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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Next time bring your friends!

Goldrush live

Seine Freunde mitzubringen, wäre keine schlechte Idee gewesen. Denn es klafften erhebliche Lücken im Goldrush-Publikum, die Spielfreude der Band minderte es jedoch nicht.
Geschrieben am
19.02.2006, Café Zapata, Berlin.

Es ist viel zu leer. Mal wieder. Wie oft hatte man das schon: Einen Song seit Wochen im Ohr (in meinem Fall 'Goodbye Cruel World'), unerwartet herangewachsen zu einem treuen Begleiter – und dann kommt endlich der Abend, an dem man ihn live vorgespielt bekommt, und man merkt: Das geht nicht vielen so wie mir – mit dieser Band, diesem Lied. Das macht oft wütend, heute macht es mich traurig. Vielleicht nicht die schlechteste Stimmung für einen Abend mit Goldrush.

Das Café Zapata jedenfalls ist recht übersichtlich gefüllt. In dem charmant-verranzten Raum, der mit allerlei wilder Kunst behängt ist, tummeln sich nur ein paar Grüppchen. Der Merchandise-Stand steht voll bestückt und unbeaufsichtigt in der Ecke. Diebstahl muss man in dieser trauten Runde nicht befürchten. Das Vorprogramm bestreitet ein Songwriter, der unter dem Namen Fourdaysfromaugust unterwegs ist. Der stammt – natürlich – aus Oxford und begleitet Goldrush auf der gesamten Tour. Das ist nicht bloße Nachbarschaftshilfe, sondern eine nahe liegende Entscheidung. Goldrush-Kopf Robin Bennett ist immerhin ein bekannter Mann in der Musikszene seiner Heimatstadt. Einmal im Jahr richtet er mit Familien und Freunden das Truck Festival aus, wo er Englands Newcomer mit den örtlichen Acts auftreten lässt. Fourdaysfromaugust spielt einen ruhigen Songwriter-Folk, der sich vollends seiner tollen Stimme unterordnet. Gitarrengezupfe und samtweicher Gesang, lediglich bei den Texten müsste man noch mal mit dem Plattitüden-Rotstift drüber gehen. Trotzdem ist ein Song wie 'We Are Strangers All Here' ein tolles Stück melancholischer Musik, dass den Bandnamen Fourdaysfromautumn nahe liegender erscheinen lässt.

Die Bühne ist voll. Viel zu voll. Oder zu klein. Jedenfalls passt die Posaune schon nicht mehr drauf. Also legt Bennett sie auf eine Ablagefläche davor. Ich war ziemlich gespannt darauf, wie Goldrush die neue Platte 'The Heart Is The Place' live vertonen werden. Immerhin war sie eine ziemliche Frickelarbeit, deren Aufnahme eher Projektcharakter hatte (die ganze Story hier), und die mit dezenten elektronischen Verzierungen überraschte. "Wir haben zwar noch keine Ahnung, wie wir das auf die Bühne bringen, aber bis wir in Deutschland ankommen, überlegen wir uns was. Versprochen!", hatte mir Bennett im Interview gesagt. Nun, man hat das Problem augenscheinlich eher konventionell gelöst. Nix mit Elektro: Bandsound ist angesagt. Der wird dann allerdings hier und da mit Posaune, Trompete, Tuba und Keyboardsounds angereichert. Goldrush sind zu fünft gekommen, plus Mr. Fordaysfromaugust, der hier und da einspringt.

Mit dem Album-Intro 'Aperture' geht es los. Gute Wahl. Die jubilierende Trompete, der anschwellende Chorgesang – kein Wunder, dass die ganze Band beim Singen grinst. Dann kommt der Break und man ist mitten in der 'Story Of The City.' Es rumpelt ein wenig am Anfang, aber dann finden sie vorerst ihren Tritt. Es braucht noch den Indie-Stampfer 'Everyone Of Us' bis die Band zum ersten Mal verharrt. Eher gezwungenermaßen, denn das Keyboard streikt und entwickelt sich zum unfreiwilligen Running Gag – weil es nicht das einzige Mal bleiben will. Bennett schiebt es frotzelnd auf den Keyboarder und fragt in die Runde, ob jemand Lust hätte, als Keyboarder einzusteigen. Voraussetzung: Reiselust, viel Zeit und eine dickes Sparkonto.

Überhaupt schwankt Bennett zwischen Galgenhumor und Euphorie. "Next time bring your friends and relatives. So that we can fill this nice room here", sagt er einmal mit fast traurigem Blick. Das letzte Mal habe ich Goldrush als Opener von Nada Surf gesehen, in einem fast ausverkauften Schlachthof in Bremen. Da hatten sie es locker geschafft, ein paar hundert Leute mitzureißen und mussten nachher fleißig am Merch-Stand ihre Platten verkaufen. Bennett hat wohl das nötige Selbstbewusstsein zu wissen, dass er das heute auch geschafft hätte. Vom 'Ozona'-Album (das streng genommen eine EP plus ein paar Songs des Debüts 'Don’t Bring Me Down' ist) spielen sie das großartige 'Wait For The Wheels' (mein Erstkontakt mit dieser Band) und den 'Counting Song'. Vom aktuellen Release gibt es unter anderem noch 'Goodbye Cruel World' (bei dem die gesampleten Vögel im Intro zunächst streiken, weil das Keyboard mal wieder nicht will), das Titelstück natürlich und 'We Will Not Be Machines'. Als Bennett kurz vor Ende des Sets die Posaune holte, muss er die Bühne verlassen und bedankt sich auf dem Weg gleich bei einem verdutzten Fan aus der ersten Reihe: "Thanks for coming." Das möchte ich hier auch jedem sagen, der anwesend war. Ach ja, und: "Next time bring your friends". Sie werden es mögen.

Hier die noch ausstehenden Tourdaten:

21.02.07 Dortmund, Bakuda
22.02.07 Köln, Gebäude 9
24.02.07 Halle, Objekt 5
23.02.07 Magdeburg, Projekt 7
25.02.07 Dresden, Scheune
26.02.07 Leipzig, Nato
27.02.07 München, Feierwerk
28.02.07 Stuttgart, Schocken
02.03.07 CH-Aarau, Jugendhaus Flösserplatz
03.03.07 CH-Düdingen, Bad Bonn