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Empathie, please!

Future Islands im Gespräch

Den Durchbruch haben Future Islands schon hinter sich: Ihr viertes Album »Singles« ging 2014 ziemlich durch die Decke. Nun beweisen sie mit »The Far Field« erneut, dass man das Genre Synth-Pop mit viel Herzblut, harter Arbeit, irrem Bühnen-Charisma und gutem Songwriting in etwas sehr Magisches verwandeln kann. Daniel Koch traf die drei zu einem frühmorgendlichen Interview mit Kaffee – passend zum Arbeitsethos der Band aus Baltimore.
Geschrieben am
Es beginnt mit einem Zucken. Irgendwo zwischen Hüfte und Kniekehle bricht Samuel T. Herrings Körper kurz aus seiner Motorik-Routine. Dann greifen die Beine den Rhythmus auf, treten auf der Stelle, vermessen mit erst zaghaften, dann raumgreifenden Ausfallschritten die Bühne. Seltsam sieht das aus, als sei die untere Körperhälfte in einem anderen Modus als die obere. Das enge Hemd, der straffe Gürtel und die leicht spießige Stoffhose verstärken dieses Gefühl noch. Doch dann bricht der Song los. Und Herring bricht aus. Er greift mit den Händen zu den Scheinwerfern, als wären sie Sterne. Er schlägt sich auf die Brust. Er ballt die Fäuste. Er starrt auf Dinge, die nur er zu sehen scheint. Mit einem Blick so hart und weich zugleich, dass man nie weiß, ob man Angst vor diesem Mann haben muss oder sich auf der Stelle in ihn verlieben will. Sein Mund ist mal Schmachtschnute, mal Brüllbeule, mal bloß ein Lippenflattern, das leise Worte formt. Und dann diese Stimme: geraspelte Sehnsucht, beseeltes Pathos und manchmal auch ein wütendes Bellen. Vielleicht, um zu zeigen, dass unter dem sanften Klang noch etwas Dunkles lauert oder etwas, das beißt, wenn man den weisen Worten von Liebe, Sehnsucht, Empathie und Wahrhaftigkeit nicht ganz genau zuhört. Wer schon mal eine Performance von Future Islands gesehen hat, wird sich ziemlich wahrscheinlich fragen: Wer ist dieser Samuel T. Herring? Was ist er? Ein Charisma-Monster? Ein DNA-Mix aus den Genen von Frank Sinatra, einer Operndiva, Dave Gahan und einem Hooligan, den man aus dem Moshpit eines Oi!-Konzerts entführt hat? Letzteres würde zumindest die Bewegungen seines unteren Körperteils erklären. Wir werden es nie wissen – oder uns einfach darauf einigen, dass dieser Mann beziehungsweise diese Band ganz außergewöhnliche Erscheinungen darstellen. 

»Do the dance!«

Beim Interview in einem hippen Mitte-Hotel, das nicht so ganz zu ihnen passen will, strahlen Sänger Samuel T. Herring, Bassist William Cashion und Keyboarder Gerrit Welmers konzentrierte Gelassenheit aus, die man wohl nur erlangt, wenn man seit fast 15 Jahren gemeinsam musiziert. Die drei lernten sich während des Studiums in Greenville, North Carolina kennen, formten 2003 zunächst die fünfköpfige Band Art Lord & The Self Portraits, die bis 2005 existierte. Kurz darauf gründeten sie Future Islands – zunächst mit einem festen Drummer, den sie über die Jahre gegen eine Session- und Tourbegleitung eintauschten. Den aktuellen Schlagzeuger Michael Lowry lernten sie in Baltimore kennen, wo Future Islands seit 2007 wohnen.

