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Invent Modest Fires

Ghost Cauldron

Durch Zufall habe ich grade vor ein paar Tagen mal wieder ein paar alte "Twin Peaks"-Folgen gesehen. Und jetzt eröffnen Ghost Cauldron, das gemeinsame Projekt von Terranova-Mitglied DJ Kaos und seinem alten Skate-Kumpel Ce.el, ihr Debütalbum "Invent Modest Fires" mit dem berüchtigten "Fire Walk
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Durch Zufall habe ich grade vor ein paar Tagen mal wieder ein paar alte "Twin Peaks"-Folgen gesehen. Und jetzt eröffnen Ghost Cauldron, das gemeinsame Projekt von Terranova-Mitglied DJ Kaos und seinem alten Skate-Kumpel Ce.el, ihr Debütalbum "Invent Modest Fires" mit dem berüchtigten "Fire Walk With Me" aus David Lynchs Kultserie. Dazu drohend-düstere Synth-Schwaden, ein schleppender Beat, Grabesglocken, martialische Pauken und Trommelwirbel, Pizzicato-Streicher und ein Satz Bläser aus der Dose wie zum Einmarsch der imperialen Sturmtruppen. Bescheidenheit war gestern. Pathos galore. Willkommen zur Gruselstunde.

Die weitere Marschrichtung wird schon im Info klar: Genre-Hopping zwischen Beats und eher rockigeren Elementen mit einem Hang zur Theatralik und zum nebulösen Overstatement. Etwas Ähnliches hat vor ein paar Jahren bereits einmal der Mo'Wax-Chef James LaVelle als Unkle versucht. Der hatte dabei immerhin Richard Ashcroft, anerkannter Meister der übertriebenen Gesten, am Start. Doch dank guter internationaler Connections, die Kaos als DJ, Graffiti-Artist und Produzent in aller Welt unterhält, finden sich auch auf "Invent Modest Fires" allerhand illustre Gäste ein. Allen voran Priest vom Antipop Consortium, der auf dem Mitternachts-Epos "Only At Night" über schwere Beats und hypnotische Piano-Loops rappt, als gäbe es kein Morgen. Auf "Fear" gibt es dann noch einmal das komplette Consortium aus Zeiten vor deren Split im vergangenen Sommer zu hören. Dazu eine beeindruckende Kulisse aus Sci-Fi-Sounds und düsteren Beats. Und dann ist da natürlich die großartige New Yorker Rapperin Apani B Fly von den Polyrythm Addicts, die mit dem bereits als 12-Inch releasten "Whole World" den für dieses Album wohl rundesten HipHop-Track mit superweich rollenden Bässen mit Bewegungsgarantie abliefert.

Dann gibt es die andere Seite des Albums. Tracks wie "See What I've Become" zum Beispiel, der eher klassisches Songwriting in den Vordergrund stellt. Mitgeholfen hat der Londoner Nick Taylor, noch einer von Kaos' unzähligen Bekannten aus aller Welt. Am Anfang eine geloopte Gitarre, dann getragene Slide-Guitar-Sounds, die in ihrer folkigen Art glatt Erinnerungen an New Model Army hochkommen lassen. Schließlich ebbt das Ganze in eine durchaus angenehme countryeske Ballade ab, die sich abgesehen von einigen obskuren Effekten im Hintergrund ganz artig gebärdet. Im Gegensatz dazu dreht sich bei "Death Before Disco" das Referenz-Karussell dann in Richtung Synthpop. 909 Beats und schneidige Basslines, die Human League gefallen hätten. Dazu als fettes Zitat das Intro von Anne Clarks "Sleepers In Metropolis", und der 80s-Bezugsrahmen steht.

Man merkt schon: "Invent Modest Fires" setzt nicht grade auf einen homogenen Style. Und das ist auch gut, denn so fallen zunächst eher befremdliche Momente wie das Auftauchen eines arabisch anmutenden Streichinstruments auf "Midnight Vapor" oder die auf "Right Now" und "Calming Down" losjaulenden Lead-Gitarren eher in die Obskuritäten-Ecke, als wirklich ernsthaft nerven zu können. Schließlich sind diese eher bedenklichen Momente nach Aussage von Kaos bewusst eingebaut, ist das Stutzen also genau der gewünschte Effekt, den Ghost Cauldron bei ihrem eklektischen Soundtrip erzielen wollen.

Ob man grade so was von Kaos erwartet hat, ist eine andere Sache und letztlich eher ein Problem der eigenen Erwartungshaltung. Genauso wie die Frage, ob jetzt auch andere HipHop-DJs ihre alten Led-Zeppelin- und Metallica-Platten wieder rauskramen. Muss das wirklich sein? Dann aber fällt mir ein, dass kein Geringerer als Rick Rubin bereits in den 80ern als Produzent so unterschiedliche Styles wie die von Slayer und LL Cool J vereinigte. Und der Mann ist wirklich genial, da gibt's keine Frage.