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Zwischen Mackertum und Attitüde: Oben ohne im Pop

Gebt dem Kind ein Shirt!

Justin Bieber liebt ihn, Iggy Pop hat ihn zumindest gefühlt erfunden und bei den Red Hot Chili Peppers ist er heute immer noch so unangenehm wie vor 20 Jahren: Der bewusst zur Schau getragene Oben-ohne-Look.
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Fast hätte er es geschafft: Nahezu eine Woche sind die Filmfestspiele in Cannes nun schon on und selbst dem aufmerksamen Beobachter dürfte kaum aufgefallen sein, dass sich mit Justin Bieber auch der derzeit streitbarste Ex-Kinderstar unter das feiernde Volk gemischt hat. Keine Skandale und auch keine sonstigen Fauxpas – bis ein Foto des mal wieder gewohnt prollig oben ohne flanierenden Popstars dann doch noch einige Gemüter erhitzte. »What a douche«, skandierte der populäre Gossip-Blog World Of Wonder, die Daily Mail kommentierte ironisch: »Shirtless Justin Bieber brings a touch of class to Cannes as he continues his bare chested gallivanting around France.«
Während sich die Aufregung in dieser Causa aus einer generellen Antipathie beziehungsweise aus Biebers sorgfältig aufgebauten Ruf des ignoranten Mackers speisen mag, wurde die rein auf der Semiotik basierende Verurteilung dieses fest in der Popkultur verankerten Looks eigentlich viel zu lange vernachlässigt. Denn mal ehrlich: Oben ohne war schon bei den Red Hot Chili Peppers scheiße und ist heute allenfalls noch bei Iggy Pop und Rick Ross akzeptabel - bei letzterem vielleicht sogar zwingend, sollte dieses bärige, tätowierte Gesamtkunstwerk doch wirklich niemanden vorenthalten werden.

Doch im Allgemeinen gilt: Der »Shirtless Look« ist nicht mehr als das unsägliche Downgrade des Feinripps. Nur wo das Unterhemd zumindest noch an der schwammigen Grenze zwischen bequemer Nachlässigkeit und chauvinistischem Statement (Heißt ja nicht umsonst auch »Wifebeater«) weilt, entstammt der unpragmatisch motivierte Oben-Ohne-Look, wie ihn Justin Bieber pflegt, im Grunde einem gänzlich archaischen Ritual und soll vor allem eines signalisieren: Körperliche Überlegenheit.  Das wiederum verleiht dem in der heutigen Zeit öffentlich zur Schau getragenen Oberkörper zusätzlich auch eine postpubertäre Komponente, sind es doch gerade jene halbstarken Egomaschinen wie Justin Bieber, die sich stets ihrer eigenen vermeintlichen Toughness versichern müssen. So ist der »Shirtless Look« auch unlängst zum Symbol des US-Amerikanischen »Bros«, wahlweise auch »Frat Boy« geworden, also jene stereotypen Highschool-Bully-Typen, die ihre Zeit wahlweise beim Football-Training oder Spring Break-Partys verbringen. Vielen Dank für nichts, Marky Mark.
Auf der Bühne ist die Bedeutungsebene des ambivalenten Dresscodes allerdings weitaus schwieriger auseinanderzudividieren, fahren geachtete Künstler wie Henry Rollins und Iggy Pop den Look doch genauso gerne wie New-Metal-Macker a la Fred Durst oder Kid Rock. Gerade Ersteren darf man neben den praktischen Beweggründen (überfüllte und aufgeheizte Venues, viel Bewegung etc.) sicher auch ein wenig Attitüde unterstellen – hier aber nicht gegen die vermeintliche männliche Konkurrenz gerichtet, sondern wohl eher gegen das Establishment im Allgemeinen. Denn wie soll man sich auch radikaler gegen Hemd und Krawatte abgrenzen, als mit einem freien, verschwitzten und tätowierten Oberkörper? Eben. Und was Bieber und Co. betrifft: Gebt dem Kind doch bitte ein Shirt.