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mit goethe um die welt

Goethe-Institut

To Rococo Rot, die Einstürzenden Neubauten, Blumfeld, Marcel Beyer, Tim Staffel, Thomas Meinecke, Oval, Riley Reinhold, Tobias Thomas, Jörg Burger, Jaki Liebezeit, Dagmar Krause, Blumfeld, Jens Thomas, Hartmut Bitomsky, Harun Farocki, Jean Marie Straub - wenn man die Jahrbücher des Goethe-Instituts
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Autor: intro.de

To Rococo Rot, die Einstürzenden Neubauten, Blumfeld, Marcel Beyer, Tim Staffel, Thomas Meinecke, Oval, Riley Reinhold, Tobias Thomas, Jörg Burger, Jaki Liebezeit, Dagmar Krause, Blumfeld, Jens Thomas, Hartmut Bitomsky, Harun Farocki, Jean Marie Straub - wenn man die Jahrbücher des Goethe-Instituts durchblättert, begegnet man bekannten Namen. Einige diesbezügliche Telefonate machen rasch klar, dass die Auswahl derer, die vom Goethe-Institut in Sachen Kulturaustausch auf Reisen geschickt werden, sich wohl auf der Höhe der Zeit befindet. Probleme damit, im Ausland „Deutschland“ bzw. die deutsche Kultur zu repräsentieren, scheinen etwas aus der Mode gekommen zu sein, zur Not repräsentiert man eben „das andere Deutschland“. INTRO-Autor ULRICH KRIEST, selbst schon in Sachen „Fassbinder“ und „Terrorismus-Darstellung im Neuen Deutschen Film“ für Goethe unterwegs gewesen, sprach mit Jürgen Drews, dem Leiter des Musikreferats der Münchener Zentrale.

Wenn man das Jahrbuch 2000 anschaut, fällt auf, dass es eine relativ häufige Veranstaltungsform gibt, nämlich das Zeigen sog. Neuer Deutscher Filme. Solch ein Paket dürfte rasch geschnürt sein. Anders sieht es bei der Musik mit ihren Ausdifferenzierungen und Diversifikationen aus. Neben traditionellen und recht eindeutig identifizierbaren Sektionen wie Rock, Pop oder Jazz, gibt es ja auch Mischformen im Bereich der elektronischen Musik. Wie kommt das Goethe-Institut an aktuelle Entwicklungen heran? Wie funktionieren die Vermittlungen?

Die für den jeweiligen Fachbereich zuständige Person sollte eine große Offenheit für die unterschiedlichen Repertoires mitbringen. Im Musikbereich erfolgt die Ausbildung ja zumeist hin auf ein spezifisches Repertoire. Nun gibt es ja nicht viel Personal, weshalb eine gewisse professionelle Offenheit und ein Verständnis für verschiedene, wirklich verschiedene Repertoires unabdingbar ist. Daneben existiert ein ehrenamtlicher Beirat, dem alle Musikprogramme bekannt sind. Kommen nun von bestimmten Zweigstellen Nachfragen nach bestimmten Repertoires, dann greifen wir auf einen Pool von Dingen zurück, die bereits im Beirat verhandelt wurden. Bei uns gehen eine Menge Bewerbungen ein, die wir uns mit Hilfe des Beirats ansehen, und so entsteht innerhalb der einzelnen Repertoires ein Pool von Künstlern, die für das Goethe-Institut interessant sind. Zu diesem Pool kommen kontinuierlich neue Künstler hinzu, weil wir die Szenen beobachten, Magazine lesen etc. Immer natürlich auf der Basis unserer personellen und ökonomischen Ressourcen und der Arbeitsweise der Institute vor Ort.

Wie hat man sich die Kommunikation zwischen Zentrale und Peripherie konkret vorzustellen?

