×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die Liebe beweinen

Giardini Di Mirò

Beschwingt verlasse ich die graue, verregnete Doofheit der Ruinenstadt Hamburg, um in Bergamo von Giardini-Di-Mirò-Gitarrist Jukka Reverberi und offenbar eigens für mich aufgefahrenen dunklen Wolken empfangen zu werden. So rächt sich, dass ich kurz zuvor lauthals rumtönte, in sonnige Gefilde zu
Geschrieben am

Beschwingt verlasse ich die graue, verregnete Doofheit der Ruinenstadt Hamburg, um in Bergamo von Giardini-Di-Mirò-Gitarrist Jukka Reverberi und offenbar eigens für mich aufgefahrenen dunklen Wolken empfangen zu werden. So rächt sich, dass ich kurz zuvor lauthals rumtönte, in sonnige Gefilde zu reisen. Auf der zweistündigen Fahrt in Richtung Reggio Emilia zu dem kleinen Dörfchen, in dem die Band lebt, erfahre ich gleich alles Wissenswerte über diesen landschaftlich recht unspektakulären Teil Norditaliens. Stets war hier alles im roten Bereich: Bis zu ihrer verwirrungsbedingten Auflösung nach dem Zusammenbruch des Ostblocks war die Kommunistische Partei Italiens die stärkste Kraft der Region. Übrig geblieben sind nur die üblichen Splitterfragmente.

Jukka erzählt, dass in seinem Heimatkaff Cavriago noch immer eine Büste von Lenin herumstehe, die dieser einst als Dank für die finanzielle Unterstützung schickte, die aus der Region für die Große Revolution bereitgestellt worden war. Jukkas Großvater verließ seine Heimatstadt konsequenterweise nur ein einziges Mal – um Lenins Grab zu besuchen. Die Straßen in der Region heißen noch immer vielversprechend Via Karl Marx oder Via Gorkij, was allerdings nicht bedeutet, dass nicht auch hier ein zweifelsohne geistesgestörter rechtsradikaler Egomane namens Berlusconi auf dem besten Wege ist, alle öffentlichen Institutionen von seinen Truppen unterwandern zu lassen. Sei’s drum. Soeben ist auf 2.nd rec ›Hits For Broken Hearts And Asses‹ erschienen, eine Kompilation alter EPs und rarer Tracks, welche die Phase der Band abdecken, als diese hauptsächlich dazu diente, den Bandmitgliedern selbst die »Langeweile der langen norditalienischen Winterabende zu vertreiben«. Die versammelten Stücke lassen den stets bemühten und madigen Vergleich zu Mogwai zu, vor allem zeigen sie aber den von vornherein vorhandenen Willen, etwas zu erschaffen, das wesentlich weiter geht. Als ich am Tage nach meiner Ankunft mit dem zweiten Gitarristen Corrado auf der Suche nach einem Postamt durch die Gegend gurke, erfreue ich mich am entspannt rücksichtslosen Verkehrsverhalten der Italiener. Wir hören irgendeine CD von Album Leaf. Ob Postrock in eine Sackgasse geraten sei, frage ich, von der Musik inspiriert, meinen Begleiter. »In dieser Richtung schon«, meint Corrado, »aber wir haben immer versucht, diese Form von Musik mit etwas Kraftvollerem zu verbinden.« Dies Streben und die Hinzunahme von Sänger Allessandro führte zum letztjährigen Meisterstück ›Punk Not Diet‹. Das heraushörbare Credo: Hinfort mit der Im-Kreis-Dreherei, lieber Rückbesinnung auf den Popsong an sich – in jedem Haushalt der Bandmitglieder finde ich stringenterweise Slowdive-Alben ganz oben auf den Plattenstapeln – und aufs Shoegazing mit erhobenem Haupt. Gewissermaßen. Dem Bemühen nach ständiger Weiterentwicklung ist die beschauliche Ödnis der Region zuträglich. Es gibt eben nichts anderes zu tun.