Fragen nach Samuels Tanzstil nehmen sie gelassen hin – vermutlich, weil sie einfach zu oft gestellt werden. Mal antwortet Samuel, er überlege, ein Aerobic-Video rauszubringen, dann wieder behauptet er grinsend, er arbeite an einem neuen Move, bei dem er das Bein so hart und schnell hochziehe, dass er sich selbst ausknocke. Dann erzählt er, wie er einmal nach einem Konzert vor den Fans geflüchtet sei, weil ihm nach Ruhe zumute war und er draußen eine rauchen wollte. Also entfernte er sich von dem Pulk Menschen vor dem Club, stellte sich in eine dunkle Seitengasse, in der zwei Obdachlose saßen. Einer von ihnen sagte: »Hey, du bist doch der Typ aus dem Fernsehen. Do the dance, man! Do the dance!«

Der »Sache mit dem Fernsehen« verdanken die Future Islands, dass sie seit dem 3. März 2014 nicht mehr der Geheimtipp der gut Informierten sind: An diesem Abend spielten sie in der Late-Night-Show von David Letterman den Vorboten ihres Albums »Singles«. Zwar mag der starke Song »Seasons« auch seinen Teil beigetragen haben, hauptsächlich aber war es Samuels Performance, die auf der ganzen Welt für Aufsehen sorgte. Weil sich jeder fragte: Wer ist denn dieser geile Typ? Und auch wenn so etwas in der WTF-Maschine Internet ja recht häufig passiert – hier traf es endlich mal Künstler mit Substanz, einer Geschichte und einem Arsch voller guter Songs – zu diesem Zeitpunkt verteilt auf vier Alben.

Hit-Singles für Punkclubs

»Das war eine verrückte Zeit«, meint William, bevor Samuel ins Detail geht: »Eigentlich hatten wir uns damals schon damit abgefunden, eine Band zu sein, die niemals im Rampenlicht stehen wird. Wir waren sehr glücklich damit. Wir konnten von der Musik leben und hatten uns als hart tourende Band eine Fanbasis erspielt, die uns viel gab. Nach Letterman kamen dann ständig Typen, die uns vertreten oder uns helfen wollten, und wir meinten nur: ›Hey, uns geht’s gut. Wir kommen klar. Wo wart ihr vor sechs Jahren?‹« Ihr Album »Singles« tat dann das Übrige: Es erschien kurz nach dem Letterman-Boost und erfüllte genau das, was der Titel versprach: Es enthielt viele potenzielle Singles. »Seasons (Waiting On You)« war die offizielle, aber auch »Sun In The Morning«, »A Song For Our Grandfathers« und vor allem »A Dream Of You And Me« boten perfektes Hit-Material.

Gerrit, der Mann an den Keyboards, sonst eher verhalten oder müde im Gespräch, erinnert noch einmal daran, dass sich das alles nur im Rückblick so smooth anhört: »Wir haben ›Singles‹ komplett aus eigener Tasche bezahlt und waren danach fast pleite. Das hätte auch anders ausgehen können.« Samuel lacht laut auf: »Nicht nur fast. Ich war wirklich blank.« Aber William bestätigt recht freimütig: »Der Titel war zwar ironisch anmaßend, doch wir wussten schon, dass wir eine gute Platte mit guten Songs gemacht hatten.« Und am Ende wird ihnen auch bewusst gewesen sein, dass sie das Geld ebenfalls hätten reinspielen können, wenn das Album nicht so eingeschlagen hätte – zur Not eben mit einer längeren und spartanischeren Tour.

Europa im Allgemeinen und Deutschland im Speziellen spielen bei der Erfolgsgeschichte eine wichtige Rolle. 2009 kamen Future Islands zum ersten Mal nach Deutschland, um ihr noch ungeschliffenes Debüt »Wave Like Home« vorzustellen. »Deutschland war das erste Land, in dem wir einen Booker hatten«, erklärt Samuel. »Andreas Kohl, der mittlerweile ein guter Freund ist, hatte unsere erste Platte entdeckt und wegen einer Tour angefragt. Er schickte uns durch elf oder zwölf Punkclubs im ganzen Land. Perfektes Timing: Kurz darauf fassten wir auch in den Staaten Fuß und spielten viele Shows. Das erlaubte uns, in Europa und in den USA gleichzeitig langsam und stetig zu wachsen.«

