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Ein Teil von Reggae

Gentleman

Zuerst die Fakten, allein aus den letzten zwei Jahren: Über 150.000 verkaufte Einheiten des Albums ›Journey To Jah‹. Goldstatus, natürlich - und das mit purem Reggae. In Zeiten wie diesen, wohlgemerkt. Einen Echo gab es dafür. Stammgast auf den prominentesten Reggae-Festivals von Jamaika. Fette Pr
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Zuerst die Fakten, allein aus den letzten zwei Jahren: Über 150.000 verkaufte Einheiten des Albums ›Journey To Jah‹. Goldstatus, natürlich – und das mit purem Reggae. In Zeiten wie diesen, wohlgemerkt. Einen Echo gab es dafür. Stammgast auf den prominentesten Reggae-Festivals von Jamaika. Fette Props und Kollabo-Angebote von dort ansässigen Superstars wie Barrington Levy Luciano, Coco Tea oder Capleton. Es sind die angesagtesten jamaikanischen Producer, die beim Management anklopfen, um das Reggae-infizierte Weißbrot auf einen ihrer heiß umkämpften Riddims chanten zu lassen. Nicht teuer eingekauft, sondern mit Respekt erarbeitet. Nominierung zum ›Best New Reggae Artist‹ bei den Martin Awards in New York sowie bei den Reggae & Soca Awards in Miami. Europaweite Tourneen vor ausverkauften Häusern, von Italien bis Skandinavien und zurück. Die Live-CD/DVD ›Gentleman & The Far East Band Live‹. Und in der Branche tuschelt man gar heimlich über eine mögliche Grammy-Nominierung für das neue Album ›Confidence‹. Tilmann Otto macht’s möglich ...

Man kann seine Musik und seine Art, sie zu transportieren, mögen – oder eben nicht. Man kann seinen rastlosen Eifer, sich die heiß geliebte Inselkultur ganz zu Eigen zu machen, belächeln oder toll finden. Man kann sich darüber aufregen, dass der Mann sogar mit seiner deutschen Band in Patois spricht (siehe auch Intro #93), oder eben die Konsequenz goutieren, mit der Gentleman sein Ding durchzieht. Die oben genannten Fakten aber, die kann man einfach nicht ignorieren. Selbst in einem Land nicht, das schon seit jeher seine wenigen internationalen Stars nur so lange wirklich unterstützt, wie sie noch keine sind. Und da kann sich insbesondere die hiesige Indie-Presse mal an die eigene Nase fassen. Eins dürfte aber auch der aufgefallen sein: Reggae is here to stay und to be different. Von Roots bis Dancehall und Dub hat Germany den Riddim längst verinnerlicht und muss nicht mehr nur so tun als ob. Sichworte: Seeed, Patrice, Nosliw, Sam Ragga, PowPow, Silly Walks und so fort. Ganz sicher ein Verdienst von Leuten wie eben Gentleman. Auch wenn er das natürlich offiziell nicht gerne hört. Deutschland, dein Reggae – das Klischee will der Mann aber so was von gar nicht bedienen, geschweige denn bedient wissen:

Lass uns bitte mal wegkommen von diesem »Reggae aus Deutschland«-Ding, wenn’s geht. Oder Reggae aus Frankreich, oder eben aus Jamaika. Klar ist Jamaika die Geburtsstätte, und von da kommt natürlich am meisten Input – aber überall auf der Welt wird inzwischen richtig guter Reggae produziert, und das ist eine Tatsache. Seeed produzieren einen Riddim in Berlin, der in London von Tania Stevens gevoicet wird, und das Ganze geht dann auf den Bahamas an die Spitze der Charts. So funktioniert das inzwischen, es funktioniert global. Reggae ist ein internationales Ding und zeigt, dass wir halt auf einer Erde leben.

