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Real HipHop ist alt geworden

Ghostface Killah & Killah Priest live in Köln

Von wegen, HipHop ist nur was für die Kids! Ghostface Killah und Killah Priest kämpfen in Köln mit viel Routine gegen die Alterserscheinungen.

Geschrieben am
5.10.2016, Köln, Club Bahnhof Ehrenfeld

Am Anfang stehen die Fragezeichen. Wer den Clan in den letzten Jahren live erlebt hat oder sich auch nur die aktuelleren, enorm müden TV-Auftritte der Rap-Gang anschaut, weiß, dass Zweifel im Vorfeld hier nicht unangebracht sind. Man wird eben nicht jünger. Oder, um es mit Jay-Z zu sagen: »Rap is a young man's game«. Das sagte der Jigga allerdings auch schon 2004. Letztes Jahr hagelte es dann folgerichtig den Spott von Young Thug: »I don’t want to be 50 years old and rapping, man. I’m pretty sure nobody wants to do that. I’m pretty sure Jay-Z don’t wanna rap right now.«

Killah Priest und Ghostface Killah sind Jahrgang 1970 und damit genau ein Jährchen jünger als Jay-Z. »Real HipHop«, den die beiden im Verlauf ihres Konzerts in Köln immer wieder proklamieren, ist offiziell alt geworden. Dass dies auch in Würde geschehen kann, zeigten in den letzten Jahren The Pharcyde oder NAS bei ihren Gastspielen in Köln und auch das heutige Ü40-Duo scheint gut gelaunt und auch noch halbwegs technisch fit zu sein. Zwar muss man, wie bei derartigen Ami-Rap-Shows üblich, zunächst ausführliche DJ-Unterhaltung über sich ergehen lassen, bevor auf der Bühne die Mics in die Hand genommen werden. Dann dauert es allerdings nicht lange, bis Kugelblitz Killah Priest nach anfänglichen Vokal-Stolperern seinen Flow gefunden hat.

Der Sunz Of Man-MC eröffnet noch ohne den prominenteren Buddy das Konzert, wird aber dennoch vom Publikum euphorisch empfangen. Arme gehen in die Luft, everybody say »Wu-Tang Clan ain’t nothin' to fuck with«! Nicht nur auf der Bühne werden die Alterserscheinungen ignoriert, auch das Publikum - durchweg Mitte 30 bis Anfang 40 - zeigt sich für einen Mittwochabend in bester Partystimmung. Die steigt noch ein bisschen, als Ghostface Killah eine Viertelstunde später auf die Bühne kommt und die beiden mit Klassikern und Wu-Tang-Dauerbrennern durch die nächsten 40 Minuten führen. Wie sinnvoll diese Rückgriffe aufs Repertoire sind, wenn man eigentlich mit Wu-Goo eine neue Marke im Clan-Kosmos etablieren möchte, wie die beiden nicht müde werden zu erwähnen, sei mal dahingestellt. Insgesamt funktioniert das hier schon sehr ordentlich, auch wenn wie zu erwarten war, viele Stücke nur kurz angespielt werden und vereinzelt Strophen als Playback mitlaufen.

Tragisch ist am Ende eigentlich nur, wie zurückhaltend Ghostface Killah mit seinem Potential umgeht. Wer seine Mütze tiefer trägt als er, steht im Dunklen. Bestes Outfit allerdings für die winzigen, glasigen Sehschlitze, die seine Augen imitieren. Außerdem ist Wu-Goo immerhin eine Firma, die sich mit Rauchutensilien beschäftigt. Doch warum nur vergisst die Raplegende, dass er mit den beiden »12 Reasons To Die«-Teilen in den letzten Jahren kinoreife Storytelling-Alben voller zwielichtiger Charaktere an den Start brachte? Die Kreativität ist doch offenbar noch vorhanden. Wieso dann nicht auch raus damit? An diesem Abend bleibt es beim solidem Abfeiern der eigenen Vergangenheit. Ohne Zugabe, aber mit der Ankündigung, nach der Show am Merch noch die neu gekauften T-Shirts zu signieren. Der Wu-Tang Clan war eben schon immer auch eine Marketingmaschine.