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Hurricane

Grace Jones

Grace Jones ist zurück. Diesmal nicht als schlecht in Szene gesetzte Statistin in dem endmiesen Falco-Biopic „Verdammt, wir leben noch“, sondern als the real thing.
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Grace Jones ist zurück. Diesmal nicht als schlecht in Szene gesetzte Statistin in dem endmiesen Falco-Biopic "Verdammt, wir leben noch", sondern als the real thing.

Zurück als Performerin, Sängerin und auch als eingelöstes Versprechen - Versprechen auf Pop ohne die Gefahr von drastischen Aktieneinbrüchen, da die Protagonistin noch im Teenageralter ist oder selbiges gerade nachholen muss. Dass wir es dabei mit einer im System Pop eigentlich viel zu alten Person zu tun haben, 60 ist sie wohl, macht die Sache noch spannender. Grace Jones ist gelungen, wovon alle Frauen, vor allem in der Showbranche, nur zu träumen wagen (und da können sie noch so viel zwischen Bel Air und Miami bei Ärzten vorbeischauen): Sie steht über dem Alter, singt derart erhaben, sodass keiner auch nur irgendeiner wagen könnte, dagegen zu wettern. Mehr noch: Das Thema kommt gar nicht erst auf die Agenda. Kurzum: Grace Jones ist der Mensch gewordene Dorian-Gray-Traum von der Unsterblichkeit, etwas, von dem in Pop nur wenige berührt werden.

Und mal ehrlich: Wer hatte sie noch auf der Rechnung, 20 Jahre nach ihrem letzten Pophauch? Grace Jones schien ein verschütt gegangener Smaragd, der nur noch ab und an in den Galas dieser Welt auftauchte, zumeist viel zu klein gedruckt, im Schatten der oben genannten Protagonistinnen, oder in Bootleg-Mixen, die an ihre herausragenden Produktionen in den 70ern (Disco) und 80ern (New Wave, Dub, Pop) erinnerten (der pfiffige Strippenzieher DJ Hell legte legal Remixe von "I've Seen That Face Before" auf).

"Nothing last forever / the only constance is change" - Widerspruch und Wahrheit in zwei Textzeilen von "Sunset Sunrise", einem schön getriggerten Reggaestück im freigeistigen Verständnis der Produzenten-Legenden Sly & Robbie, mit denen die Jones für "Hurricane" wieder zusammenarbeitete und so an frühere Kooperationen anknüpfte. An dieser Wahl gab es nach ihrer Auskunft nie den Hauch eines Zweifels, die beiden jamaikanischen Landsleute sind ihre "weapon of choice", wenn es ums Produzieren geht (denn merke: Veränderung ist auch mit konstanten Rahmenbedingungen möglich, sie entsteht vor allem aus Ambition), genauso zwingend, wie es ihre Stimme ist, wie sie uns im Opener des Albums, "This Is", ansagt.

Das ist jedoch nur die eine Seite der Medaille. Grace Jones war schon immer mehr als nur die Stimme. Ihre Waffe, wenn wir uns mal auf die von ihr eingeführte Terminologie einlassen wollen, ist sie als Ganzes. Dementsprechend gibt es für sie keine Rolle, die sie nicht einnehmen kann und darf: Auf dem Album wildert sie allen anderen Rollen voran als "Corporate Cannibal" (der erste Song des Albums, der öffentlich wurde und, nicht zuletzt wegen des Clips von Nick Hooker, ziemliche Wellen schlug: ein mystisch dunkles Monster, wunderschön schimmernd in seiner Abgründigkeit), melancholischen Ballade "I'm Crying (Mother's Tears)" heult sie die Tränen ihrer/einer Mutter in der und fegt eben wie ein "Hurricane" energisch durch unsere Körper hindurch. Zu greifen werden wir Grace Jones nie bekommen, da kann man "Love You To Life", dieses angenehm Uptempo produzierte glitzernde Reggae-Stück, noch so sehr textlich reduzieren auf die ersten beiden Worte, getragen von der Begierde, die diese Frau in einem zu wecken weiß. "Hurricane" ist eine Produktion, wie wir sie nur noch selten zu hören bekommen werden: Klassisch, auf einen Superstar der alten Zeitrechnung zugeschnitten, der das Facettenreiche der Songs (neben der großen Konstante Reggae gibt es Ausbrüche in dunkle Electronica, Dub und auch Schmonzpop, beispielsweise im Refrain der ersten Single "Williams' Blood", die leider dadurch den pathetischen Charakter des restlichen Arrangements etwas verwässert) so leicht in die Homogenität zu bringen weiß, wie es eben nur wenige dieser heute durch die Studios gejagten kleinen Monster hinbekommen. Bitte, bitte, wir wollen nichts verklären, solche Monster gab es natürlich auch in den 70ern und 80ern viele, aber da einschränkende Nebensätze (in Klammern) bekanntlich die Lektorin nerven, wollen wir diese hiermit auch auslaufen lassen. Punkt. Punkt. Punkt.

Auf Wiedersehen sagt Grace Jones mit "Devil In My Life", einem einmal mehr kraftvoll monumentalen Großgemälde. Man kann nur hoffen, dass sie sich dem Kraftakt stellt und dass mit "Hurricane" zum vierten Mal in ihrer Karriere eine Trilogie von Alben ihren Anfang gefunden hat. Großes Album einer der größten Künstlerinnen unserer Zeit.
Thomas Venker

Grace Jones "Hurricane" (Wall Of Sound / Pias / Rough Trade)