Ganz, ganz selten kommt es vor, dass unsererseits eine Anregung an eine bestimmte Zweigstelle ergeht, einen bestimmten Künstler oder eine Band einzuladen. So was kommt eigentlich gar nicht vor. Wir arbeiten von draußen nach drinnen. Wir erwarten von unseren Zweigstellen, dass sie vor Ort mit den Szenen, die an Deutschland im Musikbereich interessiert sind, Kontakt haben, damit deren Wünsche im Programm Berücksichtigung finden. Das können dann ganz spezielle Wünsche nach etwa zeitgenössischer E-Musik sein oder aber auch der nach Popmusik. Dabei ist zu berücksichtigen, dass unser Publikum im Programmbereich schon etwas älter ist, während der Sprachbereich (die zweite Säule der Goethe-Institute im Ausland) von eher jungen Schülern geprägt wird. Im HipHop-Bereich sind die Kollegen von der Sprache sehr interessiert und aktiv, weil das natürlich die Lebendigkeit und Attraktivität des Sprachunterrichts fördert. Das Musikreferat, das ich leite, sieht zunächst alle Musik ganz einfach erst mal als Kunst. Zentrales Kriterium ist hier die jeweilige Qualität innerhalb des jeweiligen Segments.

Welches Konzept von „aktueller Kultur“ bzw. „Repräsentation von Kultur“ steckt hinter der Programmgestaltung? Auswahlkriterien?

Als ich 1978 beim Goethe-Institut anfing, standen im Musikreferat Klassik, Jazz und Neue Musik auf dem Programm, an Popmusik hatte niemand gedacht. Ich bin dann zu Conny Plank gegangen und hab’ den mal nach seiner Meinung gefragt. Es war die Zeit der Neuen Deutschen Welle. Er sagte, auch wenn Goethe jetzt erst anfinge, darüber nachzudenken, sei es nicht spät, weil davor habe es nichts gegeben, was im Ausland auf Interesse gestoßen sei. Seither ist Goethe auf diesem Gebiet aktiv, und die „Kunstdisco“ ‘88 war beispielsweise ein großer Erfolg, der auch für die Entwicklung der Technobewegung hierzulande von Bedeutung war. Man kann sagen, dass sich das Goethe-Institut die Repertoires immer wieder erobert hat.

Gibt es Künstler, die zwar in der BRD populär sind und insofern natürlich (leider!) die aktuelle Kultur repräsentieren, aber aus ästhetischen und/oder politischen Gründen (Westernhagen, Pur, Rammstein) nicht für Goethe unterwegs sein können?

Da ist ein ganzes Cluster von Dingen, die abzuwägen sind. Über Rammstein braucht man, glaube ich, nicht lange zu reden. Das ist etwas, was man sich auch politisch überlegen muss. Aber da gibt es auch keine fixe Politik, es ist tatsächlich eine Frage des Abwägens. Man sollte allerdings auch noch die Faktoren „authentisch“ oder „seriös“ ergänzend hinzuziehen: Ist eine bestimmte politische Manifestation authentisch? Allerdings ist die Frage ohnehin eher: Was wollen die Zweigstellen im Ausland mit einer bestimmten Musikveranstaltung erreichen? Uns geht es schließlich nicht darum, im Ausland Propaganda für Dinge zu machen, die in Deutschland aktuell ganz populär sind. Unser Kriterium ist: Was aus welchem Repertoire in welcher Art von Musik möchten wertvolle Partner an bestimmten Orten mit Deutschland in Verbindung bringen? Die Repertoires sollen zwar nicht für etwas Außermusikalisches benutzt werden, aber politisch ist unsere Arbeit selbstverständlich, wenn wir beispielsweise die erste Love-Parade in Mexico City mitinitiiert haben. Die Frage ist: Gibt es eine Marge, an der unsere Partner vor Ort durch unsere Aktivitäten in politische Schwierigkeiten kommen können? Wir wollen ja keine politischen Verwicklungen, sondern Öffentlichkeit bekommen.

Zugespitzt gefragt: Präsentiert Goethe im Ausland nicht eine subventionierte Wunschvorstellung deutscher Kultur, vergleichbar der Filmindustrie und dem Kulturauftrag der öffentlich-rechtlichen Sender?

Nein, das kann man so nicht sagen. Wir investieren in Chancen zum kulturellen Austausch. Andererseits machen wir nach Möglichkeit nichts, was der Markt auch ohne uns hätte machen können. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir nur unbekannte Leute im Repertoire haben. Im Gegenteil.

Wie sieht die Jahresplanung des Repertoires aus?

