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Die richtige Ecke des Clubs

Giant Sand

Gerade wurde mit "Selections" ein Rückblick auf die letzten zehn Jahre Staub aus dem Schoße Howe Gelbs veröffentlicht. Sonja Müller sprach mit dem Charmebolzen aus Arizona. ?: Warum seid ihr solch eine Jungsband? Wie jetzt? Wie 'NSync und die Backstreet Boys? ?: Nein, eher eine Band für Jungs
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Gerade wurde mit "Selections" ein Rückblick auf die letzten zehn Jahre Staub aus dem Schoße Howe Gelbs veröffentlicht. Sonja Müller sprach mit dem Charmebolzen aus Arizona.

?: Warum seid ihr solch eine Jungsband?

Wie jetzt? Wie 'NSync und die Backstreet Boys?

?: Nein, eher eine Band für Jungs.

Oh, das war mal so, ich denke, vor 10-15 Jahren, aber mittlerweile stimmt das nicht mehr. Ich denke, das Verhältnis ist inzwischen ausgewogen.

?: Auf den Konzerten habe ich aber ganz andere Erfahrungen gemacht ...

Hey, ich habe meine Frau auf einem meiner Konzerte getroffen, ich spreche aus praktischer Erfahrung! Du hast immer in der falschen Ecke gestanden ... Wie kommst du denn darauf?

?: Nun, mir kommt es so vor, als sei eine bestimmte Independent-Schiene fast nur für Jungs reserviert. Auf den Konzerten kaum Frauen, in meinem Freundeskreis kennt keine Frau Giant Sand, es sei denn, sie ist Kritikerin ...

Also sehr intelligent? (lacht fies)

?: ... oder sie arbeitet in einem Plattenladen.

Du meinst also, Männer und Frauen hören eventuell verschiedene Musik? Das wäre möglich, dass in der Independent-Ecke mehr Männer als Frauen unterwegs sind. Aber so krass wie früher ist es nicht mehr. Als wir angefangen haben, kamen vielleicht fünfzig Leute zu unseren Konzerten. Das waren dann alles Jungs. Aber langsam fingen die an, ihre Freundinnen mitzubringen.

?: Wie kommt es, dass du mit zwei Grandaddy-Musikern tourst und nicht in der normalen Giant Sand-Besetzung?

Wir sind gut befreundet und haben selten Gelegenheit, Zeit miteinander zu verbringen. Die Tour ist eine gute Entschuldigung, mal ein paar Wochen miteinander rumzuhängen. Außerdem überschneidet sich diese Tour mit einer von Calexico, weshalb John und Joe da genug zu tun haben.

?: Einige der Giant-Sand-Alben, die ich besitze, hören sich an wie nebenbei bei einem Treffen mit Freunden entstanden, sehr frei und improvisiert. Wie schreibst du Songs?

Es gibt verschiedene Arten, Musik zu machen. Manchmal muss man es einfach aufschreiben, wenn einem was einfällt. Dann hast du keine Lust dazu, weißt aber, dass du dich nie wieder daran erinnern wirst. In solchen Momenten muss ich einfach einen Rekorder finden, um die Idee zu retten. Oder einen Anrufbeantworter. Manchmal ergibt sich auch etwas, wenn man mit Freunden drauflosjammt. Es gibt auch Songs, die in dir drin sind und rauswollen, aber besser nicht zu früh ans Licht sollten. Manchmal sollte man warten, bis man wirklich im Studio ist und die Platte macht, ein paar Songs schon fertig oder auf Anrufbeantwortern sind. Erst dann solltest du den Song, der fertig in dir ist, das erste Mal rauslassen.

?: Und du bist nicht der Meinung, dass nicht erst stetige Überarbeitung den Song perfekt macht?

Oh, mit manchem Material macht es Spaß, so zu arbeiten, dann entwickelt es sich und verändert sich. Und nach zwei Wochen ist es perfekt. Aber es ist schon vor zwei Wochen perfekt gewesen, nur anders. Sobald du einen Song schon einmal gehört hast, übernimmt dein logisches Denken. Beim ersten Mal ist es reines Gefühl. Und das hört man. Sogar die Leute in der Band, mit denen ich spiele, haben keine Ahnung, was ich da gleich machen werde. Und deshalb habe ich es immer so genossen, mit John und Joe zu spielen, weil sie dieses Spiel mit mir spielen können. Eine Art Improvisation ohne wirklich zu improvisa ... wie war das Wort?

?: Improvisieren?

Danke. Englisch ist nur meine zweite Sprache, meine erste ist Stille. (lacht) Also wenn du improdingsda, bestimmst du , wo der Song hingeht, erst während der Fahrt. Das macht Spaß.

?: Ich habe zwei sehr unterschiedliche Konzerte von Giant Sand gesehen. Das letzte war sehr gut, ein anderes eher enttäuschend für das Publikum, weil du dich nicht einmal umgedreht hast. Lag das am Publikum? In Irland sind die Zuschauer ja wesentlich lauter und begeisterungsfähiger als hier.

Ich denke, dass es nicht auf die Lautstärke ankommt. In Irland fühlt man sich, als hätte man gerade ein Tor geschossen, das ist großartig. Aber ich finde, dass man genauso in einem stillen Raum die Atmosphäre spüren kann.

?: Fühlst du dich deinem Publikum gegenüber verpflichtet? Denkst du, sie haben ein Recht auf ein gutes Konzert, weil sie ja schließlich Geld dafür bezahlt haben?

Ich finde, es hat nichts mit einem ‚Recht' auf irgendwas zu tun. Clint Eastwood sagt in "The Unforgiven": "It has nothing to do with deserve", bevor er den Sheriff erschießt. Der Sheriff sagt "I don't deserve to die like this", aber er hat nicht begriffen, dass es darum gar nicht geht. Manchmal kann man mit Angst und schlechtem Gefühl mehr transportieren als an einem perfekten Tag. Wenn das Publikum denkt, meine schlechte Laune versaut ihnen das Konzert oder meine schlechte Laune liegt an ihnen, ist das falsch. Wenn ich einen schlechten Tag habe, bin ich in der Lage, genauso viel zu geben wie an einem guten Tag. Stimmung ist erst einmal neutral. Gut oder mies, sie ist immer wertvoll.