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Zurück in die Zukunft - live 1979 & Atemlos & Atemlos 2. Sprecht mit den Maschinen

Geisterfahrer & Matthias Schuster

Die Hamburger Markthalle war einer der wichtigsten Austragungsorte von Punk und New Wave in Deutschland. Dort fanden Ende der 1970er die von Alfred Hilsberg initiierten Festivals „Into The Future“, „In die Zukunft“ und „Geräusche für die 80er“ statt, die in Form der nachgereichten Festival-Sampler w
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Die Hamburger Markthalle war einer der wichtigsten Austragungsorte von Punk und New Wave in Deutschland. Dort fanden Ende der 1970er die von Alfred Hilsberg initiierten Festivals „Into The Future“, „In die Zukunft“ und „Geräusche für die 80er“ statt, die in Form der nachgereichten Festival-Sampler wichtige Entwicklungsschritte und Entwicklungsfehltritte der Szene dokumentierten. Zudem bildeten Markthalle und Festivals wichtige Plattformen für die Saalschlachtfeste und Fraktionskämpfe, auf denen verhandelt wurde, in welche Richtung es aber auf gar keinen Fall gehen sollte. Sie waren geeignete Orte für produktives Unverständnis und eine Abgrenzungspolitik, die die Punk- und Post-Punk-Explosion im Innersten zusammenhielt. Nicht zuletzt, indem sich die einzelnen Parteiungen dabei zumindest noch negativ aufeinander bezogen, also voneinander wussten und auch wissen wollten. Den vielleicht stärksten und auf jeden Fall gefährlichsten Kampfverband stellte dabei die legendäre erste Hamburger Punkgeneration, eine Ansammlung von Hardrock- und Fußball-Hool-RenegatInnen, die sich mit unversöhnlicher Leidenschaft für die unterkomplexe und genügsame Milchmädchen-Gleichung „Punk = Rock’n’Roll“ stark machten, die ihrer Auffassung nach eine Gleichung ohne jegliche Unbekannte sein sollte. Vor allem die erste deutsche Post-Punk-Generation bekam das zu spüren. Frühe NDW-Gruppen wie Die Radierer, The Wirtschaftswunder oder Freiwillige Selbstkontrolle absolvierten in der Markthalle ihre Feuertaufe, und nicht wenige wurden kurzerhand von der Bühne geprügelt, weil sie es gewagt hatten, Seltsames, Fremdes, Schräges oder sogar Unernst und Nichtverbissenheit in ihrer Musik zuzulassen: Dass Mittagspause etwa sich erfrechten, in der Markthalle in Holzfällerhemden aufzutreten, konnten die Hardcore-Punks natürlich nicht durchgehen lassen. Erst später entstand dann mit dem Krawall 2000 ein Veranstaltungsort, der sich ganz in den Händen des wertkonservativen Punk-Milieus befand, was dazu führte, dass die Kunst-Punk-Szene, die zur frühen NDW wurde, und die Hardcore-Fraktion sich – in ihrer jeweiligen Nische eingefriedet – gegeneinander abschotteten. Die subkulturelle Öffentlichkeit zerstob so in zahlreiche, sich schnell verwirbelnde Szene-Späne.

Die Atmosphäre in der noch unvivisezierten Markthalle des Jahres 1979 lässt sich gut nachhören auf einer Live-CD, die erstmals den ersten Auftritt der Hamburger Post-Punk-Gruppe Geisterfahrer beim zweiten Markthallen-Festival vollständig bringt – bisher waren nur zwei Stücke auf dem „In die Zukunft“-Sampler überliefert gewesen –, dazu ein weiteres Konzert in der Hamburger Hochschule für Bildende Künste ein knappes halbes Jahr später. Besonders der Markthallen-Mitschnitt gibt wieder, wie sehr Punk damals das offensive und öffentliche Ausagieren von Konflikten war – weit jenseits routinierter innerstädtischer Bierflaschenzerdepper-Rituale. Geisterfahrer spielen hier – noch mit dem späteren Palais-Schaumburg-Sänger Holger Hiller – eine schroffe, wirre, sich hin und wieder verlaufende und/oder zerfallende, dabei aber immer frontal nach vorne und zwar gegen das Publikum gerichtete und dergestalt schlagfertige Frühform ihres nachmaligen Gruppensounds, flankiert von todesverachtender Publikumsanmache. Die Ironie des hier exklusiven Eröffnungsstückes „Sehr entgegenkommend“ hat Manifestcharakter und bringt eine wichtige historisch-kritische Fußnote zum Gruppennamen: Geisterfahrer as in Richtungswechsel auf Kollisionskurs – Positionierungs-Pogo in einer merkwürdigen Service-Form. „Dies ist eine Podiumsdiskussion mit vier Teilnehmern aus vier Richtungen“, heißt es prophylaktisch schon mal im Eingangsstatement. Was wohl auch die innere Verfassung der Gruppe beschreibt, die als Kompromissform ihrer Mitglieder das Ausweichen in Neben- und Soloprojekte nötig machte.
Matthias Schusters Solo-LP „Atemlos“ von 1981 zum Beispiel, ebenfalls von NLW als CD wiederveröffentlicht zuzüglich der Single unter dem Projektnamen Im Namen Des Volkes von 1979 und der bereits etwas Dark-Wave-albernen „Ritual“-Maxi, die einen Gedichtzyklus des Geisterfahrer-Kollegen und Sounds-Redakteurs Hans Keller vertont. Allesamt Klassiker der avancierten Untergrund-NDW („Ritual“ dann schon mit einigen Abstrichen), die im Original schwer gesucht und teuer sind und von daher jedem und jeder auch nur halbherzig Interessierten im altväterlichen Duktus empfohlen sei.
In Assoziation mit Plastic Frog Records wird dann noch die 1986 symptomatischerweise nicht mehr veröffentlichte Nachfolge-Platte „Atemlos 2“ hinterhergeschoben, die vor allem die düster-verhangenen Momente des Geisterfahrer/Schuster-Universums aufgreift. Das allerdings leider ohne jenes dialektische Gegenüber, das ihnen von den Musikern auf den frühen Platten entgegengesetzt worden war. Hier fliegen schon keine Funken und auch keine Fetzen mehr, sondern es mäandert und trudelt ein dunkler, langatmiger und über weite Strecken fader Strom dahin, aus dem hin und wieder noch der alte Geist aufblitzt und schnell wieder absäuft. Jene berüchtigte Ästhetik der Tiefe also, die allenfalls da gelingt, wo sie mit geeigneter Fallhöhe nicht gelingt. Hier jedoch gelingt sie durchaus im konventionellen Sinne. Entsprechend klingen die meisten Stücke unentschlossen, glatt und – zumindest im Hinblick auf die in ihrer Berechenbarkeit gleich neben dem Freundeskreis des „Buena Vista Social Club“ wohnenden Gothic-Hörgewohnheiten – gefällig. Und wie auch nicht: Die für die weitere Entwicklung von Pop bedeutsamen Rangeleien fanden ja zu dieser Zeit längst woanders statt. Die Sprech-Passagen des zweiten Stücks erinnern also keineswegs von ungefähr an das Intro zu „Haus der Lüge“, jener LP, mit der die Einstürzenden Neubauten erstmals nach schützenswertem Kulturgut klangen. File under: KomplettistInnen-Staubfänger.