Unsere Planung geht ja, wie bereits gesagt, von draußen nach drinnen. Was das Repertoire angeht, so kann man sagen, dass zeitgenössische Musik der E-Avantgarde sehr, sehr stark nachgefragt wird, gefolgt von der Klassik. Dann folgt eigentlich jetzt schon der Pop-Bereich, der gegenüber dem Jazz aufgeholt hat. Danach kommen dann die Soundscapes und so ganz besondere Dinge. So ungefähr sind die Bereiche innerhalb eines Jahresplans aufgeteilt. Dass die zeitgenössische Musik derart stark nachgefragt wird (falls das überraschen sollte), dazu muss man bedenken, dass nach dem Krieg mit Donaueschingen oder Köln in Deutschland etwas geschehen ist, was ausgesprochen prägend war. Donaueschingen war für viele, viele Leute bis hin nach Neuseeland oder Buenos Aires immer so eine Art kultureller Leuchtturm. Das Interesse daran ist ungebrochen: Wie hat sich das entwickelt? Was ist los in Darmstadt? Usw.

Dagegen scheint der Jazz, dort, wo er nicht mit elektronischer oder zeitgenössischer Musik liebäugelt, doch in einer tiefen Krise befindlich, kaum Innovatives, eher ein Verwalten historischer Spielweisen. Die Namen, die im Jahrbuch fallen, sind so nicht wirklich überraschend: Heinz Sauer, Christoph Lauer, Jens Thomas, Barbara Dennerlein.

Ich würde ganz vorsichtig formulieren, dass der Pendelschlag wieder ins Interessante zurückschlägt. Es gibt Talente wie Till Brönner oder Jens Thomas und Musiker, die eine unglaubliche Entwicklung hinter sich haben, wie Christoph Lauer. Was Besetzung und Repertoire angeht, ist allerdings der Blick auf die große Jazztradition und die großen Jazztugenden nicht zu übersehen. Da bewegt sich was, es wird wieder freier, da bin ich optimistisch. Der Jazzbereich ist aber auch aus einem anderen Grund ein Problembereich. Wir präsentieren ja gerne die Arbeit vieler Jazzer in unserem Land im Ausland, aber wir stehen dort oft auch in einem konkurrierenden Verhältnis zu der Arbeit uns vergleichbarer Institutionen des Auslands. Wenn diese Aktivitäten sich durch irgendwelche Umstände ungeplant zu kleinen Festivals etwa verdichten, dann kann es geschehen, dass die deutsche Gruppe plötzlich neben Janet Jackson steht. Dann stellt sich natürlich die Frage nach unserer Auswahl: Da geht es um die musikalische Qualität und Originalität des Acts, und da bekommen wir dann, trotz des sehr lebendigen deutschen Live-Betriebs, vielleicht doch manchmal Schwierigkeiten.

Gibt es eigentlich Fälle, in denen Künstler es abgelehnt haben, Deutschland im Ausland zu repräsentieren?

Ja. Blumfeld. Die hatten es erst rundheraus verworfen, mit uns zusammenzuarbeiten, und es hat dann letztlich doch stattgefunden. Für mich ein wunderbares Beispiel und auch ein großer Erfolg für meine Kollegin in Buenos Aires, dass die Band dort aufgetreten ist. Die wollten mit einer Institution wie uns nichts zu tun haben. Aber unsere Wertschätzung der Band war so groß, dass wir drangeblieben sind. Eine wichtige Rolle hat da Alfred Hilsberg gespielt, ein Mann übrigens, der uns auf wunderbare Art behilflich war. Unsere Mitarbeiterin vor Ort hat garantiert, dass nichts von dem, was die Band befürchtete (Präsentation in der Öffentlichkeit, Botschaftsempfang etc.), passieren würde, und hat das auch geschafft. Es war wunderbar, ein Riesenereignis, zumal hier eine spürbare Wahrnehmung deutscher Gegenwart geschah, die gerade nicht gängigen Klischees entsprach. Übrigens ist das auch ein schönes Beispiel für die Frage nach der Popularität: Blumfeld hätten sonst ja nie in Buenos Aires gespielt. Hier liegen gerade die besonderen Möglichkeiten von Goethe, wenn man Musikern die Möglichkeit bietet, nicht als Touristen nach Sibirien, Lateinamerika oder Indien zu kommen, was der Markt nie ermöglichen würde, und dann beobachtet, was sich da vor Ort an Kommunikation ereignet.

