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Gang Starr-Rapper Guru ist tot: Ein Nachruf.

"Call me Guru"

Der New Yorker MC Keith Elam, besser bekannt als Guru, ist gestern (19.04.) im Kreis seiner Familie an seiner Krebserkrankung verstorben.
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Der New Yorker MC Keith Elam, besser bekannt als Guru, ist gestern (19.04.) im Kreis seiner Familie an seiner Krebserkrankung verstorben. Der Tod kam nicht unerwartet, da Guru bereits im Februar wegen den Folgen seiner Erkrankung am Herzen operiert werden musste und zeitweise im Koma lag.  Ein Nachruf von Thomas Venker.
 
Es war anlässlich der dritten Veröffentlichung seines Jazzmatazz-Projekts, als ich Guru im August 2000 in New York traf. Ein für mich unvergessliches Interview. Es war einer jener Tage an denen alles schief ging, was schief gehen kann: Erst waren alle Batterien leer, dann gab das Aufnahmegerät ganz den Geist auf, und auch ein von Guru selbst improvisierter Old-School-Ghettoblaster endete im Bandsalat. Mir stand die Ratlosigkeit und Panik wohl ziemlich deutlich ins Gesicht geschrieben.

Und was machte Guru? Statt mich - wie es der Rest der Plattenfirma wollte – heimzuschicken, da die ohnehin knapp bemessene Interviewzeit, abgelaufen war, orderte er erstmal italienisches Essen, ließ einen Praktikanten ein neues Minidiscgerät besorgen und führte anschließend ein siebzigminütiges Gespräch mit mir, das bis heute zu den besten gehört, die ich führen durfte. Bis heute der freundlichste und zugleich spannendste HipHopper, den ich treffen durfte.

Guru, der eigentlich Keith Elam hieß, hat HipHop-Geschichte geschrieben. Von Ende der 80er bis Mitte der 90er legten er und sein Partner DJ Premier, mit dem er sich in den letzten Jahren verkracht hatte (stattdessen produzierte er zuletzt mit Solar) als Gang Starr ein wegweisendes Album nach dem anderen vor: Von "No More Mr. Nice Guy" über "Step In The Arena" und "Daily Operation" bis zu "Hard To Earn" machte ihnen im Segment Sophisticated HipHop keiner was vor – ihren größten Hit hatten sie mit dem Stück "Jazz Thing" aus dem Soundtrack zu Spike Lees "Mo' Better Blues".

Gang Starr zeigten früh, wie frei sich HipHop abseits von Gangsterspielen bewegen kann. Auch wenn Gurus wortgewaltigen Texte anfangs noch rau und direkt rüber kamen und so deutlich die Sprache der Straßenjugend atmeten, noch nicht so cool und zurückgelehnt waren wie später bei seinem Jazz-HipHop-Projekt Jazzmatazz, so zeugten sie doch schon von seiner reflektierten Warte. Man konnte hören, dass hier einer nicht vom Straßendealer zum Rapper geworden war, sondern bereits vor der Musikkarriere den Absprung geschaffte hatte.

Im damaligen Interview sprachen wir auch über diese Zeit als Sozialarbeiter in der Jugendarbeit (die sich später auch in seiner eigenen Charity-Organisation Each One Counts niederschlagen sollte): "Ich habe als Sozialarbeiter mit Kids gearbeitet und den halben Tag Formulare ausgefüllt, hatte 20 Kids zu betreuen und kaum Zeit für sie. Von diesen 20 Kids konnte ich vielleicht zweien helfen, und wenn ich endlich eine Beziehung zu diesen Kids entwickelt hatte, wurden die zu einem anderen Sozialarbeiter geschoben. So läuft’s. Und deswegen kennen diese Kids keine Liebe, sie haben niemanden. Deswegen wachsen sie mit Wut und Hass im Bauch auf. Heute glaube ich, dass ich mit meiner Musik viel mehr Kids helfen kann. Ich versuche es zumindest."



Guru hieß nicht zufällig so. Für viele war er wirklich ein spiritueller Lehrer des HipHop, ganz so, wie er sich das einst gewünscht hatte als er seinen Namen in Anlehnung an die Lehre des Hinduismus gewählte hatte. Gurus Songs hatten immer eine Message – reimen um zu füllen war ihm zuwider. Egal wie erfolgreich und wohlhabend er über die Jahre geworden ist, sein Blick galt immer dem Milieu aus dem er stammte. Abermals aus dem Interview vom August 2000: "Es geht darum, seiner Kunst treu zu bleiben. Ich glaube, die Leute respektieren dich, wenn du ihren Schmerz fühlst, unabhängig davon, ob du jetzt ein dickes Auto fährst oder in einem großen Haus wohnst. Fühlst du noch ihren Schmerz? Verstehst du sie noch? Hast du noch einen Bezug zu ihnen? Redest du noch über die Sachen, über die sie reden, die sie fühlen? Representest du noch ihren Lifestyle? Wenn sie diese Verbindung immer noch fühlen, dann supporten sie dich auch. Du musst ein Gleichgewicht halten. Ich sag’ dir das ganz ehrlich und als Rapper: Das Leben in den Staaten ist ziemlich gefährlich heutzutage. Gewalt, nur weil die Leute keine gute Ausbildung bekommen, weil die Leute keine Arbeit finden, weil die Leute keinen Selbstrespekt haben. Viele der jungen Männer in den Suburbs sind ohne Vater aufgewachsen, ohne Role-Model. Es war keiner da, der dir den Unterschied zwischen Gut und Böse hätte erklären können. Alles, was diese jungen Männer gelernt haben, ist zu kämpfen. Sie haben nie gelernt, nachzudenken, sich die Zeit zu nehmen für die Entscheidung zwischen Gut und Böse. Und letzteres ist doch das, was einen Mann auszeichnen sollte. Was ich represente ist: diese Lücke irgendwie zu füllen. Die haben doch nur die Rapper, denen sie zuhören, niemanden sonst ... Es ist crazy, Rap mit Noise und Gewalt zusammenzubringen. Wenn wir den Rap nicht hätten, auch so Typen wie Eminem oder Jay-Z, wenn wir deren Stimmen nicht hätten, gäbe es noch mehr Chaos ... Wir müssen ausdrücken, was um uns herum passiert ... Es ist fast schon ein bisschen so wie ein Hilferuf an die Regierung, an die Mächtigen, aber die wollen uns nicht helfen ...“

Keith Elam, genannt Guru, wurde nur 43 Jahre alt.

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