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Boston-Hardcore bläst den Blues

Glorytellers live

Unserem Autor Christian Steinbrink funkeln heut noch die Augen: Geoff Farina spielte mit neuer Band ein so intimes, wie beeindruckendes Konzert in Dortmund.
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Unserem Autor Christian Steinbrink funkeln heut noch die Augen: Hardcore-Legende Geoff Farina spielte mit neuer Band ein so intimes, wie beeindruckendes Konzert in Dortmund.

11.09.08, Dortmund, FZW.

Geoff Farinas Augen blitzen. Im hinteren Bereich des Konzertsaals schäkern Jugendliche miteinander, eine Spur zu laut für seinen Geschmack, für seine mittlerweile sehr gesetzte, ruhige Musik, für das ziemlich leere FZW. Nach jedem Song wirft er einen bösen Blick auf die Kids, die in ihrem eifrigen Werben umeinander davon aber nichts mitbekommen. Es ist offensichtlich: Farina mag zwar alt geworden sein, seine Musik mit ihm, am Feuer seines Temperaments und der Inbrunst für seine Songs hat sich aber nichts geändert. So, wie schon damals, als er im Kölner Blue Shell Zuschauer anherrschte, doch bitte still zu sein und sein wirklich sehr leises Soloset nicht zu stören.

Davor war Farina zwölf Jahre lang Vorsteher von Karate, dieser legendären Bostoner Post-HC-Band, und hatte mit Problemen dieser Art noch nichts am Hut. Schließlich war seine Musik damals noch laut und komplett elektrisch verstärkt, schließlich hatte er da noch nicht die Hörprobleme, die ihn 2005 letztendlich zwangen, Karate an den Nagel zu hängen. Dass damit auch Farinas gesamte Musikerkarriere beendet sei, hatte eigentlich auch damals schon niemand geglaubt. Die endgültige Bestätigung folgte Anfang dieses Jahres: Das selbstbetitelte Album seiner neuen Band Glorytellers, wieder wundervoll verjazzter Postrock, nur eben mit deutlich mehr akustischen als elektrischen Gitarren.

Die bildhafte Entsprechung dieser musikalischen Entwicklung bieten die Glorytellers auf ihrer ersten Europatour. Zwar sitzt Gavin McCarthy wie auch schon bei Karate am Schlagzeug, sein Set ist aber deutlich kleiner als damals bei den vielen großartigen Karate-Konzerten. Farina selbst spielt nur Akustikgitarre, die E-Gitarre des dritten Mannes des Trios ist leise und dient zumeist kleinen Soli und nicht sehr noisigen Noise-Eskapaden. Trotzdem sind die Glorytellers ähnlich großartig wie Karate es waren, nur eben: Deutlich leiser, gesetzter, mit starken Bluesreferenzen, noch mehr als auf ihrem Album. Die Postcore-Vergangenheit der Musiker hört man eigentlich nur noch in der einzigartigen Stimme und Melodieführung Farinas heraus, das reicht aber, um wieder diese Stimmung zu spüren, die Karate so großartig machte und ihnen den unverwechselbaren Widererkennungswert bescherte. Die erste Reihe im FZW ist selig, alles könnte perfekt sein, wären da nicht diese für Farina so störenden Kids hinten. Aber auch daran merkt man, dass er ruhiger geworden ist: Er sagt nichts. Wenn dezente Zeichen nicht ausreichen, muss man sich halt arrangieren.

Die Glorytellers spielen die Stücke des Albums, ein paar Songs des Farina-Seitenprojektes Secret Stars und sogar alte Blues-Standards, nur eben nichts von Karate. Das ist auf der einen Seite bezeichnend, auf der anderen aber auch nicht schlimm, denn ihr Repertoire ist trotz der erst kurzen Zeit des Bestehens breit genug, um ein anderthalbstündiges Set ohne Qualitätsverlust zu füllen.

Als Zugabe schnappt sich Farina fast schon folgerichtig seine Mundharmonika, eine Vorführung der Manifestation der neuen Interessen, die vielleicht doch nicht wirklich notwendig gewesen wäre. Trotzdem: Wundervolles Konzert, in dessen Genuss bei den ausstehenden Terminen hoffentlich mehr Leute als im FZW kommen.


Das sagt das Forum:

"In Dortmund waren, ich hatte auch sehr wenig Zuschauer erwartet, überraschend viele da und ich fand's sehr angenehm. Schön."

Userin Jane Lane