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Standing In The Way Of Control

Gossip

Beth liegt auf dem Boden vor dem Tisch mit den Platten, ein funkelndes Grinsen im Gesicht. Sie hat gedroht, nicht mehr aufzustehen, wenn das Publikum bei der Zugabe nicht völlig abfreakt. Aber in einem halb leeren Raum im deutschen Hinterland - jenseits aufmerksamer Medienstädte - kommt selbst bei e
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Beth liegt auf dem Boden vor dem Tisch mit den Platten, ein funkelndes Grinsen im Gesicht. Sie hat gedroht, nicht mehr aufzustehen, wenn das Publikum bei der Zugabe nicht völlig abfreakt. Aber in einem halb leeren Raum im deutschen Hinterland - jenseits aufmerksamer Medienstädte - kommt selbst bei einem Gossip-Konzert wenig Ekstase auf. Es ist November 2005, und die kaum bekannte Band aus Olympia, Washington tingelt im Vorfeld ihrer europaweit ersten Albumveröffentlichung auch durch deutsche Clubs. Bei US-Auftritten hatten die ungebändigte Frische und intensive Körperlichkeit, womit Sängerin Beth Ditto ihren Soul klatschend auf die Bühne stampft, frenetische Fans bereits dazu verführt, sich kollektiv zu entkleiden. Nun erscheint das Album "Standing In The Way Of Control" bei uns auf dem Hamburger Label Lado, das mit Gossip seine erste US-amerikanische Band unter Vertrag nimmt. Die dreiköpfige Band Mitte zwanzig ist mit Veröffentlichungen auf Dim Mak Records und Kill Rock Stars schon jahrelang im angloamerikanischen Raum unterwegs. Während ihr Debüt "That's Not What I Heard", das Ende 2000 auf Kill Rock Stars in Kanada erschien, noch geprägt ist von reduziertem, Blues- und Punkrock-inspiriertem Garage-Sound, schlagen Gossip auf ihrem aktuellen, mittlerweile dritten Album eine andere musikalische Richtung ein: weg von trashigen Lo-Fi-Splittern, hin zu dynamischeren, strukturierteren Songs. Zwar hört man auf der von Fugazi-Mitglied Guy Picciotto produzierten Platte auch bluesige Töne, wie in der lasziv fließenden Ballade "Coal To Diamonds", dennoch überwiegt ein deutlicher Disco-Punk-Appeal. Dunkel groovender Bass, kantige Gitarrenlines und beatlastige Drums zitieren den Stil der frühen Gang Of Four. Unter den so konzipierten Stücken verströmt besonders "Keeping You Alive" den stilisierten Glamour eines Disco-Hits; der funky Refrain schwingt direkt aus der Hüfte. Klar, Disco-Punk ist längst nichts Neues mehr, halten doch immer wieder neue Bands - von Radio 4 bis Bloc Party - diese Retro-Welle am Leben. Aber Gossip setzen den Trend eigenwillig in einer interessanten minimalistischen Interpretation um. Hannah Blilie spielt ihre Drums rhythmisch wie stilistisch differenziert. In subtilen Dosen mit den kurzen, skizzenhaft wirkenden Riffs von Nathan Howdeshell kombiniert, entsteht daraus ein abstrakter Beat. Darüber hinaus verleiht Beth Dittos soulige R'n'B-Stimme den Songs eine variierende, aber immer intensive Leidenschaft. Mal klingt sie offensiv wie eine 80er-Rockröhre, dann wieder ätherisch-samten wie in "Dark Lines". Pure Beats und tiefe Emotion. So trifft die Musik den Körper ohne unnötige Umwege, unmittelbar, und versetzt ihn in sexy Grooves. Inhaltlich gelten Gossip als politische Band. Dieser Ruf gründet sich insbesondere auf die in ihrem Debüt angedeutete feministische Motivation. Textlich setzen sie diesen Anspruch simplifiziert, in Form von repetitiven, jugendlich kämpferischen Parolen um. Ihr erklärtes Ziel ist "activism through music". Allerdings betrachten sie sich nicht als politisch im ideologischen Sinn. Ihnen geht es vielmehr darum, mit ihrer Musik Bewusstsein zu schaffen für die Möglichkeiten individueller Selbstverwirklichung abseits gesellschaftlicher Zwänge. Dieser Optimismus, seine Nische im gegebenen Kontext zu finden, mag desillusionierten Zynikern naiv erscheinen, okay, aber einen Anspruch lösen Gossip mit ihrem aktuellen Album in jedem Fall ein: "It's a record to feel, to dance, to rage"!

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