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Geschichtsstunde mit Mike Watt

Aus dem Archiv: Red Hot Chili Peppers im Gespräch

In Intro #138, der Ausgabe des Mai 2006, traf Heiko Behr Flea und Anthony Kiedis von den Red Hot Chili Peppers. Mit dabei war auch Mike Watt - freier Musiker, Songwriter, Radio-Moderator, Produzent der legendären Experimental-Punkband The Minutemen. Eine Ikone, weit über die Grenzen Kaliforniens hinaus.
Geschrieben am
Der schwarze Porsche gleitet durch die lang gezogene Einfahrt. Der Kies spritzt. Ein livrierter Hotelangestellter eilt diensteifrig herbei und öffnet mit gesenktem Blick die Tür. Ein kleiner Mann erhebt sich. Er trägt ein weißes T-Shirt unter seinem braunen Cordanzug, auf seinem rasierten Schädel thront schief eine Schiebermütze – die Farben sind aufeinander abgepasst. Er blickt sich um, nickt kurz und energisch in meine Richtung. Dann geht er mit großen Schritten auf eine Tür neben mir zu, öffnet selbige, nickt mir nochmals zu und verzieht sein Gesicht schließlich zu einem schiefen Grinsen. Ich starre auf seine berühmte Zahnlücke. Dann verschwindet Flea im abgesperrten Bereich. Die Tür fällt ins Schloss.

Wenig später sitze ich auf dem Fußboden eines kleinen Appartements in Los Angeles, im Schatten des legendären Chateau-Marmont-Komplexes. Es ist erstaunlich spartanisch eingerichtet für einen Ableger dieser Luxus-Herberge. Direkt nebenan werden gleich die Interviews stattfinden, jedes Bandmitglied bekommt ein eigenes Appartement. Um mich herum internationale Presse – ohne amerikanische Kollegen, die sind schon abgefrühstückt worden in dem Medienmarathon, der das mittlerweile neunte Studioalbum der Red Hot Chili Peppers begleitet. Alle sind angespannt. Der erfahrene Radiojournalist aus Berlin schwitzt in seinem Anzug. In einem Rutsch ist gerade das komplette “Stadium Arcadium” an uns vorbeigerauscht. Zwei gebrannte CDs – es wird ein Doppelalbum werden. Die endgültige Reihenfolge der Songs steht noch nicht, die Titel schon. Jeder notiert dürftige Eindrücke und schaut ernst und konzentriert. Als die Betreuerin der Plattenfirma den Raum verlässt, verdichten sich die plätschernden Gespräche zu einem Rauschen. Was wird uns erwarten?

Vor meiner Abreise erzählte mir in der Redaktion ein erfahrener Kollege grinsend von Fleas improvisierten Strip-Einlagen in gemieteten Stretchlimos mit heillos überforderten Fahrern. Auch der Rest der Journaille in L.A. scheint dermaßen hochgekocht angereist zu sein. Atemlos werden Anekdoten ausgetauscht: Hier hat Kiedis ein Interview abgebrochen, da hat Flea rumgeschrien, dort hat Frusciante geschwiegen. Nur Smith – den hat scheinbar noch niemand interviewt. Die Episoden erhärten die Stereotypen: Drummer Chad Smith als stoisch-tumber Bodenständiger, Gitarrist John Frusciante als nerdiger Musikfreak, Sänger Anthony Kiedis als egoistischer Eso-Sexmaniac, Bassist Flea als künstlerisch-exhibitionistischer Feuerkopf. Zeit also, die Bilder im Kopf mit der Realität abzugleichen. Mir werden Flea und Kiedis zugeteilt. Einzeln. Als der erste Kollege dann mit rotem Kopf nach seinen 15 Minuten mit Kiedis wieder den Raum betritt, hängen alle an seinen Lippen. Und er gibt Entwarnung. Aufatmen. Es kann losgehen. 