Stimmigerweise erzählt mir Jukka, dass sie hier in der Gegend ziemlich isoliert und nicht Teil einer Szene sind – was ihm ganz gut gefällt. Nichtsdestotrotz sind Giardini Di Mirò innerhalb und außerhalb Italiens die bestverkaufende und, nun: berühmteste Indie-Band. Dennoch ist es schwierig, viel live zu spielen, sagt Jukka: »Für italienische Bands lohnt es sich nur, am Wochenende aufzutreten. Das kann sehr anstrengend werden – letzthin spielten wir ganz im Süden, wir waren zwölf Stunden unterwegs. Tags darauf mussten wir wieder sieben Stunden nach Rom fahren, wo wir vor 1800 Leuten spielten. Wir haben noch nie vor so vielen Leuten gespielt. Und wir waren alle total müde.« Müde klingt auch Corrado, wenn er über die mangelnde Anerkennung italienischer Bands im Ausland spricht und über die allgemeine Ungewissheit, was werden soll, wenn die Band ein Fulltime-Job ist – und man trotzdem nie im Leben davon leben kann. »Ich denke, deutsche Bands haben es hier wesentlich leichter als italienische Bands in Deutschland. Die Reputation ist einfach besser. Lali Puna und Notwist spielen zum Beispiel immer vor vollen Häusern.« Corrado studiert irgendwas mit Literatur und Sprache, wie man eben so vor sich hin studiert, wenn man nicht gerade von einem faschomäßigen Gebührensystem eliminiert wird. »Manchmal denke ich, die ganze Sache mit der Musik kommt ein bisschen zu spät für mich. Ich werde bald dreißig. Wenn man mit Anfang zwanzig herumtouren kann, das ist perfekt. Ich hab keine Ahnung, was ich in zwei Jahren machen werde. Aber momentan ist die Musik das Wichtigste.« Dass Giardini Di Mirò sich freilich über mangelnde Anerkennung innerhalb Italiens nicht beklagen können, wird in Brescia offensichtlich. Brescia ist die Partnerstadt von Darmstadt und besteht hauptsächlich aus Gegend. Der Club, in dem die Band heut aufspielen wird, heißt Freemuzik und liegt direkt neben einem Spezialgeschäft für Industriestaubsauger und Reinigungsmaschinen. Eröffnet hat Freemuzik erst vor zwei Monaten und beherbergte bereits Lali Puna oder Movietone, und in zwei Wochen werden Sodastream erwartet. Überhaupt Sodastream: Die sind, wie man mir berichtet, schon drei Mal durch Italien getourt. In Deutschland waren sie erst einmal. Skandalös! Oder Blonde Redhead, jeden Sommer sind sie im Stiefel unterwegs – wahrscheinlich verbinden es die Brüder Pace mit einem Besuch bei der italienischen Verwandtschaft. Und unsereins bleibt unbehelligt von den Genies und muss Kartoffeln essen. Alles scheiße. Nun! Jedenfalls ist der Laden heuer zum ersten Mal ausverkauft, und Giardini Di Mirò hauen den fünfhundert Gästen ein derart kompaktes Brett um die schlackernden Ohren, da können Mogwai und Hastenichtgesehen mal die Hofeinfahrt vom Nachbarn fegen gehen. Am Schluss darf Jukka auch noch mal Kevin Shields sein und sich eine Viertelstunde durch die Effektgeräte fressen. Es ist ein Traum.

Und leider auch schon Zeit für ein Fazit meines Fünf-Tage-Trips: Die Gastfreundschaft der Band war umwerfend – davon sollte ich mir mal eine Scheibe abschneiden. Tastenmann Luca, der nebenbei als Pillow extrem schöne, entspannte, melancholische Elektronik mit Gitarre produziert, macht eine hervorragende Minestrone. Und die Bewohner Parmas sind reiche Schweine, aber da ist ja auch der Firmensitz von Barilla. 2.nd rec
Im Kontor des Hamburger Labels 2.nd rec gibt es nicht nur exquisite Pasta, hier werden auch die Veröffentlichungen der besten italienischen Bands betreut: Giardini Di Mirò. Klar. Des Weiteren die klaustrophoben Psychedelisten Twig Infection und deren zurückhaltenderes Nebenprojekt Tellaro. Alles anhören unter www.2ndrec.com – dann kaufen.

Weitere italienische Gassenhauer
A Short Apnea – und ihre Hospitalismus auslösenden Klanggebilde. Zwei Alben alptraumhafter Schönheit hat die Band bis dato veröffentlicht, vor allem das namenlose erste sei allen Liebhabern von kaputtem Jazz, reduzierter moderner Klassik und verwaschenem Postrock empfohlen.
CandiEs – die ebenfalls eher verworrene Wege beschreiten. Musik wie ein chronischer cholerischer Anfall. Die letzte CD ›Dense Waves Make Your Eyes Wider‹ erschien auch hierzulande bei NoiseDeLuxe.
My Violent Ego – die gute alte Shoegazing-Schule. Über allem der feengleiche Gesang der Schottin Christa Brewster. ›Carried Along By Fate‹ erschien auf dem französischen Label Ocean Music.