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Hidalgo live in Köln

Ganz nah dran

12.09., Köln, Blue Shell Im familiären Blue Shell dreht der Ventilator besonders langsame Runden. Ein Umstand, auf den Hidalgos Betty später extra hinweist. Doch dazu nachher mehr. Es ist schon auffallend, mit welcher Verlässlichkeit die Kölner Institution an der Luxemburger Straße gerade jenen A
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12.09., Köln, Blue Shell

Im familiären Blue Shell dreht der Ventilator besonders langsame Runden. Ein Umstand, auf den Hidalgos Betty später extra hinweist. Doch dazu nachher mehr. Es ist schon auffallend, mit welcher Verlässlichkeit die Kölner Institution an der Luxemburger Straße gerade jenen Acts das Beste entlockt, die nominell für ganz andere Konzertsäle ausgelegt sind. Brendan Benson, Logh und jetzt eben Hidalgo sind Bands, von denen einem später keiner mehr glaubt, dass man sie kannte, bevor sie groß waren.

Vor den Auftritt der Nürnberger Hexer ist allerdings der Gig von Amyeto gesetzt, einer jungen Düsseldorfer Band, die ebenfalls zu Höherem berufen scheint. Ihr dräuender Opener ist ein gewaltiger Instrumental-Sturm, in dem eine in Zungen sprechende Gitarre klarste Melodien aus einem Soundgewitter herausschneidet. Amyeto versöhnen lässig das Beste aus Mogwai und Bedhead miteinander, während die Stimme von Girls against Boys und Mission of Burma spricht. Klar ist das ein bisschen viel Referenzgeraune, aber was will man zu einer Band sagen, die sich auf Bühnen und im Internet rar macht, bei der man aber laufend denkt: Warum kenne ich die bisher nicht?

Nürnbergs Hidalgo sind noch mal eine ganz andere Sache. Wobei ich an dieser Stelle zugeben muss, dass ich normalerweise keine deutschen Bands höre. Nicht weil deutsche Bands nicht gut wären, oder weil ich mich im Mia.-Konflikt auf der sicheren Seite wähnen will. Sondern weil für mich Popmusik möglichst überlebensgroß sein soll, und das durch den Filter der englischen Originalsprache nun mal besonders gut geht. Als ob räumliche Distanz auch metaphysische Distanz verheißt. An Hidalgo ist man dabei besser ganz nah dran. Mit "I Want A Girlfriend" haben sie nämlich ein Album scheinbar aus dem Stand gemacht, das man auf unabsehbare Zeit mit sich herumtragen wird wie die Erinnerung an eine alte Flamme. Sängerin Betty wirkt wie die Einlösung jedes Versprechens, das uns 1995 gemacht wurde, und schon ihre Gitarre sieht aus, als hätte sie eine eigene Band. Mit Knierock und hellblauem T-Shirt ist sie ziemlich hinreißend und im besten Sinne wie aus einem von Hidalgos Songs entsprungen. Die Band eröffnet entschieden lo-fi mit "Friends...or?", und die Aufmerksamkeit der knapp 100 Zuschauer ist ihnen gewiss. Hidalgo sind nicht niedlich. Sie sind versponnen, gewalttätig und recht wundervoll. "Sort of Privacy" klingt wie das Ende der Welt - auf eine gute Art. Schon für die Genre-Einordnung sind sie unpassend, und kein großspuriges Indie-Argument greift bei ihrer Show. Das neue Album, das hier in seiner Gänze aufgeführt wird, ist Grund genug, ein heißer Fan zu werden. Alle Imperative des aktuellen New Wave-Revivals ("Cool, aber tanzbar") werden im Vorbeigehen mitgenommen und oben drauf gibt es die kaum mehr für möglich gehaltene Rückkehr von Selbstgebautem à la Sparklehorse oder Mary Timony. Es ist kein Zufall, dass "Music Love" aus den Scherben von Grandaddys "Hewlett's Daughter" besteht. Betty schüttelt bei den poppigen Passagen den Kopf wie Paul McCartney, und jeder Schweißfleck unter den Achseln ihrer Band wirkt wie ein Orden. Am Ende ist die sagenumwobene Barriere zwischen Band und Publikum pulverisiert, und als Zugabe gibt es die splitternden Balladen "Spider" und "Girlfriend". Betty sagt mir, die Rezeption in Kleinstädten sei dieselbe wie in den Metropolen, und dass bis zum nächsten Album hoffentlich weniger Jahre vergehen als bis zum aktuellen. Sie verkauft die T-Shirts selbst, und dann zieht sie sich zurück, möglicherweise dahin, wo die Songs von Hidalgo herkommen. Bitte nicht stören

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