Unter falschem Namen

Aber genug von den alten Zeiten. »The Far Field« bietet schließlich ebenfalls eine Menge Gesprächsstoff. »Die Arbeit am neuen Album war bedeutend angenehmer als bei ›Singles‹«, erzählt William. »Wir gingen davon aus, monatelang in einem kleinen Studio in Texas zu hocken oder so, aber unser Produzent John Congleton wollte unbedingt in die Sunset Sound Recorders Studios in Los Angeles. Wir haben in der Nähe ein Haus gemietet und sind zum Arbeiten immer ins Herz von Hollywood gefahren, in die Räume, in denen auch Prince und die Beach Boys Songs aufgenommen haben. Wir haben immer noch alles selbst bezahlt, aber es war total relaxt – und wir waren danach nicht pleite.«

»Unsere ersten Sessions machten wir im Januar letzten Jahres auf einer Insel an der Küste von North Carolina«, so Samuel. »Zu der Zeit ist da kaum jemand, nur die nötigsten Geschäfte haben auf. Das hat sehr geholfen, uns auf die Arbeit zu konzentrieren.« Man habe sich durchaus gesorgt, ob man es noch schaffe, gemeinsam neue, gute Songs zu schreiben, weil das während des Tourens zu kurz gekommen sei. »Aber dann war der Flow plötzlich da, und den brauche ich, weil ich versuche, jeden Song mit der ersten Emotion anzugehen, die er in mir auslöst.« 
»Samuel schreibt seine Texte auf meine und Williams Instrumentals«, erklärt Gerrit. »Wir jammen viel zusammen, suchen uns die Parts, die uns gefallen, und arbeiten dann mal gemeinsam, mal jeder für sich an den einzelnen Songs.« Und wie sich das für eine Band gehört, die an die Währung Live-Qualität glaubt, wurden viele dieser Songs während ihrer Entstehung unter falschem Namen auf kleinen Konzerten ausprobiert. 

Arschcooles Duett mit Blondie

»The Far Field« enthält erschreckend viele Highlights. Schon die starke Vorabsingle »Ran« kündigte das an und heimste Dutzende positive Reviews ein. Und das, obwohl Future Islands immer noch aus der Zeit gefallen klingen und bisweilen sogar wie der Versuch, Spandau Ballet in cool zu sein. »North Star« ist eine fast schon schlageresk beginnende Hymne über die Antriebskraft der Liebe, die einen selbst durch schwere Schneestürme bringt, wenn man zu seiner Liebsten will: »Now I’m stuck in this place, without you / Thinking – what should I do? / All I knew – I couldn’t wait – one more night / And if this plane won’t fly / Then I’ll drive«, schmachtet Samuel hier; und was gelesen ein wenig banal klingt, klingt mit seinem Sehnen in der Stimme zum Niederknien schön. »Shadows« wiederum ist ein arschcooles Duett, das auf einem dieser melodischen Bassläufe schwingt, wie sie nur William Cashion so lässig hinbekommt. Dazu singt Blondies Debbie Harry: »These old shadows / They turn me like a screw / And dance the dance of Dante, entreating you.«
Auf »The Far Field« kann man viele wiederkehrende Themen ausmachen, aber keines ist so präsent wie die Motive des Reisens und der Sehnsucht. Im Guten wie im Schlechten, sagt Samuel: »Diese Lieder sind natürlich Ausdruck unseres Lebens in den letzten Jahren. Es ist schwer, die Menschen, die man liebt, immer wieder für Wochen oder Monate zu verlassen und permanent auf der Straße zu sein. Aber manchmal sind es eben genau diese Straßen, die dich wieder nach Hause führen.« Einen therapeutischen Effekt habe das Songwriting in diesem Fall auch gehabt, sagt Samuel: »2014 und 2015 waren sehr schnell vorbei. Wir kamen nie wirklich zur Ruhe und hatten nie die Gelegenheit, diese verrückte Zeit zu reflektieren oder überhaupt darüber zu reden. Gleichzeitig war es verstörend für mich, dass ich mich danach auch nicht entspannen konnte. Wir haben im letzten Jahr kaum Konzerte gespielt – und trotzdem habe ich weiter Musik gemacht oder bin ständig in mein Auto gestiegen und habe meine eigenen Touren gemacht. ›North Star‹ ist auf so einer Fahrt entstanden, als ich durch das halbe Land und einen Schneesturm gefahren bin, um einen Menschen wiederzusehen.« 