Die Einstürzenden Neubauten sind 2000 zweimal in Brasilien aufgetreten, Blixa Bargeld solo in Kamerun, Alexander Hacke taucht in den Liste der Tätiggewesenen auf - das erstaunt heute nicht. Bedurfte die Zusammenarbeit anfangs ähnlich wie bei Blumfeld einer gewissen Sensibilität?

Nein. Als die Zusammenarbeit mit den Neubauten begann, war die Band im Ausland, in den Metropolen, bereits so bekannt, dass unsere Partner ganz genau wussten, dass sie diese Band haben wollten. Wir haben dann nur noch an der Ermöglichung mitgearbeitet. Da gab es eher internes Magendrücken - wegen des Lärms und der Schweißgeräte ... Ist das noch Musik? - solche Diskussionen. Wir konnte die Bedenken allerdings schnell ausräumen. Zu den Neubauten ist noch zu sagen: Wenn hierzulande etwas etabliert ist, bedeutet das ja nicht, dass es global bekannt ist. Und die Neubauten haben gerade da, wo sie vorher noch nicht bekannt waren, für die dortigen Musiker ein enormes Anregungspotential verkörpert. Auch diesbezüglich gilt es immer, bei der Zusammenstellung des Repertoires etwas von hiesigen Verhältnissen zu abstrahieren. Es geht uns um Impulse. Zum Glück sind kulturell die Uhren auf der Welt noch nicht völlig synchronisiert.

Manchmal liest man davon, dass Fettes Brot nach Russland oder Tocotronic und Stella in die USA gereist sind, und zwar in Begleitung von befreundeten Musikjournalisten, die daraus dann wiederum PR-Texte für die Bands machen. Da denkt man unwillkürlich an vom Goethe-Institut finanzierte Klassenfahrten.

Ja, Klassenfahrt ist das richtige Wort. Dabei handelt es sich zumeist um Projekte, die von den Kollegen im Sprachbereich organisiert werden, die ja ihr Programm für ein junges Publikum attraktiv gestalten wollen. Die interne Diskussion diesbezüglich ist zum Teil sehr intensiv, weil es in diesem Zusammenhang mitunter zu Fehlinformationen gekommen sein mag. Zu unseren Kollegen im Sprachbereich sagen wir immer: „Kinder, wir verstehen, dass ihr das macht, aber wenn ihr das so groß aufzieht, dann muss schon die Initiative des Goethe-Instituts irgendwie präsent bleiben.“ Sonst wird das entweder nur als irgendeine Musikveranstaltung und/oder andererseits dann wieder als Goethe-Veranstaltung im Ausland als Einschätzung der künstlerischen Substanz und Bedeutung bestimmter Bands wahrgenommen. Da kann es leicht zu Irritationen kommen. Es geht letztlich darum, eine Balance zwischen der Didaktisierbarkeit der Texte für den landeskundlichen Sprachunterricht und dem Innovationspotential der Musik zu finden. Das wird intern kontinuierlich diskutiert.

Kann ein Künstler, ein künstlerisches Konzept sich überleben? Oder perpetuuiert sich die Zusammenarbeit?

Das hängt stark von der Beurteilung bestimmter Programme durch den Beirat ab. Letztlich geht es auch hier um eine kritisch reflektierte und kontinuierliche Bewegung. Sonst käme es ja auch ganz praktisch zu einer Überfüllung, zu einer Art von Verstopfung, um es mal so zu formulieren.

Kürzlich kursierte mal wieder das Bild von der Siegerehrung des 100m-Laufs bei der Olympiade 1968. Kann sich eine Zusammenarbeit mit einem Künstler oder einer Band auch erledigen, wenn sich ein Künstler politisch unbotmäßig oder menschlich daneben benimmt?

Alle Beteiligten vor Ort schreiben uns Erfahrungsberichte, die vertraulich behandelt werden. Insofern bekommen wir schon mit, wenn es vor Ort zu Problemen gekommen ist. Wenn es zum Beispiel in einer Band intern menschliche Probleme gibt, dann werden wir die nicht auf eine anstrengende Tournee schicken, weil es dann bei Interviews oder in Workshops zu Irritationen kommen kann. Auch was den Lifestyle der Musiker angeht, dann machen wir interne Fortbildungen, so dass unsere Mitarbeiter vor Ort in der Regel großzügig sind. Aber verbindliche Regeln existieren diesbezüglich nicht.