Und das Publikum, die Leute, die deine Platten kaufen, was kriegen die: Tilmann aus Köln oder Gentleman, den Internationalen?
Ich achte schon darauf, dass Tilmann Otto und Gentleman ein und dieselbe Person sind. Es gibt ja auch so Entertainer, die dann auf der Bühne in eine Rolle schlüpfen. Aber ich bin auf und hinter der Bühne dieselbe Person. Im Privatleben vielleicht nicht ganz so under fire wie auf der Bühne, aber ansonsten bin ich schon real, ein ruhiger Mensch, sehr gechillt. Der nichts weiter will, als seine Musik mit den Leuten zu teilen.
Jetzt transportierst du ja auch in deinen Texten bestimmte Inhalte, die zumindest für Roots-Reggae fast schon klassisch sind ...
Klar, ich mach mir schon eine Menge Gedanken zu meinen Texten. Muss auch sein, weil gerade im HipHop oder im Dancehall sind so viele Inhalte am Start, die einfach unverantwortlich sind. Wo Künstler, die an sich großartig sind, einfach nicht mehr checken, dass sie nicht nur sich selbst gegenüber eine Verantwortung haben. Sicher können wir die Welt nicht in einem Tag ändern. Aber ich glaube fest daran, dass wir etwas bewegen können, auch wenn das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist. Vielleicht kommt es ja auf den gerade an.
Ist aber ein heikles Thema. Da muss man sich doch permanent selbst überwachen, wenn man für die Kids ein glaubwürdiges Vorbild sein soll, oder?
Natürlich bin ich auch nicht perfekt. Mein Gras-Konsum zum Beispiel. Also, ich hab damit meinen Frieden gemacht und über die Hintergründe viel gelernt. Bei den Rastas in den Mountains von Jamaika wird das chalice, »das heilige Kraut«, aus Meditationsgründen geraucht, auf einer heiligen Ebene. Und eben nicht, um Sachen oder Situationen zu verdrängen. Aber wenn ich auf der Bühne meinen Spliff rauche und im Publikum die 12-, 13-Jährigen sehe, denke ich schon mal: »Shit, das war jetzt nicht cool von mir.« Eigentlich sollte ich dann noch mal sagen, dass Weed-Rauchen nicht an sich toll ist, sondern dass jeder für sich rausfinden muss, wie das für ihn funktioniert. Ich will das auch auf gar keinen Fall verherrlichen oder verharmlosen. Da fällt mir dann diese Spiegel-Titelstory mit der Schultüte ein, die ich eigentlich ganz gut fand. Weed ist heute nun mal fünf bis zehn Mal so stark wie früher, als wir Kids waren. Und wenn jemand leer ist und schon morgens fette Skunk-Spliffs raucht, dann wird er dadurch natürlich noch leerer. Aber das sagt den Kids natürlich niemand, da fehlt einfach die Aufklärung.
Und dann war da natürlich hierzulande noch die Fraktion, die nicht versteht, warum du sogar mit deiner Band in Patois kommunizierst ...
Wenn du was liebst, dich wirklich dafür interessierst und dich permanent damit auseinander setzt, dann wirst du irgendwann automatisch ein Teil davon. Hey, ich bin jetzt 30, und das erste Mal war ich mit 17 in Jamaika und seitdem regelmäßig. Da ist einfach auch was zusammengewachsen, und ich arbeite noch heute mit vielen Leuten da, die ich schon seit damals kenne. Köln ist meine Basis, aber ich bin irgendwie auch in Jamaika zu Hause. Und ich lebe das, was ich liebe, jeden Tag. Da gibt es eigentlich auch nix zu rechtfertigen oder so, es ist einfach so, wie es ist. Ich könnte auch gar nicht ohne das alles sein, denn das ist ein Teil von mir geworden, so, wie ich ein Teil von Reggae bin. Für mich ist das völlig normal. Das hat sicherlich auch was mit dem Horizont zu tun, den man hat.

Barrington Levy
Einer der legendärsten Reggae-Sänger, auch genannt »the mellow canary«. Levy gilt als der erste Dancehall-Vokalist der Reggae-Geschichte und veröffentlicht seine grandiosen Tunes seit 1975. Levy ist in der Szene einer der Oldschool-Superstars und hat Gentleman nicht nur wesentlich beeinflusst, sondern ihn auch zu seinem sagenumwobenen Reggae-Festival nach Jamaika eingeladen. Und das gilt als Ritterschlag!

Riddim
Im Reggae-Sprachgebrauch bezeichnet ein Riddim (Patois für »rhythm«) das instrumentale Backing, auf das gesungen wird. Meist ist ein Riddim dominiert von der Bassline und dem Rhythmus-Pattern. Ein DJ ist im Reggae übrigens der Sänger, der auf einen Riddim singt. Das, was wir als DJ kennen, nennt man in der Reggae-Welt einen Selector (Patois: selecta).