Musikvideo zu »Dani California« von »Stadium Arcadium«

Déjà-vu mit Mike Watt


Quietschend schliddert der weiße Van durch die lang gezogene Einfahrt. Der Kies spritzt. Ein livrierter Hotelangestellter eilt diensteifrig herbei. Die Tür schwingt von innen auf, ein Mann springt aus dem Wagen. Er trägt ein kariertes Baumwollhemd, ausgewaschene Jeans, abgelatschte Sneakers. Er begrüßt den Hotelangestellten mit einem freundlichen Handschlag: “How are you, man?” Dieser guckt irritiert und grinst etwas unsicher. Der Mann im Karohemd läuft auf mich zu, an seiner Hose baumelt ein dicker Hausmeisterschlüsselbund: “Heiko, Mann, was freue ich mich auf Flea.” Da kommt auch schon die Bandbetreuerin. Sie kann es immer noch nicht richtig glauben, dass Watt mit mir gemeinsam Flea treffen wird. Die beiden umarmen sich. Und Mike fragt feixend, wann es denn endlich losgehe.

Mike Watt ist – weit über die Grenzen Kaliforniens hinaus – eine Ikone. Der 49-Jährige gründete zusammen mit D. Boon 1980 die Experimental-Punkband The Minutemen und arbeitet mittlerweile als freier Musiker, Songwriter, Radio-Moderator und Produzent. Unzählige Bands der Hardcore-, Punk-, aber auch Crossover-Szene berufen sich auf ihn. Er gilt als einer der besten und einflussreichsten Bassisten überhaupt – neben Flea. Momentan bereist er mit Iggy Pop und den Stooges die Welt. Nur einige kurze E-Mails quer über den Atlantik reichten aus, um ihn zu überreden, für Intro die Red Hot Chili Peppers zu treffen – und so werden wir heute gemeinsam Flea interviewen. Es gilt, die Anfangstage dieses Ungetüms RHCP, das mittlerweile rund 50 Millionen Alben verkauft hat, ins Licht zu zerren. Aus welchen Zusammenhängen kamen die Bandmitglieder? Inwieweit änderten sie sich im Laufe ihrer zunehmend exponierten Leben? Welche Rolle spielen ihre Punkwurzeln heute noch? Wohin geht die Reise? Abgesprochen haben wir uns bei einem Auftritt seiner Band Dos (nur eines der gefühlten hundert Projekte des Manns) vor zwei Tagen in einem kleinen Club auf dem Sunset Boulevard.

Bungalow #1 – Flea  


Bevor wir die Stufen zum Schlafzimmer des Appartements hinaufsteigen, in dem Flea auf uns wartet, umarmt Mike buchstäblich jeden im Zimmer. Mit seiner stürmischen Herzlichkeit überwindet er jeglichen Anflug der landläufigen amerikanischen Oberflächlichkeit. Flea hat mittlerweile im ersten Stock seine Mütze abgesetzt, sein Sakko liegt auf dem Boden, er selbst lümmelt wie ein Schluck Wasser auf einem gepolsterten Sessel. Und ruft, freudig aufspringend, “Mike!”, als wir den Raum betreten. 

F: Wow, ich hab dich rumrennen sehen in Melbourne, bist du abgegangen!
M: Na ja, das war fürs Fernsehen. Das Unglaubliche war für mich dabei, mit einem Helden meiner Jugend auf der Bühne zu stehen: mit Iggy Pop. Er hat mich immer angetrieben: “Mike, das war flach, noch mal von vorne!” Ein unglaublicher Typ. Und die anderen haben ihn immer Jim genannt! Du kannst DEN doch nicht Jim nennen ...
F: Mann, der Kerl ist ein Rockstar, weißt du? Ich meine: ein ROCKSTAR!
M: Ja, aber er redet unheimlich gern über Musik als Arbeit: “working the stage”, “working the song”, “working the bass” und so weiter. Ganz anders als bei D. Boon und mir. Wir dachten nur: Gott, ist das laut, das könnte unser letzter Gig sein ...
F: Ja, aber er hat auch diese Oldschool-Work-Ethik. Er will nicht cool sein, darum geht’s nicht. Er will auftauchen und eine geile Show machen. Das ist es. Das hat sich in unserer Generation von Bands geändert. Selbst die großartigsten Bands sind oft too fucking cool. So wie Nirvana, vielleicht die beste Band der 90er, eine großartige Punkrockband waren, aber es gab einen Punkt, da haben sie gedacht, sie verlieren es, nur weil sie so erfolgreich sind. Als ob sie vom Erfolg erschlagen werden. Warum nicht so wie Sammy Davis’ “Hey, let’s give them a show”, in so einem Broadway-Sinne? Ihr versteht mich, oder?
 
