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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Konsens kann so gut sein

Franz Ferdinand im Gespräch

2004 waren Franz Ferdinand noch das nächste große Ding, Newcomer mit Erfolgssingles und einem Album voller Hits. Thomas Venker traf die Band in Köln, stellte sie vor und reichte Fan-Fragen aus dem Intro-Forum weiter. Anlässlich unseres 25. Geburtstags könnt ihr die Geschichte hier noch einmal lesen. 
Geschrieben am
Schreiben über Newcomer, das ist das Größte. Man kann aus dem Vollen schöpfen. Ein großes ungepflügtes Feld. Das oft zitierte weiße Blatt Papier. Sollte man jedenfalls meinen. Dass die englische Presse immer schon ein paar Zeilen (und Covergeschichten) verbreitet hat zu dem, was für uns so neu ist, das kennt man, ist aber auch nicht so relevant, als dass es einen tangierte. Zu groß der Output, zu willenlos die Hypemaschine der Kollegen. Aber was derzeit mit dieser neuen heißen Band aus Glasgow, ja, selbstredend sprechen wir von Franz Ferdinand, passiert, das ist schon was Besonderes. Mit nur einer Single in die Herzen so vieler. Aber was war das auch für ein Smasher: ›Darts Of Pleasure‹. Alle haben sich angerempelt und »Geheimtipp« gestammelt, sie ganz nach oben auf ihren »In 2004 noch erinnern«-Zettel gekritzelt. Aber dass daraus so eine Kettenreaktion werden würde, wir es noch mal erleben dürfen, dass ein Album so heiß ist, um vorgezogen zu werden, das hat man lange nicht mehr gesehen. Eigentlich läuft es ja eher andersherum: Die Labels schieben das Zeug nach hinten und noch weiter hinaus, bis sie und alle anderen es vergessen haben.  

Spätestens mit dem Spiegel-Artikel setzte in diesem Fall der Overkill ein. Erste Räuspereien bei den Forumsbesuchern dieser Welt: Konsens ist die Hölle. Abgrenzung die Rettung. Und hektische Angst in diversen Redaktionen: Man will ja immer vorne mit dabei sein. Die taz reagierte binnen Minuten. Alle anderen ließen sich etwas geduldiger auf die unendliche Liste mit Interviewanfragen setzen. Gut, dass wir von der Fachpresse sind. Wir können nicht jeden Tag unsere Meinung verbreiten und sitzen Hektik wie diese mit Substanz und Machtlosigkeit aus. Wobei Titelgeschichten wohl auch schon wegen der zu großen Presse-Präsenz und des Spiegel-Artikels in Frage gestellt wurden. Ha. Blödsinn. Was man fühlt, das muss raus. Und bei so viel Begeisterung, wie sie diese Band in unserer Redaktion hervorgerufen hat, kann man doch gar nicht anders als ganz groß »Titel« schreien. Ach, wenn ihr uns hättet so schreien sehen können am Konferenztisch. Alle wollten nur noch Titel. Und ausnahmsweise auch denselben. Konsens kann so schön sein.
Basiswissen, das eh schon alle haben ..., und Gerüchte, die so unwichtig sind, dass man sie hier kurz klären kann:  

Gründungsmythos
Ja, es stimmt, dass sich Nick und Alex durch eine Schlägerei kennen gelernt haben. Okay. Es war wohl eher eine etwas intensivere Diskussion. Ganz sicher war im Mittelpunkt eine Wodkaflasche, die Nick Alex klauen wollte. Verständlich. Bei Alkohol kennt man keine Freunde. Aber mit Alkohol dann schon. Und so waren sie am Ende der Nacht Buddies. Und beschlossen, zusammen Musik zu machen. Der Rest ist Geschichte und wurde an der Glasgower Kunstakademie gemacht.

Erster Auftritt
Ja, der erste Gig war wirklich auf der Geburtstagsfete eines Mädchen namens Celia. Wer sie wollte und ob es geklappt hat, wird aber nicht verraten – ähm, von ihnen. Recherchiert werden konnte das Datum: 22.05.2002.

