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Mit Angst und Sinatra

Get Well Soon im Gespräch

Get Well Soon veröffentlichen mit »The Horror« ihr fünftes Studioalbum. Warum es dieses Mal okay war, sich thematisch im Mainstream zu bewegen, und was Sinatra mit dem Thema »Angst« zu tun hat, erfuhr Silvia Silko im Interview mit Konstantin Gropper.

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Angst ist plakativ, ordinär, komplex, Hauptantriebsmittel und schuld an gesellschaftlichen Katastrophen: ob Brexit, Trump oder angezündete Flüchtlingsheime – all diese Themen passieren aus einer tiefen Angst heraus, die den Menschen in eine rationale Lähmung versetzt und ihn verzweifeln lässt. »Das Thema hat sich dank der ganzen Ereignisse der letzten Zeit regelrecht aufgedrängt«, erklärt Konstantin Gropper. »Es hat mich immer abgeschreckt, mich mit dem zu beschäftigen, was gerade alle beschäftigt. Allerdings bringt das Schlagwort Angst alles so eindeutig auf den Punkt. Es ist ein Begriff unserer gegenwärtigen Zeit.« Der Musiker konzentrierte sich auf das abstrakte Konzept der Emotion: Existenzangst, Zukunftsangst, Angst vor falschen Entscheidungen, Angst abzustürzen, Angst vor sozialen und emotionalen Brüchen. Ob hier die drei Semester Philosophie in Heidelberg durchkommen? »Ich habe tatsächlich im Grundstudium mal einen Kurs zum Thema Angst gemacht«, erzählt Gropper und lacht.

Auf der Platte zeigt sich allerdings eher sein Hang zu komplexen Gedankenkonstrukten, die nicht nach angerissenem Philosophie-Studium klingen. Ein Grübler sei er schon immer gewesen, meint Gropper. Jemand, der eher nachdenklich wird, als sich zu streiten – oder Emotionen eben mithilfe seiner Musik verarbeitet. Die Musik ist für Gropper aber keine Lawine, die sich aufbaut und irgendwann über ihn hereinbricht. »Wenn ich das Gefühl habe, es ist wieder Zeit für ein Album, nehme ich mir gezielt frei und arbeite daran.«

Dieser Prozess funktioniert seit fünf Alben relativ ähnlich: isoliertes Schreiben, meistens allein, bevor andere Musiker dazukommen. Als Multiinstrumentalist hat man die Freiheit, zunächst vieles mit sich selbst auszumachen – und mit Sinatra. Gropper wäre nämlich nicht Get Well Soon, wenn er nicht noch eine konzeptionelle Extrarunde gedreht hätte. Wie schon auf seinen Vorgängerplatten herrscht nicht nur inhaltlich ein Thema vor, auch die Form entspricht einer bestimmten Idee. »Ich war schon immer großer Fan Sinatras. Ich mag den Stil, dieses groß Angelegte.« Frank Sinatras Karriere erstreckte sich über ein halbes Jahrhundert und ist extrem facettenreich – da muss man schon tief graben, um die richtigen Harmonien zu finden, die zum Thema Angst passen. »Ich habe mich intensiv mit den früheren Werken seines Schaffens beschäftigt und viel Zeit drauf verwandt, mir die Sachen ganz genau anzuhören.« Man merkt es »The Horror« deutlich an: Der gekonnte Flirt mit klassischer Instrumentierung, mit Streichern und Bläsern verhilft Gropper zu elegantem Swing. Die Melancholie und das Drama, die Groppers Kompositionen immer begleiten, bleiben aber natürlich auch auf seinem neuen Album erhalten. So bekommt er es als Get Well Soon ganz gut hin, dem beschwingten Genre einen dunklen Schleier überzuziehen.

Vielleicht braucht ein so tief im menschlichen Sein verwurzeltes Thema wie die Angst einfach eine große musikalische Bühne. Vielleicht wollte Gropper geniale Zeilen wie diese aber auch einfach nicht allein bestreiten. »A noble cause, but there never was, a loveable man in power, but this life has its perks, champagne, fireworks, in Russia: Golden showers.« Auf »The Horror« jedenfalls öffnet Gropper erstmals seinen festen Mitmusikerkreis und lädt Gastmusiker auf sein Album ein. »Teilweise auch, weil ich einige der Instrumente gar nicht selbst spielen kann – oder eben nicht so gut, wie es andere Musiker können.« Natürlich bleibt das Projekt Get Well Soon fest in Groppers Hand – der Input anderer Musiker und Stimmen war jedoch schon immer interessant für ihn. »Ich kann es ehrlich gesagt nicht genau festmachen, warum ich ausgerechnet mit diesem Album angefangen habe, mehr Künstler mitmachen zu lassen.« Im Opener singt eine arabische Musikerin, die Gropper nie persönlich kennengelernt hat. »Das ist eine Freundin meiner Schwester. Dieser orientalische Sound hat mich total inspiriert – und dem Ganzen eine spannende Dynamik verschafft.«

Konstantin Gropper spricht recht nüchtern von großen Emotionen, menschlichen Abgründen und der Welt im Allgemeinen. Nicht distanziert, aber definitiv aufgeräumt. Zu seinen Songs, in denen sich beinah theatralisch die Gefahr heranzuschleichen scheint, in denen verstörende Träume ihr Unwesen treiben und die Dunkelheit ihren Platz einnimmt, passt das auf den ersten Blick gar nicht so gut – oder erscheint zumindest als irritierender Kontrast. Genau das scheint Gropper zu mögen – zumindest ist das die Idee hinter dem Cover der Platte. Die Künstlerin Agnès Geoffray hat ihr Bild »Black« getauft. Der schwarze Hund zwischen den hellgrünen Wänden kann auf den Betrachtenden wie eine Bedrohung wirken – oder wie das in die Ecke gedrängte Wesen. »Es liegt im Auge des Betrachters – oder kann auch zu jeder Zeit beides bedeuten«, erklärt Gropper und freut sich über diese Ambivalenz: Nichts ist eindeutig, alles ist möglich, die Angst hat kein Ende, aber auch keinen Anfang. Ob das nun gut oder schlecht ist, bleibt zu klären.

Get Well Soon

The Horror

Release: 08.06.2018

℗ 2018 Get Well Soon, under exclusive license to Caroline International

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