 
M: Klar. Los, bringen wir’s auf die Bühne. “Let’s go”, hat Iggy geschrien, als ob er uns alle aus einem Flugzeug schubsen wollte. Work the room, you know ...
F: Mann, das ist eine fucking Tradition, das Showbusiness. Gib den Leuten das Beste, was du ihnen geben kannst.
     

Wie ist das bei euch? Wenn es um Freakiness oder Coolness geht, würdet ihr euch immer noch für die Exzentrik entscheiden?
F: Darüber denke ich nach: Ich glaube, wir haben das auch. Egal, ob wir traurig sind oder deprimiert, wir rennen raus, und es soll dann das beste Konzert überhaupt werden. Wir haben da diese Oldschool-Einstellung. Die Freakiness ist dabei angeboren, wir sind wirklich schräg. Viele Bands kommen irgendwann an den Punkt, wo sie glauben, sie wären Sell-out. Ich kann das nachvollziehen, das ist ja nicht verkehrt. Und vor allem auch kein neues Problem: Miles Davis hat seinem Publikum den Rücken gekehrt. Also, wenn die Größten so was machen, ist das natürlich okay. Ich kratz doch nicht mal an deren Oberfläche, I’m just trying.

Musikvideo zu »Californication« vom gleichnamigen Album
Gab es denn bei euch innerhalb der Band jemals Auseinandersetzungen um dieses Thema? Bei dermaßen erfolgreichen Bands wird es ja von der Basis immer Kritik geben.
F: Offensichtlich versuchen wir, das nicht zu machen – wir wollen unsere Ideen nicht ausbeuten lassen. Ganz früh in unserer Karriere haben wir einen Fehler gemacht: Wir haben ein Commercial gemacht für Nike, so 1985/86. Im Nachhinein war das das Blödeste, was wir machen konnten. Aber abgesehen davon ist ja auch klar: Wir sind Teil einer riesigen Plattenfirma, wir machen Videos für MTV – natürlich kann man das auch Sell-out nennen. Es ist immer komisch, wenn so viel Geld involviert ist. So, als ob man sein Geld auf die Bank trägt, da weiß man auch nicht, wofür sie das verwenden. Man muss halt jeden Tag aufs Neue versuchen, seine Integrität zu wahren.

War das ein natürlicher Prozess für euch? Eine Art organisches Wachsen?
F: Glaub ich schon. Gut, wir sind alle sehr unterschiedliche Typen. Wenn es nur um mich ginge, würden wir immer noch in kleinen Clubs spielen. Ich bin einfach nicht der Typ, der sagt: “Wow, guck dir diese Riesenbühne an, als Nächstes muss sie noch größer werden.” Versteh mich nicht falsch, ich mag diese Entwicklung: Es ist toll, für viele Leute zu spielen. War doch bestimmt auch für dich toll, in Australien vor 50.000 Menschen zu spielen, oder?
M: Ach, ich guck die ja nie an. Das ängstigt mich irgendwie ...

Mike hat mir erzählt, dass es sein Antrieb war, sich gegen den so genannten Stadionrock zu positionieren und damit logischerweise auch nicht vor riesigen Menschenmengen zu spielen. Klar, seine Wurzeln liegen in einer Zeit, als man sich gegen diese Sackgasse wehren musste, um sich überhaupt noch am Leben zu fühlen. Wie war das bei euch?
F: Das unterscheidet uns. Wir sind natürlich gegen langweilige, vorfabrizierte Musik, und wir kommen ja vor allem aus der Punkszene, darüber haben wir uns immer identifiziert. Aber wir waren nie dagegen, groß zu werden. Ian McKaye hat mir mal erzählt, er könne niemals in einer Situation spielen, wo er sich mit dem Publikum nicht mehr verbunden fühle, wo er nur noch für Köpfe und Körper spielen würde, für dieses abstrakte Ding “Masse”. In dem Moment, wo er nicht mehr verstehen konnte, was genau vor sich geht, konnte er es nicht mehr tun – und das respektiere ich. Aber ich liebe es, vor vielen Leuten zu spielen. Wir haben das ja alles durchgemacht, in kleinen Theatern zu spielen, dann in Arenen und in Europa jetzt in großen Stadien.
 
