zu bezahlen, was in Jamaika bis dahin niemand kannte. Die heimischen Labels fanden das natürlich gar nicht gut, aber auf diese Art und Weise gewannen wir das Vertrauen der Künstler und Produzenten. Und das war schließlich das, was zählte."

1977: Punk Und Reggae
Gegen Ende der Siebziger wurde Punk das große Ding, und Reggae fuhr in dessen Windschatten mit. Punk- und Reggae-Künstler wie die Sex Pistols und Dillinger traten damals gemeinsam auf. Dementsprechend veränderte sich das Konsumverhalten. Plötzlich gab es auch eine Nachfrage nach Reggae-Alben - und Greensleeves kam dieser nach. Das erste Album war "The Best Dressed Chicken In Town" von Dr. Alimentado, der zuvor bereits einige Singles auf dem Label veröffentlicht hatte. "Damals gab es eine Show im Radio, in der Künstler ihre zehn Lieblingsplatten vorstellen konnten. Johnny Rotten war in der Show, kurz bevor das Alimentado-Album rauskam, und wählte dessen Single "Born For A Purpose" auf Platz 1 seiner Charts." Damit hatte Greensleeves den bestmöglichen Einstieg ins Album-Business geschafft, denn die Platte verkaufte sich für damalige Reggae-Verhältnisse grandios.

Als im Zuge der Marley-Euphorie immer mehr "Roots-Rock-Reggae"-Produktionen erschienen, widerstand man bei Greensleeves dem lukrativen Trend und setzte stattdessen weiterhin auf originär jamaikanische Produktionen. Und die klangen ganz anders. Die Dancehall-Szene, vor dem Roots-Reggae-Hype das bestimmende Element auf der Insel, brodelte wieder. "Während andere Firmen damals im Zuge der Popularisierung des Reggae gerne mal ein paar Rockgitarren hinzufügten, um das Ganze einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, haben wir uns in all den Jahren immer an der Basis in Jamaika orientiert. Unsere Platten waren in erste Linie für die weltweite jamaikanische Gemeinde gemacht. Wir wollten den Hardcore-Style repräsentieren, das, was wirklich auf Jamaika abgeht."

80er: Dancehall
Anfang der Achtziger gab es einen Umbruch in Jamaika. King Tubby, Meister des Dub und unangefochtener Mix-König der Insel, überließ das Mischpult anderen aufstrebenden Produzenten. "Channel One" war das Studio der Stunde, und Henry Junjo Lawes saß dort hinter den Reglern. Mit der Roots Radics Band im Rücken sollte er die jamaikanische Musikszene für die nächsten Jahre dominieren. Greensleeves begann, mit ihm zusammenzuarbeiten. "Junjo kam damals mit dem ‚English Man'-Album von Barington Levy im Gepäck nach London. Begeistert von dem, was wir hörten, gaben wir ihm Geld mit, um noch mehr Sachen zu produzieren." Eine gute Investition, denn in Folge produzierte Junjo eine Reihe von Alben mit jungen aufstrebenden Artists wie Eek-A-Mouse und Yellowman, einem jamaikanischen Albino, der die Dancehall der 80er Jahre in beeindruckender Weise bestimmen sollte. "Yellowman hatte damals einen unglaublichen Erfolg. Zum Höhepunkt seiner Karriere Mitte der Achtziger gab es 60 bis 70 Yellowman-Platten auf dem Markt. Jeder Produzent wollte mit ihm arbeiten."

Als Greensleeves anfing, mehr und mehr Dancehall-Produktionen zu veröffentlichen, stieß das anfangs vor allem bei den Kritikern auf Unverständniss. "Viele sogenannte Reggae-Kenner kamen damals zu uns und beschimpften uns regelrecht, wie wir denn solche Musik veröffentlichen könnten. Die wollten unbedingt ihren Roots-Flavour. Wir jedoch wollten Musik, die Spaß macht, zu der man tanzen kann. Witzigerweise gehören gerade die ersten Dancehall-Produktionen der Achtziger Jahre heute zu den absoluten Klassikern."

1986: Sleng Teng Riddim
Ein Zufall sogte dafür, dass sich die Szene 1986 abermals nachhaltig verändern sollte. Prince Jammy (heute King Jammy) arbeitete schon länger in King Tubbys Studio, produzierte u. a. das erste Black-Uhuru-Album. Um neues Equipment zu kaufen, reiste er in diesem Jahr nach London. "Jammy wollte immer auf dem neusten Stand sein, was Studio-Technik anbetraf, und so ging er in einen Shop, um ein paar Mikrofone zu kaufen. Er kam anschließend zu uns ins Office und zeigte uns ein kleines Casio-Keyboard, das er entdeckt und gleich gekauft hatte. Zurück in Jamaika wurde das Keyboard sofort ausprobiert. Ein Druck auf die Start-Taste, und es erklang ein Demo-Song, der vom Werk aus einprogrammiert war. Jammy veränderte nur die Geschwindigkeit, und der Sleng Teng Riddim war geboren."

