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»Der Derwisch und seine Jünger«

Future Islands Live in Köln

Am 27. Juni gastierten Future Islands in der Kölner Live Music Hall. Intro-Autor Kai Wichelmann war dabei.
Geschrieben am
27.06.2017, Köln, Live Music Hall

Das rote Hemd ist klatschnass, er spuckt auf die Bühne, bellt und kratzt, beißt sich in die Hand, lässt die Hüften kreisen, grinst ins Publikum, klopft sich mit dem Mikro mehrmals gegen die Brust. Was sich wie die Anleitung zu einer Freakshow liest ist showgewordene Wirklichkeit. Sänger Samuel T. Herring ist glücklicherweise der alte Derwisch geblieben. Jene Bühnengebaren waren schließlich mit dafür verantwortlich, dass die Future Islands von einer recht kleinen Indie-Pop Band zu einer bedeutsamen Kapelle avancierten, die es schaffte im Rahmen der Late Night Show Letterman, Fernseh- und Studiopublikum in nachhaltiges Staunen zu versetzen. Das war 2014. 

Die Erwartungen die sich spätestens seitdem an ein Konzert der Future Islands richten: Volle Verausgabung und jede Menge Entertainment. Da diese Erwartungen nicht durch Nonchalance zu erfüllen sind, dürfte es schwierig sein, wenn Frontmann Herring mal keine Lust auf Ekstase hat. Doch in Köln ist das heute nicht der Fall. Auch die Angst, dass sein Bühnenverhalten irgendwann als reiner Manierismus wahrgenommen wird, bestätigt sich nicht. Die oben genannten Ausbrüche sind eben empfunden und ein Ventil für die intensiven Emotionen des Sängers. 

Schon beim ersten Stück »Aladdin« stimmt die Feinabstimmung. Die Beleuchtung ein tiefes Rot, genauso wie das Hemd des Protagonisten. Zugegeben, die anderen drei Gruppenmitglieder sind in diesem Spektakel zwangsweise Statisten, bei der späteren Bandvorstellung wird deutlich, dass ich alle augenscheinlich wohler in der zweiten Reihe fühlen. Und so wird die Dramaturgie von Beginn an durch Herring bestimmt. »Are you hot as shit?«, fragt der Sänger sein treu ergebenes Publikum. Ein Hinweis darauf, dass eine Show der Future Islands bei aller durch den Synthie-Pop gemahnten Distanz, auch von ihrer sexuellen Aufladung profitiert.

Die Stücke des Abends rekrutieren sich sorgsam aus den fünf Alben der Band. Die neuen Songs von der jüngsten, abermals sehr guten Platte »The Far Field«, und ältere Stücke verschmelzen live, denn die über die Jahre zugenommene Professionalisierung im Sounddesign ist nur auf den Platten nachvollziehbar. Es folgt Song auf Song. Der größte Hit »Seasons (Waiting On You)« vom Durchbruchalbum »Singles« sorgt dabei gar nicht mal für die ausgelassensten Reaktionen, es sind andere Stücke wie das düstere »Walking Through The Door» oder das wild pendelnde »Vireos Eye«.   

Die emotionalsten Momente ereignen sich im Zugagbenteil. Herring widmet »Beach Foam« einem verstorbenen Freund und referiert im breitesten Akzent über die Vergänglichkeit des Seins, im Schlusstück »Little Dreamer« zeigt er, dass er auch das langsame Croonen beherrscht – und die Messe schließlich, auf für ihn ungewöhnlich leisen Sohlen, beendet.

Future Islands

The Far Field

Release: 07.04.2017

℗ 2017 4AD