Glaubst du denn, dass ihr dazu beigetragen habt, dass plötzlich so Punkrock-Typen wie ihr in Arenen auftauchen?
F: Da hat ja jeder ein unterschiedliches Konzept. Als wir angefangen haben zu touren, gab es an der Westküste Bands wie The Minutemen oder Black Flag und an der Ostküste Minor Thread und Bad Brains – die alle haben das Touren verändert. Sie haben ein Netzwerk aufgebaut, innerhalb dessen wir dann spielen konnten. Sie haben uns den Weg bereitet, einige Jahre, bevor wir kamen. Plötzlich ist es okay, dass Leute wie wir in Rhode Island spielen. Die Clubbesitzer sagen sich jetzt: Na ja, wenn die Kids kommen und bezahlen – okay. Und dann gab es einen großen Schnitt: Die Medien haben alles verändert. Durch MTV kann man so schnell so groß werden – erst eine Platte raus, noch nie auf Tour gewesen und schon Stars. Das ist schon ein seltsames Phänomen. Da gibt es gar keine Substanz. Ich will nicht sagen, sie haben es nicht verdient, aber ...

Gehen wir doch noch mal zurück in der Zeit. Wie war das, als ihr euch damals kennen gelernt habt?
F: Ich war ja eigentlich Trompeter und kam vom Jazz. Aber dann fragte man mich, ob ich nicht Bassist sein wolle. Weil da in zwei Wochen ein Gig sei. Und plötzlich war das meine Karriere. Wir haben nämlich für die Minutemen und die Bad Brains als Support gespielt, unsere allerersten Shows. Das war schon komisch, weil ich zuerst nur Jazz mochte, später dann erst Funk. Ich mochte Parliament, die Ohio Players. Damals war es nämlich so: entweder Kiss und Zeppelin oder eben P-Funk. Und weil ich immer schon abseits von sozialen Mehrheiten stehen wollte, entschied ich mich ganz natürlich für den P-Funk. Und natürlich vor allem wegen der Bläser, weil ich ja Trompeter werden wollte. Punk hat aber dann etwas in mir ausgelöst. Plötzlich merkte ich, dass es egal ist, wie schnell du bist oder ob du wie Charlie Parker spielen kannst. Ich hab gemerkt, dass die Energie, die man in einer Gruppe aufbauen kann, genauso stark oder sogar stärker sein kann als ein Solo von Coltrane. Noch kurz davor bin ich mit meinem kleinen Schlips rumgelaufen und hab mich geil gefühlt. Ich dachte, ich wäre wirklich Underground ...
M: Tja, du warst halt in den späten 70ern auf der Highschool, Flea. Aber du warst nicht zu spät ...
F: Nein, ich hab die Ausläufer noch mitbekommen. Die Germs hab ich immerhin vom Parkplatz aus gehört ... Aber als es dann mit RHCP losging, haben wir das alles nur als Witz gesehen, wir hatten alle Besseres zu tun. Anthony hatte Grandmaster Flash gesehen, HipHop entdeckt und sich gedacht: “Ey, das kann ich auch.” Wir hingegen dachten: “Na ja, so einen funky Groove kriegen wir doch hin.” Und dann war eine Party bei einem Freund, und wir wollten eigentlich nur einen Song spielen, der bei einem Jam rausgekommen war, aber während des Spielens merkte ich: So gut war es noch nie für mich beim Musikmachen!
M: Ihr hattet doch so einen A-cappella-Song, oder? Nicht mal Instrumente hattet ihr ...
F: Hey, es war nur Spaß. Aber bei dem Scheiß haben die Leute so reagiert, wie ich es noch nie zuvor gesehen hatte. Wir merkten plötzlich, dass wir einen ganz eigenen Sound hatten, ohne es gemerkt zu haben. Es war nämlich natürlich und nichts Durchdachtes. Plötzlich spielten wir mehr Konzerte, mehr Songs, plötzlich wollte jemand eine Platte mit uns aufnehmen. Alles war möglich, wir sind mit allem durchgekommen.
Musikvideo zu »Tell Me Baby« von »Stadium Arcadium«
Fühlst du immer noch diese Freiheit, einfach machen zu können, was du willst?
F: Ehrlich gesagt, im Moment fühl ich das mehr als je zuvor. Es gab Zeiten, da war alles nur noch harte Arbeit. Aber das ist so, als ob sich das Universum eben ausdehnt oder zusammenzieht, manchmal ist es hart, manchmal nicht. Aber diesmal war es eben einfach. Wir respektieren unsere gegenseitigen Meinungen und spielen einfach drauflos, wir haben so viel Material. Ohne Scheiß: Ich bin stolz auf all das, und ich freu mich schon richtig aufs Touren. Und das war nicht immer so. Es gab Zeiten, da dachte ich: “Oh Gott, dieses ständige Reisen”, da war ich sehr von Angst getrieben. Aber jetzt bin ich glücklich: Ich bin verliebt, ich hab ein Baby, es ist eine stabile Zeit. Da fühl ich mich einfach sehr befreit und muss mich um nichts sonst kümmern.


