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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

»Pop ist kein Schimpfwort mehr«

Fritz Kalkbrenner im Interview

Schon sein halbes Leben dreht der 33jährige Fritz Kalkbrenner an Knöpfen und Fadern herum und produziert, trotz Wurzeln im Soul und HipHop , basslastige Vierfuß-Musik für schweißtreibende Nächte in Strobo durchzuckten Kellern. Zum Release des melodiös-poppigen dritten Albums »Ways Over Water« hat Mihaela Gladovic den Berliner in einem verrauchten Zimmer seines Labels getroffen.
Geschrieben am
Auffällig bei deiner Musik ist die Metapher des Reisens. Das erste Album heißt »Here Today, Gone Tomorrow«, das zweite »Sick Travelling« und das aktuelle »Ways Over Water«, dessen Single  »Back Home« den Wunsch heimzukehren ausdrückt. Was ist für dich dieses zu Hause, sowohl musikalisch als auch generell?
Zu Hause bin ich hier in Berlin, das lässt sich nicht ändern. Wo es musikalisch ist, kann ich nicht beantworten. Wenn es eines gibt, habe ich eh noch nicht gefunden. Ich brauche es aber auch nicht wirklich. Heutzutage ist eh alles viel zu fraktal. Früher gab es noch Stilschubladen, wo man rein konnte oder von der Presse reingesteckt wurde. Die Reisemetaphern, die immer wieder auftauchen, sind uns aber erst aufgefallen, als diese Album fertig war.  

Ach, das war gar kein absichtliches Konzept?

Das war tatsächlich keine Absicht. Vielleicht passiert das unterbewusst? Irgendwie wird das ja gesteuert und hört anscheinend nicht auf, mich zu beschäftigen. Das kommt immer wieder.  

Hast du denn das Gefühl, dass du mit deinem Album jetzt angekommen bist, oder nimmst du das Produzieren immer als etwas Prozesshaftes wahr?

Ich glaube, da gibt es nichts zum Ankommen. Das muss ich akzeptieren, sonst trete ich mit meiner Musik auf der Stelle. Und eine gut geratene Kopie vom letzten Durchgang wäre mir zu wenig. Ich will jetzt auch nicht mit sinnschwangerem Scheiß von wegen »Der Weg ist das Ziel« ankommen, aber das ist nicht im Sinne des Erfinders. Wobei ich mir schon manchmal die Frage stelle, wann mir denn mal die Handgriffe ausgehen und wo das noch hinführen soll.  

Auf »Ways Over Water« spielen im Vergleich zu den eher Funk- und Soul-lastigen Vorgängern housige und poppige Elemente eine größere Rolle. Woher kommt das?
Ich denke, die Bestandteile der Songs diktieren zwangsläufig die Stilrichtung. Ich habe diesmal viel mit Tuba, Posaune, Bassklarinette und Wood Winds gearbeitet, das wirkt sich natürlich auf den Gesamtsound aus. Während der Produktion hab ich auch schon gemerkt, dass das alles zu bombastisch klingt. Der Dancefloor-Aspekt ist dabei flöten gegangen. Ich habe dann die Songs noch einmal runtergestrippt, um zum Kern der Sache zu gelangen: Ich wollte den Dancefloor nämlich nicht zu sehr aus den Augen lassen. Aber was die poppigen Elemente angeht, na ja, das kriege ich nicht mehr raus - da ist dann wohl die Saat bei mir gesetzt. Aber Pop ist ja auch kein Schimpfwort mehr. Zumindest nicht mehr ein ganz so hartes Schimpfwort wie früher. 
Du wirst eigentlich mit jedem Album, dass du rausbringst gefragt, ob du es dir nicht vorstellen kannst, mit einer Live-Band aufzutreten. Bisher hast du immer gesagt, das sei dir zu früh, aber der Gedanke sei nicht ganz abwegig. Hat sich das mittlerweile geändert?
Daran hat sich nichts geändert. Im Kern der Sache macht man immer noch cluborientierte Musik und die hat eine gewisse Art ihrer Präsentation. Das sollte noch nicht so in den Hintergrund rücken. Ich finde es immer obskur, wenn irgendwelche elektronischen Duos nach einem Jahr wiederkommen, und sagen: »Hey, wir haben jetzt eine Metamorphose durchgemacht, wir sind jetzt ’ne Band.«  

Wenn du mit einer Band unterwegs wärst, hättest du live auch gar nicht so viele spontane Variationsfreiheiten in deinem Sound. Apropos: Wie baust du eigentlich deine Tracks live zusammen?
Die bereits veröffentlichten Nummern existieren in den einzelnen Spuren oder Subgruppen, mit einem jeweiligen Effektpaket, das man dann Steuern kann. Somit kann ich das nach Gusto kombinieren und ein individuelles Livearrangement daraus machen.  

Wie würdest du den unterschied deines Sounds beschreiben, zwischen Live-Set und Zuhausehören?
Live ist mein Sound auf jeden Fall zackiger, mit externem Extradrumming, damit das noch mehr knallt. Ich arbeite auch viel mit Bandecho. Das ist zwar digital, denn das wäre kompliziert, ein richtiges zu haben. Aber das mache ich, um noch eine gewissen Diffusion mit reinspielen zu lassen. Ich gehe gern ein bisschen an die Grenzen des Hörgenusses. Ein bisschen Schlagkraft und Gewalt ist da nicht schadhaft.  

