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Gegen die Hyperaktivität

Born Ruffians

Diese Band hat keine Ambitionen, leicht zugängliche Musik zu machen.
Geschrieben am
Diese Band hat keine Ambitionen, leicht zugängliche Musik zu machen. Und trotzdem ist sie auch auf dem zweiten Album „Say It“ in dem Sinne Pop, als dass sie sich nicht um Primärquellen kümmert, sondern bei Dieben klaut. Eine gute Idee, findet Mario Lasar.
 
Wer Born Ruffians das erste Mal hört, ist erstaunt über ihren luftigen Sound. Die Löcher, die ihre Musik bestimmen, sind ebenso wichtig wie die Stellen, an denen Musik gespielt wird. Ursprünglich noch mit Mini-Moogs und Saxofonen verziert, wurde das neue Album nach einem Umdenkprozess seitens der Band doch wieder auf das vom ersten Album „The Red, Yellow & Blue“ bekannte Zusammenspiel von Gitarre, Schlagzeug und Bass heruntergefahren. In den seltenen Fällen/Songs, wo die ursprünglichen Verzierungen bleiben durften, wirken sie umso überraschender.

Luke LaLonde, Sänger und Gitarrist der Band, führt aus, dass die Idee des Synthesizers von vornherein lediglich darin bestanden habe, „die Texturen reicher zu gestalten. Das Keyboard sollte nie eine führende Funktion übernehmen.“ So genutzt, hätte es nur für Redundanz gesorgt – etwas, das sich kaum mit dem Minimalismus-Credo von Born Ruffians verträgt: „Wir haben schon immer das Fett aus unseren Songs herausgeschnitten und überflüssige Bestandteile, die das jeweilige Stück nicht vorantreiben, eliminiert.“ Konsequenterweise blieb deswegen auch das Saxofon größtenteils auf der Strecke: „Zunächst schwebte mir ein klassisches Rock-Saxofon für den Sound der Platte vor, so wie zwischen den mittleren 70ern und 80ern gespielt, als das Saxofon eine Institution in der Rockmusik war, etwa bei Bruce Springsteen. Aber man kann es nicht in die Songs hineinzwingen, in ‘Come Back’ funktioniert es allerdings sehr gut.“
 

Die Prog-Rock-Falle
 

Wer Luke LaLonde, einem hochaufgeschossenen Jüngling mit angesagter Frisur, gegenübersitzt, mag sich angesichts der explodierenden Aktivität der Born-Ruffians-Musik zunächst darüber wundern, wie aufgeräumt und konzentriert er über seine Songs zu sprechen vermag. Vor diesem Hintergrund ist man bereit, die irrlichternden Strukturen, die die Alben auszeichnen, nicht länger als Zufall zu bewerten, sondern vielmehr als durchdachtes Konzept.

LaLondes reflektierte Art des Musikmachens führt dazu, dass er Born Ruffians vernünftigerweise nicht losgelöst von musikalischen Traditionen betrachtet, sondern sie in einem konkreten Kontext verortet: „Unsere beiden Alben sind sehr organisch aufgenommen worden. Ein Modell, an dem wir uns orientieren, ist The Band, weil sie auf perfekte Weise die Vorstellung bedienen, als Gruppe zusammen in einem Raum zu stehen und live aufzunehmen. Wir benutzen kein Metronom, und wenn Gefühl und Performance einer Aufnahme stimmen, lassen wir etwaige kleine Fehler so stehen.“

Natürlich klingen Born Ruffians kein bisschen nach dem poetischen Bauernhof-Folk-Rock von The Band – es geht hier eher um die formale Ähnlichkeit im Aufnahmeprozess. Während bei The Band alles gemächlich und entspannt dahinfloss, wird die Musik der Born Ruffians von einer seltsamen Hektik bestimmt, die allerdings auf dem neuen Album um einiges gezügelter anmutet als auf ihrem Debüt. „Ja“, sagt Luke LaLonde, „diesmal haben wir versucht, etwas weniger hyperaktiv zu spielen, um die Prog-Rock-Falle zu umgehen. Wir wollten den Songs keine Anspannung mehr injizieren. Diese Platte nähert sich einem traditionellen Verständnis von Popsongstrukturen an. Aber wir werden weiterhin von der Idee besessen sein, dass Songs interessante Wendungen nehmen müssen und Text-Strophen nie gleich sein dürfen. Ich schätze nun mal durchdachte Songstrukturen!“

Wenn man sich die Platten anhört, kommt es einem fast so vor, als hätten Born Ruffians eine pathologische Angst davor, einen einigermaßen geradlinigen Song zu schreiben. Die Energie mag gezügelt sein, aber es gibt immer noch so viele Breaks, dass jedes ihrer Stücke aus mindestens drei Sektionen zu bestehen scheint. Luke LaLonde erklärt sich diesen Umstand damit, dass er ein Problem mit Musik habe, „die sich keine Mühe gibt. Es ist zu einfach, ein radiotaugliches gesichtsloses Lied zu schreiben. Ich höre so oft Songs, bei denen ich mich frage, warum den Bands nichts daran liegt, etwas zu wagen. Ich finde Mainstream-Musik einfach nur frustrierend.“
 
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Diese Band hat keine Ambitionen, leicht zugängliche Musik zu machen. Und trotzdem ist sie auch auf dem zweiten Album „Say It“ in dem Sinne Pop, als dass sie sich nicht um Primärquellen kümmert, sondern bei Dieben klaut. Eine gute Idee, findet Mario Lasar.