Und wie kommt ihr innerhalb der Band aus? Gerade Anthony hat ja in seiner Biografie allerhand preisgegeben. Das waren ja nicht immer nur angenehme Zeiten, bei den Red Hot Chili Peppers zu sein ...

F: Es gab Zeiten, da haben wir viel rumgestritten miteinander. Bei der letzten Platte habe ich mich zum ersten Mal seit 22 Jahren unwohl gefühlt während des kreativen Prozesses. So, als ob ich mich nicht richtig ausdrücken könnte. Ich bin mit John nicht gut ausgekommen, wir haben ständig gestritten. Das ging so weit, dass ich mich nicht mehr wieder erkannt habe in unseren Songs. Und das war wirklich neu für mich – eigentlich war die Band immer ein Refugium für mich, ich selbst sein zu dürfen. Und ich denke immer, es geht um deinen ganz eigenen persönlichen Spirit. Aber das hat sich wieder gelegt. Das ist wie in jeder Beziehung, es geht hoch und runter ... 


Habt ihr bewusst versucht, gegenzusteuern? Habt ihr zum Beispiel am kreativen Prozess etwas geändert? Gerade wegen der unrühmlichen Erfahrung mit Johns Ausstieg nach “Blood Sugar Sex Magik” ...

F: Eigentlich nicht. Wir haben nur realisiert, wie glücklich wir eigentlich sein können, dass wir uns haben. Dass wir gemeinsam so tolle Musik machen können. Denn das ist ja das Besondere bei uns: Als wir anfingen, konnte Anthony nicht eine Note singen! Er hat geschrien und gerappt und sonst was ...
M: Aber das ist Punkrock, oder?
F: Klar, darum ging’s. Aber er konnte eben auch kein Instrument spielen. Zuerst haben wir uns gewundert, weil er eigentlich nur “bababababadadadada” gemacht hat und die Leute es trotzdem toll fanden. Und irgendwann fühlte er sich dann sicherer und fing an zu singen ...
M: Ich glaube, die Leute fanden’s geil, weil es so indirekt gegen den Mainstream zielt. Scheiß auf Melodien. Da haben sie diese Dimension von den Peppers gespürt ...
F: Stimmt. Irgendwann hat Anthony aber gemerkt, dass man das lernen kann. Auch wenn er lange schräg gesungen hat, aus dem Tempo kam und alles. Jetzt fühlt er sich wohl, Melodien zu ziehen und zu verändern. Für uns war das toll, weil plötzlich viel mehr Raum in unserer Musik steckte: Wir konnten Melodien schreiben, plötzlich kam er mit eigenen Ideen an ... Eigentlich sind wir sogar glücklich, wie es alles war am Anfang. Wenn er nämlich schon von Beginn an hätte singen können, wo hätten wir uns dann hin entwickeln sollen? 
  