Die Vermessung der Gefühlswelt

Obwohl Future Islands in ihren Liedern nie wirklich politische Texte verwursten, sondern eher die menschliche Gefühlswelt vermessen, trägt auch »The Far Field« wieder dieses kämpferische Werben für Empathie in sich. Am ehesten kann man es in Samuels Gesang und Performance verorten. Der stärkste Song der Platte »Through The Roses« scheint genau das unterstreichen zu wollen. Man kann sich jedenfalls schon jetzt auf die kommenden Liveshows freuen, wenn Samuel auf der Bühne steil geht und wie ein irrer Propagandaminister der Liebe, des Respekts und des Verständnisses die folgenden Zeilen singt: »It’s not easy, just being human / And the lights and the smoke and the screens / Don’t make it better / I’m no stronger than you and I’m scared ... / But we can pull through — together / Together / We can pull through.« 

»Das Stück habe ich eher mit Blick auf die Menschlichkeit als auf die Politik geschrieben. Aber natürlich reden wir gerade viel über Politik; und auch wenn sie in unserer Musik nicht explizit thematisiert wird, wollen wir damit für Verständnis und Respekt werben. Nenn es eine Politik der Empathie! Die braucht es, um diesem pauschalen Hass zu begegnen, der momentan so hoch im Kurs steht. In den USA gibt es viele, die Schwule hassen oder Schwarze hassen, dann aber trotzdem ihren schwulen oder schwarzen Nachbarn ganz okay finden, weil er sich im Ort engagiert und auch seinen Rasen gut in Schuss hält.«

Trump und Co. haben diese Vorurteile natürlich noch verstärkt. »Diese Probleme gab es vor ihm auch schon«, meint Samuel, »aber Trump hat leider gezeigt, dass es für viele okay zu sein scheint, ganze Gruppen zu verachten. Das macht mir Angst. Als wir vom Brexit hörten, dachten wir noch: Sind die da drüben bescheuert? Und dann wird fünf oder sechs Monate später Trump gewählt, und Amerika zeigt, dass es nicht besser ist. Ich weiß immer noch nicht, wie ich damit umgehen soll. Es schmerzt, festzustellen, dass ein Großteil der Menschen anscheinend einen Dreck auf andere gibt und sagt: ›Wenn du nicht bist wie ich, dann verpiss dich!‹ Die Angst spüren wir immer mehr in unserem Freundeskreis. Weiße Männer scheinen die Einzigen zu sein, die gerade wenig zu befürchten haben – und ich als weißer Mann hab trotzdem Schiss. Ich weiß nicht, was da los ist: Warum diese Wut auf Muslime? Auf Homosexuelle? Auf Frauen? Vor allem auf Frauen: Mir kommt es die letzten Jahre fast so vor, als hätte jemand eine Hetzjagd auf Frauen eröffnet. Was soll das, und wo kommt das her?« 

Genau diese Frage gälte es jetzt zu beantworten, meint Samuel, und liefert dann noch das perfekte Schlusswort: »Ich ringe damit, ich verstehe das nicht, aber ich spüre bei uns und bei unseren Freunden, dass wir alle verstanden haben, dass Grübeln und Klagen nicht mehr zählt. Alle, die wie wir diese Angst teilen, müssen sich endlich zusammentun und sehr bestimmt auf die andere Seite zugehen. Ich habe die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, dass nicht alle zu Arschlöchern mutiert sind.«

Future Islands

The Far Field

Release: 07.04.2017

℗ 2017 4AD