Hast du da Patentrezepte, was besonders einschlägt?
Oh, da muss ich jetzt den Deckel drauf machen. Die darf ich ja nicht verraten. Man freut sich aber wie ein Schneeknönig, wenn man die irgendwann mal eines entdeckt hat. In der Sorge, dass die irgendjemand auch haben könnte, verrät man die nicht. Die sind manchmal simpler als gedacht. Aber die Kombination macht’s.  

Mit was für Geräten arbeitest du live?

Ableton Live intern. Und dann eben das, was es da an Effekten gibt. Ich habe einen uralten UC33-Controller. Von der Aufbauweise ist der so wie ein analoges Mischpult. So hat man ja früher angefangen, live zu spielen. Wobei es jetzt bald einen neuen von Livid geben wird, den ich schon bestellt habe.  

Du bespielst ja jetzt in Deutschland hauptsächlich große Venues, hast früher aber beispielsweise auch im Watergate aufgelegt. Tritts du immer noch manchmal in den kleinen Clubs auf?

Hier auf den Hauptmärkten ist das eher nicht mehr der Fall. Aber wenn man zum Beispiel in Australien ist, spielt man auch mal eine kleinere Show.  

In deiner Heimat aber eher nicht mehr?

Zur Album-Release haben wir ein kleines Showcase im Prince Charles zusammen genagelt. Aber ansonsten ist es einfach so, dass ,wenn man jetzt beispielsweise im Watergate spielt, draußen einfach mehr Leute draußen stehen, die enttäuscht sind, dass sie nicht reinkommen, als drin sind. Das ist leider eine bad user experience, wie man so schön sagt. 
Du bist ja schon sehr lange in dieser Szene unterwegs und wurdest, als du 16 warst, von deinem Bruder Paul in den Suicide Circus geschleppt. Als jemand, der ja eigentlich seine Basis im Soul und HipHop hat, drängt sich natürlich die Frage auf:  Was hat dich daran so begeistert, dass du drauf hängen geblieben bist?
Man muss dazu sagen, dass da ja nichts abgelöst worden ist. Das war immer koexistent. Das ist zusammen mitgewachsen. Paul hat sich für das andere weniger interessiert. Das mit den Clubs lag auch daran, dass die Zeit reif war, dass man da rein durfte. Das war jetzt auch nicht so ein Erweckungserlebnis.  

Was hat sich deiner Meinung nach positiv als auch negativ in der Szene verändert?
Die Geschichte hat jetzt ja auch schon einen langen Bart. Man würde wieder bei den Allgemeinplätzen anfangen. Dass alles so inflationär geworden ist. Aber eigentlich ist es müßig darüber zu reden. Es bauen sich eh immer wieder neue Nischen mit kleineren Läden auf. Dann gibt es da natürlich auch die großen Platzhalter. Aber, dass sich die Zeiten verändern und der sogenannte Spirit »der guten alten Zeit« flöten gegangen ist, von dem man da gedanklich noch zehrt, das lässt sich nicht umgehen.  

Und positiv?
I
ch bin gar nicht mehr so oft unterwegs, muss ich gestehen. Positiv ist wahrscheinlich, dass es überhaupt noch so ist. Es stand ja nirgendwo geschrieben, dass es sich so lange hat halten können. Man kann froh sein, dass diese Szene viele Existenzen ernährt und Möglichkeiten bietet. Und so nervig, wie das vermutlich erscheinen mag, ist Berlin immer noch Standort Nummer eins auf der Welt, was diese Szene angeht.  

Du hast gerade von Existenzen gesprochen. Glaubst du, dass es heutzutage einfacher geworden ist für angehende Produzenten oder auch DJs, die Platten auflegen, Musik zu machen? Schließlich sind ganzen Programme und die Musik im Netz für einen kleinen Preis digital verfügbar.
Musik machen ist leichter. Davon leben schwieriger.  

Weil es jetzt alle machen?

Genau, auf einmal machen es alle. Da bleiben ganz viele auf der Brache, und es setzen sich wirklich nur die durch, die auch ein Alleinstellungsmerkmal haben. Die können dann dauerhaft davon leben. Glücklicherweise betrifft mich das jetzt nicht mehr so, aber die spielen hier alle zu Kampfpreisen, von denen kaum jemand leben kann. Die Inflation in dieser Sache zerstört das Ganze dann wieder am anderen Ende. Ganz klar!  

Was wäre so ein Alleinstellungsmerkmal?

Besonders gute Musik machen, singen können, extrem scheiße aussehen. Irgendwie sowas.  

Tipps für angehende Musiker?

Gar nicht erst anfangen?  

Oh je?!

Musik ist immer noch ein Kunsthandwerk. Und Kunst kommt von Können. Also viel lernen und nicht nur auf die Inspiration vertrauen. Sich aber gleichzeitig auch nicht in die Hucke quatschen lassen. Musik ist immer noch nicht perfekt, und das ist auch gut so. Verglichen mit jemandem, der jetzt 18 ist, bin da auch schon ein alter Puper und habe vielleicht ein bisschen konservative Vorstellungen. Also artig lernen, sich aber trotzdem nicht vollquatschen lassen, das wäre mein Rat.