Musikvideo zu »By The Way« vom gleichnamigen Album

Einschub  


Tatsächlich hat die Band im Laufe ihrer Karriere seit 1983 eine immense Entwicklung mitgemacht. Neben den beiden Gründungsmitgliedern Anthony und Flea rotierte das Personalkarussell ständig, immer neue Einflüsse wurden in den Sound integriert. Nach “Blood Sugar Sex Magik” und dem damit verbundenen Durchbruch in den absoluten Mainstream verabschiedete sich John 1992 von der Band. Er zog sich komplett zurück und entwickelte eine lebensbedrohende Heroinsucht, die ihn noch heute zeichnet. Fünf Jahre lang trat Dave Navarro an seine Stelle, man nahm gemeinsam das mäßige “One Hot Minute” auf, bevor John 1998 wieder in den Kreis aufgenommen wurde und der abflachenden Karriere neue Impulse verschaffte: Mit “Californication” (1999) und vor allem “By The Way” (2002) meldete sich eine Band zurück, die schon als 90er-Dinosaurier galt. Nur durch extrem unterschiedliche musikalische Einflüsse scheint ihr Sound jetzt wieder relevant. Nicht dazu gehörte meistens: banaler R’n’R.

F: Rockmusik war immer für Leute, die nicht denken wollen. Man füttert sie und hält sie ruhig. Eigentlich war es Musik für Leute, die Musik gar nicht geliebt haben. Es ging um Frisuren und Hosen. Und Jazz war für Leute, die sich darum eben nicht kümmerten. Mit diesem Wissen bin ich aufgewachsen. Ich wollte Dizzy Gillespie werden, Mann!
M: Aber irgendwann muss man sich von den Vorbildern lösen. Just let go! Daher kam die Befreiung in unserem Movement! Das Lösen von den Idolen! Du kamst ja aus einer anderen Sparte als ich und hast viel dazu beigetragen, dass Punk nicht mehr so engstirnig gehört wurde, Flea.
 
Würdest du es als akademischen Ansatz bezeichnen, den du hattest?
F: Na ja, es war viel Schulbildung und viel von zu Hause. Aber sobald ich in Kontakt kam mit diesen arty Rockbands aus New York, Bands wie James Chance, Defunkt, der No-New-York-Szene, war ich angefixt, das hat mich reingezogen, weil es so arty war, so Jazz-inspiriert. Also, der erste RHCP-Song war ein kompletter Defunkt-Rip-off! Der Bassist von Defunkt endete dann bei Henry Rollins – da hast du’s! Plötzlich spielen diese arty Jungs bei den Punkbands!
M: Es gab mal eine Zeit, da kannte ich jede Punkplatte, die rauskam. Deswegen geh ich heute so gern zu Festivals, da hab ich zum Beispiel The Go! Team kennen gelernt.
F: Die kenn ich gar nicht. Ich habe ja jetzt ein Baby, und alle zehn Minuten musste ich es halten – deswegen konnte ich mir in Australien auch nicht so viel anschauen.
M: Denkst du manchmal, du verlierst den Kontakt?
F: Irgendwie schon, auch wenn ich probiere, up to date zu bleiben. Das war früher echt einfacher, weil jeder nach seiner eigenen Neighbourhood klang! Heute ist durch die Globalisierung alles sehr ähnlich. Das Internet ist natürlich toll, aber das hat auch seine Gefahren.
M: Früher gab es so eine Art gesunden Wettbewerb, oder?
F: Oh ja, das war wichtig. Und es gab Bands wie Black Flag, die standen über allen. Hör dir “Damage” an. Das ist kein Punk, das ist Kunst! Und die haben ein Netzwerk gebildet – das wissen heute nur noch die wenigsten. Sie haben nicht darauf gewartet, dass eine große Plattenfirma kommt und wie eine Fee alles für sie herrichtet. Sie wollten eine eigene Firma gründen, eigene Stücke schreiben, alles. Nur aus ihrem eigenen Willen heraus und durch die Liebe zur Musik! Daher kamen wir ja auch, das vergisst man, weil wir heute ja eine big corporate band sind.

