×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Pantera

great, southern, no trendkill

Vinnie Paul verzieht das Gesicht bei dem Gedanken an einen im Pinnchen servierten PANTERA. In Spanien gewesen sei er schon oft, aber an den dort sehr gefragten Drink mag er sich nicht erinnern - eine der Hauptwirkungen dieses Nervengiftes. Privat scheint sich der Drummer eher für boots denn für booz
Geschrieben am

Autor: intro.de

Vinnie Paul verzieht das Gesicht bei dem Gedanken an einen im Pinnchen servierten PANTERA. In Spanien gewesen sei er schon oft, aber an den dort sehr gefragten Drink mag er sich nicht erinnern - eine der Hauptwirkungen dieses Nervengiftes. Privat scheint sich der Drummer eher für boots denn für booze zu interessieren. Texanische Schuhmode hat es ihm angetan: Obwohl beileibe keine unscheinbare Erscheinung, besteht der Mann beim Interview hauptsächlich aus seinen Penisstiefeln, Pythondekor muß schon sein, wo doch VIVA heute da war. Er schlägt die baumdicken Beine übereinander. Die Ketten rasseln, und er lacht das breite Lachen eines Südstaatlers. Sicher sei er mit sich und der Welt zufrieden, wo er doch auf dem neuen PANTERA-Output „The Great Southern Trendkill“ seiner Ballerbude wieder die Sporen gibt, daß es eine Art hat. Dies sei das bisher beste Album der Band, gibt er das abgeschlangenledertste Statement der ganzen Rockgeschichte zu Protokoll. Überraschenderweise setzt es eine fundierte Begründung: Zum ersten Mal in der ganzen Bandhistorie sei der Baß zu hören. Eine Revolution, eine soundtechnische, keine inhaltliche wohlgemerkt. Rex vermag an seinem Baß nichts besonders Entscheidendes. So dient sein Gebotter allein dazu, die ohnehin schon, nun ja, beeindruckende wall of sound zu einem bombastischen Klangmonolithen aufzumörteln.

Python & Pfefferminze
Gigantomanie war noch nie ein Fremdwort für PANTERA. „Vulgar Display Of Power“, das ‘92er Album vor „Far Beyond Driven“, mit dem PANTERA endgültig in die Annalen des Härterlauteraggressiver eingegangen sein dürften, war haargenau so gemeint, wie es der Titel impliziert, „The Great Southern Trendkill“ ist es dummerweise nicht. Viel kostbare, wenn auch seit dem Erwerb des eigenen Studios irgendwo in der J.R. Ewing-Prärie nicht mehr ganz so kostspielige Studiozeit wurde einmal mehr darauf verwendet, den Sound so fett wie nur möglich zu machen. Dabei geht es allenfalls als Nebeneffekt um eine Präzisierung irgendeines künstlerischen Ausdrucks. Das Drehen an der klangtechnischen Daumenschraube ist eher schon Selbstzweck. Mit geradezu kindlicher, nein kindischer Freude steigert man den Aggressivitätslevel, und wenn man diesen verlegenheitshalber in Dezibel mißt, soll es PANTERA auch recht sein. Was dahinter steckt, verrät der Albumtitel: das Unbehagen darüber, Popmusik zu machen und musikalische wie auch kommerzielle Standards gesetzt bzw. verbrochen zu haben. Popstar werden ist nicht schwer, Popstar sein dagegen sehr, möchte man als Gutmensch, der man ist, tröstend durch Vinnies güldne Ohrringe flüstern. Heile, heile Gänschen - oder doch lieber ein zynisches welcome to the machine?
Ein typisches Verhalten für alle Bands, die sich in irgendeiner Form auf das R&B-Erbe - man nehme nur die traditionsbewußten Gitarrenparts - berufen: Zunächst wird die Welt in Saitenquäler und sequencer-heads aufgeteilt, anschließend sich auserbeten, in Fußballstadien spielen zu dürfen, ohne jemals in die credibility-zerstörende top fourty der versammelten Knöpfchendrücker zu geraten. Und wenn’s dann doch passiert ist, wird justamente die Welt nicht mehr verstanden, wo man sich doch mental noch immer in einer abgefuckten Garage glaubt, sich dort möglichst neurotisch oder schlicht asi aufführt und lecker Pfefferminzlikör schlört, um im folgenden in aller Ruhe selbiges noch einmal als Single auszukoppeln, Sie müssen schon entschuldigen, diese ganze Verwirrung und ach! Und so enthält die neue namens „Drag The Waters“ all die kompositorischen Vorlieben, die in „Cemetery Gates“ und „I’m Broken“ ebenfalls schon offenbar wurden: Die Gesangslinie kommt verdächtig bekannt, PANTERA-typisch geradezu, daher, Vinnie Paul spielt sein Lieblingsbreak - eine punktierte Sechzehntel mit anschließender Zweiunddreißigstel, verteilt auf Crash und Snare - und all das. War „I’m Broken“ streckenweise rhythmisch nicht unbedingt ganz leicht aufzufassen, hat man auf solche rezeptionserschwerende Mätzchen diesmal verzichtet. Ein programmierter Hit.

Psychopathen & Pimostiefel
Würde natürlich niemand zugeben. Vinnie Paul in seiner Funktion als Bandsprecher schon gar nicht. Er verweist anläßlich solcher Unterstellungen gern auf „Suicide Part I“, ein langsamer, unheilschwangerer Track voller Synthie-Mystik, auf den man mit Fug und Recht stolz sein könne. Die Struktur ist eher amorph, musikalisch diffus lebt der Track von einer unterschwelligen Bedrohlichkeit. Doch anstatt das Grauen in seiner Namenlosigkeit zu belassen, denkt man sich einen Titel aus, der auf kaum mehr als Pubertätsschwierigkeiten hinweist. Mehr noch: Es folgt „Suicide Part II“, ein wildes, albernes Rumgethrashe, wie es längst aus der Mode gekommen gehört - merkwürdige Auffassung von „Trendkill“. „Das ist doch ein irrer Effekt“, befindet Vinnie, „wenn es aus dieser doomigen Atmosphäre heraus plötzlich explodiert.“ Spricht’s und singt’s noch einmal nach. „Indeed, very effective.“
Zur vollendeten künstlerischen Reife ist es also noch ein weiter Weg. Auf dem Weg dorthin umschiffen die Trendsetter knapp, aber souverän die Klippe des Selbstplagiats, eine gigantische Leistung eigentlich, wo das Etappenziel das immer gleiche ist: die härteste Rockband der Welt zu bleiben. Na ja, Mittlere Reife ist auch was.