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Glasvegas

Glasvegas

Der Hype ist wieder schuld: Tausende, ja Millionen haben sich bereits im letzten auf eine Band für dieses Jahr geeinigt. Glasvegas. Jetzt das Debüt: Flop oder Top oder was?
Geschrieben am
Der Hype ist wieder schuld: Tausende, ja (wenn man nach den Profilaufrufen bei MySpace geht) Millionen haben sich bereits im letzten auf eine Band für dieses Jahr geeinigt. Glasvegas. Jetzt das Debüt: Flop oder Top oder was?


Pro

Die Schotten aus Glasgow sind die Shootingstars gleichermaßen für Plattenfirmenscouts wie für die feiererprobten Fan-Blogs geworden. Und jetzt, und jetzt erscheint das Debüt - und, wer hätte es geahnt, die Meinungsführer gähnen sich eins. Denn je größer der Konsens, desto größer die eigene Leistung, diesem scheinbar heldenhaft zu widerstehen. "Pose!" mag man da rufen und hätte auch recht bei dieser Band, bei dieser Platte. Das hier ist nämlich nicht nur irgendwie hochgespült worden, das hat sich nicht Alternative-Endemol beim Wrap-Essen im Meeting ausgedacht, das kann vielmehr was. Und zwar erst mal: Songs schreiben! Die Dichte, die dieses Album hitmäßig besitzt, ist die erste Faust im Genick derer, die kündigen, bevor es losgeht. Dann noch: Was für Songs schreiben! Denn das ist eben nicht der Einheitsbrei in Röhrenjeans plus dem verschnarchten Announcement, dass der Sänger noch sehr jung sei. Nein, Glasvegas bringen in einem abgedrehten bis tanzbaren Mix Raverock mit Surf und Elvis zusammen. Das hat man so noch nie gehört. Und außerdem: die Zitate! Zwischen all dem schimmern dauernd bekannte Phrasen auf, verlöschen wieder, dann flackert schon die nächste - ob Soul von den Four Tops oder Nirvana, alles kommt und geht und passt dabei auf wundersame Weise. Diese Band darf man nicht abtun, so verrückt kann man nicht mal als eitler Nerd sein. Also wirklich.
Bernd Seidel



Contra

Oh Gott, diese Briten. Von überall tönt der Name Glasvegas, gepaart mit Lobesbekundungen à la "die größte Sensation seit Band xy", und was verbirgt sich letztendlich dahinter? Wieder nur der schnöde typische Sound dieser armen Nation, die ihre zahlreichen wahren Perlen schon seit Jahren in hübscher Regelmäßigkeit übersieht und stattdessen bräsiges Gitarrengematsche als den Höhepunkt von Soul preist. Nicht anders als in Deutschland, natürlich. Glasvegas sind ganz sicher nicht Soul, und sie sind auch nicht die aufregendste Band seit The Jesus And Mary Chain, wie Alan McGee neulich irrlichterte. Ihr pathostriefendes Getöse baut auf Shoegazer- und Wall-of-sound-Arrangements auf, ihre Harmonien sind hilflos effektheischend wie die von U2 oder den späteren Killers, und ihre Kreativität reicht kaum für mehr als drei Songs, die nicht wie mit einem ahnungslos benutzten Baukastensystem angelegt klingen. Das Interessanteste an den Schotten ist ihr unbekümmerter Umgang mit schon existierenden Ideen. So werden im Albumopener "Flowers & Football Tops" unverkennbar Teile von Louisianas Hymne "You Are My Sunshine" zitiert, in "Stabbed" lässt die Band Beethovens "Mondscheinsonate" einspielen, und "Go Square Go" erhält seinen einzigen Reiz eingangs durch den Klau des "Blitzkrieg Bop"-Motivs der Ramones. Schlimm ist so was generell ja nicht, aber wie verkaufen Glasvegas das Fanmassen, die nur guten, also nicht durchschaubaren Diebstahl goutieren? Vielleicht als Zitatpop? Damit wäre dann auch dieses einstmals ruhmreiche Genre am Boden angekommen. Man hätte vielleicht noch mehr Soundmasse zum verschleiernden Zukleistern nehmen sollen, es wäre sicher noch etwas Synthesizer übrig gewesen.

Es ist überdeutlich: Glasvegas verkörpern ganz und gar den unpfiffigen Gestus der dem Britpop-Trash sehnsüchtige Emotionen und Fühlen in großen Dimensionen vorlebenden Helden. Sie füttern den Boulevard, und sie lassen sich von ihm füttern, das vermitteln spätestens ihre Texte. Sie sind so simpel, wie man nur kalkuliert simpel sein kann, und treffen damit effektiv den bewährten Blockbusternerv. Man muss kein Prophet sein, um Glasvegas' Weg vorauszusehen: Sie werden alles mit sich machen lassen, sie werden riesig - und dann werden sie fallen.
Christian Steinbrink

Glasvegas "Glasvegas" (Columbia / Sony BMG / VÖ 30.01.)