Wie aufs Stichwort steckt die Betreuerin ihren Kopf zur Tür herein. Unsere Zeit ist um – “schon lange”, muss man der Fairness halber dazu sagen. Mike und Flea umarmen sich und verabreden sich fürs nächste Wochenende zum Kajakfahren. Als ich mich zur Tür drehe, tippt mir Flea auf die Schulter: “Das war eine sehr gute Idee, Mike mit ins Spiel zu bringen. Mit ihm Zeit zu verbringen ist irgendwie immer wie Ferien. Erholsame und spannende Ferien.” 
Musikvideo zu »Hump de Bump« von »Stadium Arcadium«

Bungalow #2 – Anthony Kiedis  


Apropos Mike. Dieser hat es plötzlich eilig, ich solle Anthony noch grüßen, er müsse jetzt so langsam aufbrechen. Während ich noch über seinen überhasteten Aufbruch nachdenke, werde ich schon ins nächste Zimmer geführt. Anthony Kiedis wartet. Und plötzlich herrscht eine ganz andere Stimmung. Ich nehme ihm gegenüber Platz, er zieht seinen Stuhl noch ein Stück näher heran, sodass wir extrem nah beieinander sitzen. Er ist klein, nicht mehr ganz so muskulös. Vor allem aber ist er: ernsthaft. Konnte Flea seine Unruhe kaum verbergen, rutschte herum, redete sich schnell in Rage, sitzt der auf der Bühne so extrovertierte Mann hochkonzentriert vor mir. Unbeweglich, mich unentwegt fixierend. Er reagiert zurückhaltend, als ich ihm vom gemeinsamen Interview mit Mike erzähle: “Er ist ein Veteran, sehr integer.”

Ist das eine Einstellung, die du teilst? Oder anders gefragt: Gibt es Role-Models für dich, nach denen du dich orientierst?
Würde ich gern. Ich habe Lehrer. Ich fühle den Drang in mir, mich nach Menschen zu orientieren. Aber Role-Models würde ich sie nicht nennen. Ich würde sagen, mit 15 hab ich aufgehört, an so was zu glauben. Aber besonders in letzter Zeit habe ich den Drang, mich mit Lehrern zu umgeben, die viel mehr Erfahrung haben als ich. Davon kann ich nur profitieren. 


Meinst du das musikalisch oder generell?

Oh, generell und auch musikalisch. Ich habe musikalische Lehrer: John, Flea und Chad zum Beispiel. Und ich habe einen Vocal-Teacher. Musik lehrt mich grundsätzlich. Aber eigentlich meine ich eher das Leben.
 

Bist du da gerade in einer besonderen Phase deines Lebens?

Jaaaa, ich verspüre gerade einen starken Drang nach Veränderung, um mich selbst besser zu verstehen. Um es auf eine neue Ebene zu führen.
 

Spiegelt sich das auch im neuen Album wider?

Ich glaube wohl. Es ist ein prophetisches Album geworden. Scheinbar sind viele Dinge etwa ein Jahr später wahr geworden, von denen ich gesungen habe. Es gibt starke emotionale Sichtweisen auf der Platte. Einige galten für den Moment, als sie geschrieben wurden, andere richteten sich schon an die Zukunft.
  

Mit Mike und Flea sind wir eben ein ganzes Stück die memory lane zurückgelaufen. Wenn du zurückblickst, inwieweit haben sich deine Texte geändert?

Sehr stark. Als wir anfingen in den frühen 80ern, kam mein Ansatz von Punkrock und vom Rappen. Ich habe dieses großmäulige Alter Ego entwickelt für die frühen Sachen, diesen sexuellen, psychedelischen “bigger than life”-Character. Aber irgendwann läuft das aus, und du beginnst dich zu wiederholen. Auf “Freaky Styley” und bei “Party Plan” haben wir unsere Horizonte erweitert, wir haben eine neue Sensibilität entwickelt, und seitdem hat es sich ständig geändert. Seit “Blood Sugar Sex Magik” war ich sehr darauf eingestellt, dass man mitsingen kann bei uns. Für mich ist es einfacher, ständig in der Entwicklung zu bleiben, weil vor allem John sich ständig weiterentwickelt. Eigentlich zieht er mich die Straße entlang, und ich muss in ungeheurem Tempo mitziehen, damit es überhaupt funktioniert. Es muss für ihn eine neue Herausforderung sein, ständig. Und das ist toll, mit so jemandem in einer Band zu sein.
 

Ich hab ja “Stadium Arcadium” erst einmal durchgehört, und natürlich ist es hart, sich dann so schnell eine Meinung zu bilden. Aber die Richtung habe ich nicht erwartet, weil ja so viel über die Beach-Boys-Einflüsse auf “By The Way” gesprochen wurde. War das überhaupt okay für dich?

