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Solo Piano

Gonzales

Wer Gonzales schon immer mal nackt erleben wollte, sollte bei ›Solo Piano‹ zugreifen. Unmissverständlicher formuliert: Wer Gonzales’ vorlautes Prankster-Getue, sein Brusthaar-Posing, sein Gefasel vom dritten Ei im Schritt und die Jogging-Verkleidung, diese ganze Inszenierung also, diese billige Ka
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Wer Gonzales schon immer mal nackt erleben wollte, sollte bei ›Solo Piano‹ zugreifen. Unmissverständlicher formuliert: Wer Gonzales’ vorlautes Prankster-Getue, sein Brusthaar-Posing, sein Gefasel vom dritten Ei im Schritt und die Jogging-Verkleidung, diese ganze Inszenierung also, diese billige Karikatur von HipHop, schon immer eher als verzichtbar betrachtete, dem wird ›Solo Piano‹ gefallen. Es ist ja nicht so, dass man bei Gonzales’ bisherigen Shows nicht bemerkt hätte, dass da ein begnadeter Pianist und Komponist auf der Bühne steht – nur gab es eben, nun ja, noch so viel anderes zu beachten. Vorbei, diese Zeiten. Paris hat den Mann zu Demut bekehrt, frei von alter Trash-Koketterie widmet er sich nun seiner größten Liebe: dem Piano und dessen Tastatur. Nicht mehr als Schwarz und Weiß und doch pure Magie. Bei den ›Solo Piano‹-Shows projiziert eine über der Tastatur installierte Kamera das Agieren von Gonzales’ Händen auf eine Leinwand: »Piano Vision«. Eine Inszenierung ist das natürlich ebenfalls, nur fungiert diesmal eben nicht Gonzales’ Ego als Hauptakteur, sondern lediglich seine Pranken. Sie streicheln die Tasten, stolpern über sie, kitzeln, drücken und peitschen sie, erinnern auf der Leinwand mal an das eiskalte Händchen aus der ›Addams Family‹, mal an junge Kolibris, mal an verfeindete Vogelspinnen. Die so zu Gehör gebrachten Kompositionen klingen wie eine Kreuzung aus Bar-Jazz und Stummfilm-Untermalung, wie ein gemeinsames Kind von Erik Satie und Richard Clayderman (Letzterer minus Dauergrinsen), sie sind mal leicht und beschwingt, dann wieder melancholisch und zu Tode betrübt, im Grunde genommen aber immer: wunderbar. Klar ist: Ohne die »King Of Berlin Underground«-Vorgeschichte, ohne den abgelegten »Über alles«-Habitus, sprich: ohne die Mär des Geläutert-Seins, der Rückbesinnung auf pures Handwerk, würde man Gonzales dieses Album wahrscheinlich nicht so begeistert abkaufen. Aber weil es eben nicht Künstler xy, sondern er, der große Gonzo ist, der da plötzlich schweigt, hört man auf ›Solo Piano‹ keine dudelige Fahrstuhl-Muzak, sondern kriecht mit den Ohren neugierig zwischen die Klaviertasten, ergötzt sich an dem Klackern der Fingernägel auf ihrem Elfenbein und an ihrem leichten Schaben aneinander. Mit etwas Fantasie vernimmt man sogar noch das Schnauben einer großer Nase und das zarte Zerplatzen kleiner Schweißperlen auf den Tasten. Intime Momente. Wie gesagt: So nackt war Gonzales noch nie. Und dabei – das sollte man noch dazu sagen – auch noch nie so verführerisch.