"Under Mi Sleng Teng" von Wayne Smith war der erste rein digital produzierte Track des Reggae und der Ursprung des heutigen Dancehall-Sounds. Jammy wurde über Nacht Jamaikas Producer Nummer Eins. Die von Greensleeves veröffentlichte Single blieb sechs Monate auf Platz 1 der englischen Reggae-Charts. Bis heute wurden mehr als 200 Versionen des Riddims veröffentlicht. "Wenn du in dieser Zeit als Produzent einen Track machen wolltest, musstest du den Sleng Teng Riddim nehmen und ihn so gut wie möglich kopieren. Die Leute wollten nichts anderes hören."

90er: Digitaler Dancehall
Wenn Jammy der Erfinder des digitalen Dancehall war, so war es Augustus ‚Gussie' Clarke, der den Sound Anfang der Neunziger Jahre perfektionierte. Die in seinem Studio "Music Works" entstandenen Tracks regierten ab sofort die Dancehall. Songs wie "Rumours" von Gregory Isaacs oder "Telephone Love" von J. C. Lodge wurden große Hits in der Reggae-Szene. "Eines Tages rief Gussie bei mir an und sagte: ‚Chris, da ist ein Typ, mit dem ich gerade einen Track aufgenommen habe, der ist unglaublich. Ich habe noch nie einen so talentierten Jungen produziert, der wird ganz groß raus kommen. Sein Name ist Shabba Ranks'." Und so sollte es kommen. Doch während Shabba Anfang der Neunziger internationale Erfolge feierte, wuchs in Jamaika bereits die nächste Generation junger Artists heran.

Auch wenn Greensleeves mit seinen Verbindungen in die Kingstoner Studio-Szene immer die neuesten Trends der Insel aufschnappte, war es ein New Yorker, der dem Londoner Label nach 18 Jahren den ersten Nummer-1-Hit in den englischen Charts bescherte. "'Oh Carolina' von Shaggy war nicht wirklich das, was zu der Zeit in der Dancehall lief. Es war ein Party-Stück, das man schon als Klassiker von den Folkes Brothers kannte, und wir fanden einfach, dass es ein großer Track war. Niemand von uns dachte damals daran, dass ‚Oh Carolina' ein internationaler Chart-Hit werden könnte. Viele jamaikanische Produzenten haben schon versucht, Radio-kompatible Hitsingles zu produzieren, meistens wurde es ein Desaster. Alle Reggae-Tracks, die in die englischen Charts gingen, waren ursprünglich nur für die ‚Jamaican Community' bestimmt. So auch Beenie Mans ‚Who Am I' oder Mr. Vegas ‚Heads High'."

2001: Vergangenheit Und Zukunft
Greensleeves Records hat bis heute mehr als 800 Singles und 300 Alben rausgebracht. Es gibt wohl kaum einen etablierten Dancehall-Künstler, der nicht schon auf Greensleeves veröffentlicht hat. Dabei verfolgt das Label seit 25 Jahren die gleiche Linie. Möglichst nah am Geschehen - sprich in Kingston/Jamaika - zu sein und vor allem die dortigen Eigenheiten des Reggae-Mikrokosmos zu respektieren. "Viele Labels haben in der Vergangenheit versucht, Reggae-Künstler mit Verträgen an sich zu binden. Doch so kommst du im Reggae-Business nicht weiter. Die Produzenten in Jamaika geben den Ton an, das war schon immer so. Der Produzent hat eine Idee und produziert einen Riddim. Darauf lässt er dann die Top-Artist singen oder Deejayen. So gibt es schnell 20 bis 30 Versionen von diesem neuen Riddim. Du musst in Jamaika immer präsent sein, sonst nimmt ein anderer deinen Platz ein. Für einen Jamaikaner gibt es nichts Größeres, als dort die Nummer Eins zu sein. Deshalb nehmen wir auch keine Künstler exklusiv unter Vertrag, sondern lassen sie in Jamaika auf ihren eigenen Labels veröffentlichen. Das ist dann im Endeffekt auch gut für uns."

Im schnelllebigen Dancehall-Geschäft hat man als Künstler meist nur wenige Jahre Zeit, sein Geld mit Produktionen, Live-Gigs und Dubplates zu verdienen. Ein Hype ist schnell verflogen, und jede Menge Talente warten schon vor den Türen der Kingstoner Studios auf ihre Chance. Hört man sich vor Ort um, so gilt zum Beispiel Bounty Killer, vor zwei Jahren noch der Top-Star, als out. Umso wichtiger ist es für ein Label wie Greensleeves, immer am Puls der Zeit zu sein. Dass ihnen das auch nach 25 Jahren gelingt, ist wohl das Geheimnis des großen Erfolgs. Auch die aktuellen Neuzugänge Elephant Man, Red Rat, Ward 21, Bushman und vor allem Mr. Vegas haben bereits erste Hits in den Reggae-Charts plaziert.