×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

So war’s in Köln: Mental positiv

Gorilla Biscuits + H2O live

Straight Edge, Positive Mental Attitude und Szene-Zusammenhalt wird bei den 80er-New-York-Hardcore-Helden auch 2013 noch groß geschrieben.
Geschrieben am
25.04.2013, Köln, Gebäude 9
 
Ende der Achtziger treiben sich in der New Yorker Hardcore-Szene ein paar junge Typen herum, die sich mit Filzstift ein massives X auf den Handrücken malen, Alkohol und Drogen abschwören und –  im Gegensatz zu den meisten anderen Kids der Zeit – nüchtern und gut gelaunt in die Tage hinein leben. Die Straight Edge-Szene, von Minor Threat aus Washington inspiriert, wird auch im Big Apple zu einer Sache, der man sich in gewissen Kreisen nicht mehr entziehen kann. Die Gorilla Biscuits um die Szene-Urgesteine Walter Schreifels und Anthony Civarelli sind lebende Legenden: Kaum eine Band der späten 80er-Jahre kann im heutigen SXE-Hardcore-Kosmos noch derart die Fresse polieren wie die mittlerweile auf fünf Mitglieder angewachsenen Gorilla Biscuits.

Converse hat zur »Get Dirty«-Tour geladen, und viele folgen auch dank Gratistickets dem Aufruf ins prall gefüllte Gebäude 9. Dementsprechend gelöst ist auch die Stimmung, schließlich kann man jetzt mehr Geld für Getränke ausgeben. Krasse Tätowierungen und Camouflage-Shorts wohin das Auge reicht – wobei letztere sicher auch ohne die sommerlichen Temperaturen zum Einsatz gekommen wären, angesichts der bevorstehenden schweißtreibenden Show. Support-Act H2O – ebenfalls alte Recken aus New York – liefern eine Mischung aus Highspeed Hardcore, eingängigen Melodien und Mitgröl-Hooks. Vertraute Klassiker wie »Guilty By Association« werden ebenso gespielt wie neuere Songs aus der letzten Veröffentlichung »Don’t Forget Your Roots«. Sänger Toby Morse preist ununterbrochen, wie sehr er die Szene in Deutschland schätzt, und ein mitgebrachter Gast-Sänger der Band wird dann auch schon mal als »Straight Edge Warrior« vorgestellt. Kurz vor Schluss dann eine überraschende Unterbrechung – Toby ist am Bühnenrand zu nah in die tobende Menge geraten und bestreitet den letzten Song mit einem kühlenden Eisbeutel auf dem Auge.
 
Dann endlich: Noch vor dem Erklingen der guten alten Intro-Fanfare von »New Direction« springen die ersten Mosh-Kids mit entschlossenen Gesichtern in den Pit und prügeln um sich, als gäbe es kein Morgen. Vor Erregung zitternde Hände ballen sich zu Fäusten und auch jede Zeile des nachfolgenden Songs »Stand Still« wird mitgesungen. »I'm holding out for a better deal, for something real!« brüllt Anthony Civarelli, der mit seinem »Krzbrg«-Shirt wohl seine Liebe zur Hauptstadt kundtun möchte. Walter Schreifels und seine Mannen sind sichtlich gut drauf. Die Zeigefinger schnellen bei jedem nachfolgenden Hit angestrengt in die Höhe, ein Stagediver jagt den nächsten, Sänger Civ rennt auf der Bühne auf und ab und schreit das Publikum vom Bühnenrand aus direkt an. Ansagen über Ansagen, Straight Edge sei der einzig wahre Weg, Vegetarismus, Szene-Zusammenhalt, wie gut es doch sei, dass das Gebäude 9 auch ohne Bühnen-Absperrungen auskomme. »Keep it real, keep it one-hundred! Let's start today!« Mit kahl rasiertem Schädel, Cargo-Shorts und voll tätowierten Armen hält er gerne das Klischee des toughen Hardcore-Machos aufrecht, womit er im Gebäude 9 auch an diesem Abend nicht allein ist. Die Gorilla Biscuits pfeffern schön Youth-Crew-esk ihre Songs herunter, als wäre es 1989 – und alle finden es sichtlich geil. Als wäre dies alles nicht genug, gibt es noch ein tightes Minor Threat-Cover hinterher: »Good Guys Don’t Wear White«. Gorilla Biscuits, einmal mehr die Meister des Real-Keepens.