Für das Klauen und die Verwässerung
 

Die Vorliebe für ausufernde, verspielte Rhythmik lässt sich nicht zuletzt auf LaLondes Besessenheit von den Talking Heads zwischen „Remain In Light“ und „Speaking In Tongues“ zurückführen. Was man bei Born Ruffians zunächst als „afrikanischen“ Einfluss wahrnimmt, erweist sich in Wahrheit als „verwässerter Talking-Heads-Einfluss“. Eine vergleichbare Situation findet man bei Vampire Weekend, die ihre afrikanischen Referenzen lustigerweise und bekanntermaßen von Paul Simons „Graceland“ übernommen haben. Damit agieren die Born Ruffians auf Urterrain von Popmusik: Klauen gehört zum Wesen von Popmusik, durch die Verwässerung grenzt sich Pop von verwurzelten Stilen wie Blues oder Jazz bewusst ab und nimmt so erst Gestalt an.

Die Kreuzung von experimentellen Spielweisen und dieser popimmanenten, positiv zu sehenden Verwässerung prädestiniert die Born Ruffians dafür, auf Warp zu veröffentlichen. Als letztes Jahr anlässlich des zwanzigjährigen Bestehens des Labels die sehr empfehlenswerte Compilation „Warp20 (Recreated)“ erschien, waren Born Ruffians mit einem bis in die Haarwurzeln inspirierten Cover der zum Medley zusammengefassten Aphex-Twin-Stücke „Milkman“ und „To Cure A Weakling Child“ vertreten. „Die Warp-Leute haben uns von dem Konzept erzählt, ein Album zu machen, auf dem ihre Bands sich gegenseitig covern. Zuerst wollten wir es mit einem Stück von Battles versuchen, aber dann erschien es uns interessanter, ihren bekanntesten Elektronik-Act zu covern – gesehen aus der Perspektive eines Rock-Acts. Natürlich ist unsere Herangehensweise an Aphex Twin ein bisschen humoresk. Ich mag es, wenn eine Coverversion eine komplette Neubearbeitung des Originals darstellt“, so Luke LaLonde.

Der Sänger sagt auch, dass er erst durch den Warp-Deal angefangen habe, sich für elektronische Musik zu interessieren, und nennt Flying Lotus als aktuellen Favoriten. Dennoch solle man von ihnen keine elektronische Platte erwarten: „Das wäre albern. Andererseits: Wer weiß schon, welche Einflüsse sich in Zukunft in unserer Musik niederschlagen werden?“ Zumal Grenzziehungen ja eh so eine Sache sind. Die Born Ruffians werden manchmal mit der etwas albernen Genre-Bezeichnung „Math-Rock“ belegt, die auch schon auf die von LaLonde erwähnten Labelkollegen Battles angewandt wurde. Eine terminologische Konstruktion, die Musik mit der Tendenz zu kalkulierten Songstrukturen und rhythmischer Komplexität bezeichnen soll. Letztlich greift der Begriff aber zu kurz, weil er im Widerspruch dazu steht, dass Born Ruffians auf organische Produktion, Spontaneität und das offensive Zulassen von Fehlern bestehen. Außerdem schreiben sie völlig unprätentiöse, rührende Texte darüber, dem Opa im Haushalt zu helfen („Sole Brother“).
 
Gegen die zwischenmenschlichen Probleme
 
Nach einer langen Tour im Jahr 2008 ist es bei den Born Ruffians zu bandinternen Spannungen gekommen, weil man sich gegenseitig zu sehr auf der Pelle gehockt hatte. Schlagzeuger Steve Hamelin verkündete sogar kurzzeitig seinen Abschied vom Tourleben. Nachdem man sich ausgesprochen hatte, revidierte er seinen Entschluss allerdings wieder.

Auf diesem Hintergrund ist „Say It“, der Titel des neuen Albums, als schlichtes, aber wichtiges Argument für das ehrliche Sprechen miteinander zu lesen. So lassen sich zwischenmenschliche Probleme nicht nur lösen, sondern auch vermeiden. Eine weitere Strategie hat Luke LaLonde gewählt, indem er vor einigen Monaten nach Montreal gezogen ist, während Bassist Mitch DeRosier und Schlagzeuger Steve Hamelin weiterhin in Toronto leben. So hat auch die Bandstruktur etwas mehr Luft, ganz so, wie sie es in der Musik schätzen. Und auch sonst zeigt sich Luke zufrieden mit dem Umzug und berichtet, dass in der Montrealer Musikszene das Abgrenzungsbedürfnis der Bands weniger ausgeprägt sei als in Toronto: „Es fühlt sich nicht so anonym an in Montreal, man geht nicht so distanziert miteinander um. Da können wir noch was lernen.“