Es ist einfach, so was zu sagen – auf dem Papier zumindest. John ist ein sehr sicherer Harmony-Composer, doch nur weil wir auf drei- und vierstimmige Harmonien gesetzt haben, muss man den Vergleich nicht gleich ziehen. Ich widerspreche überhaupt nicht, weil es natürlich schmeichelhaft und ehrenvoll ist, in einem Absatz mit dieser Band zu stehen. Und auf eine gewisse Art und Weise repräsentieren wir ja auch den Californian Lifestyle, wie es die Beach Boys so viele Jahre vorher getan haben. Also gibt es sicher einen Ansatz, uns zu vergleichen, es gibt eine historische Verbindung zwischen uns. Aber ich finde nicht, dass unsere Harmonien wie ihre klingen.


Musikvideo zu »Under The Bridge« von »Blood Sugar Sex Magic«
Du hast gerade was erwähnt, worauf ich sowieso raus wollte: Wenn man sich die ganzen Peppers-Alben im Laufe ihrer Entwicklung vor Augen führt, bekommt man da einen Eindruck, wie es ist, in Kalifornien zu leben?
Klar. Kalifornien ist ein enormer und wundervoller Einfluss, und ich glaube, dass wir anderswo niemals hätten funktionieren können. Kalifornien ist das fünfte Peppers-Mitglied. Es ist einfach unmöglich, von der Energie dieser Stadt und dieses Staates nicht beeinflusst zu sein. Sehr mystisch, sehr elektrisierend. Ich fühle mich glücklich, dass wir hier leben.
 

Du wolltest nie weg, dich neuen Einflüssen aussetzen?

Nein. Es ist ein tolles Gefühl, Los Angeles zu verlassen. Es ist toll, ja, befreiend, diese Verbindung zu kappen und irgendwohin zu gehen. Aber es ist genauso toll, wieder nach Hause zu kommen. Italien ist alt und schön und voller Geschichte, die Leute wissen dort, wie man lebt. Nicht so wie hier, wo alle wie kopflose Hühner rumrennen. Es ist ein soulfulles Land. Aber dann kommst du einen Monat später zurück hierhin und merkst: Okay, hier will ich leben.

Wenn also Kalifornien als ständiger Motor gilt, welche neuen musikalischen Einflüsse würdest du auf dem neuen Album erwähnen?
Das ist schwer dingfest zu machen, es auf einen kleinen Nenner zurückzustutzen. Weil es für jeden in der Band anders ist. Und dann sind es noch mal zehn verschiedene Elemente pro Bandmitglied. Ich hab zum Beispiel ganz alte Electric-Light-Orchestra-Platten gehört, die John mir empfohlen hatte. Ich bin natürlich als kleiner Junge mit ihnen und ihren Popplatten aufgewachsen. Aber davor waren sie etwas experimenteller, nicht gerade Captain-Beefheart’esk, aber sehr reichhaltig und vielschichtig, mit vielen Harmonien und vielen Oberdubs. Ein sehr komplettes Songbild also. John und ich haben auf dieser Basis über eine Platte gesprochen, die noch nicht mal geschrieben war – und er sagte: “Wir könnten es sehr full and lush and layered halten, oder wir könnten einfach bare bones sein.” Und so sind wir immer hin und her geswitcht. Weil beides so toll sein kann: ein komplett orchestriertes Beatles-Album oder eine trockene Germs-Platte. Wir waren einfach nicht sicher, was wir machen wollten.
Genau das hatte ich auch erwartet: mehr Reichtum, mehr Sound. Und das wird sicher vielen so gehen. War genau das ein Grund, um die Erwartungen zu unterlaufen?
Ich denke, es gibt sehr viele Veränderungen auf der Platte. Je öfter du sie hörst, desto mehr werden sie offensichtlich. Besonders der Gitarrensound, John hat seinen Stil komplett verändert. Viel aggressiver, sehr heavy, viele Solos. Und dann gibt es noch unzählige kleine Sounds, die man allerdings erst nach und nach entdeckt.

Red Hot Chili Peppers

Stadium Arcadium

Release: 09.05.2006

℗ 2006 Warner Bros. Records Inc.