Puppen
Nein, keines der Bandmitglieder hat so ein Püppchen, das wie seine Freundin aussieht. Das wäre ja auch eher Voodoo und nicht die große Liebeserklärung. Aber alle haben Freundinnen – für die Gala-Leser unter uns. Und die Mädchen natürlich. Jungs müssen draußen bleiben.

Name
Franz Ferdinand ist – na, wer hat in Geschichte nicht aufgepasst? – der Habsburger Erzherzog, dessen Ermordung in Sarajevo vor 90 Jahren den Ersten Weltkrieg auslöste. Er sei ungewöhnlich und bedeutungsvoll, haben sie dem Spiegel als Kriterium genannt. Und außerdem sei es ein guter Name, da »German so cool« für Engländer ist, wenn es um elektronische Musik geht, erzählt Sänger Alex Kapranos. 

Deutsche Textfetzen
Und deswegen wird auch mal auf Deutsch geshoutet. Nun ja, auf so eine extrem britische Art und Weise Deutsch. Und natürlich nur Blödsinn, damit sie all jene auslachen können, die alles Deutsche als hip abfeiern.

Köln, ein Tag mit Schnee

Eine besondere Band. Ein besonderes Setting. Köln bekommt nicht wirklich viele Schneetage im Jahr ab. Was irgendwie schade ist, denn was gibt es Schöneres, als spätnachts auf verlassenen Straßen mit dem Rad rumzurasen und solide auf die Fresse zu fallen – und nichts zu spüren. Ähm, wegen des Schnees und nicht wegen zu viel Rotwein natürlich. Aber wir waren bei den schönen Seiten von Schnee: Er gibt der Stadt so etwas Erhabenes. Man will nur noch spielen. Hüpfen. Schneemänner bauen. Genau so geht es einem, wenn man Franz Ferdinand hört. So viele Impulse, so viele Anstöße. Und das Tolle: Der Diskursboden wird auch noch gleich mitgeliefert für uns Studententypen, die sich gerne mit mehr beschäftigen als nur der nächsten Kickdrum. Kunstschule und Abschlussfete in einem sozusagen. Herrlich.   Die Band sitzt auf ihrem Hotelzimmer und schlürft Kaffee, draußen fallen die ersten Flocken. Die Jungs sind gerade erst eingeflogen. Gestern standen sie noch mit The Rapture in Birmingham auf der Bühne. Morgen geht die Tour weiter. Ein kurzer Promostopp im mittlerweile mehr als tighten Leben des Quartetts. Während Nick, der viel gedroppte Deutsche in der Band (der Engländer hat einen Großteil seines Lebens in München verbracht, wo er u. a. auch in der Band Kamerakino spielte), im Bad noch einen Phoner führt, versuche ich mich in dieser Sache namens dezente Annäherung. Wer ist hier wer? Und überhaupt.

Bob Hardy, Bass, studierte an der Kunstakademie Malerei.
Alex: Bob hat den speziellsten Humor in der Band – wahrscheinlich hat er gar keinen. Außerdem ist er derjenige in der Band, der nie dachte, dass er Musiker sein würde. Aber ich denke, er hat trotzdem eine sehr gute Zeit mit uns.

Paul Thomson, Schlagzeuger, war als Designer tätig.
Bob: Paul ist der Zweithumorloseste in der Band. Wenn es eine Sache auf der Welt gibt, die er immer machen wollte, dann Musiker sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er etwas anderes machen könnte. Und: Er sieht geradezu lächerlich gut aus. [allgemeines Gelächter]
 

Alex Kapranos, Sänger und Gitarrist, studierte englische Literatur.
Paul: Alex ist der Smarteste von uns. Er kann sich am besten ausdrücken. Er ist the brain.
 
Nick McCarthy, Gitarre, ist in München aufgewachsen und hat Musik studiert.
Alex: Nick ist der Antriebsmuskel der Band. Er forciert alles. Er ist sehr positiv eingestellt. Genau genommen ist immer alles gut in Nicks crazy world.
Und jetzt: Richtungswechsel. 

Jeder nennt die Band, an der sich der andere am meisten mit Franz Ferdinand abarbeitet. Nur Nick nicht. Der macht noch immer einen Phoner.
Alex: Oh, das ist einfach. Paul will wie die Talking Heads und B-52’s sein.
Paul: Bob liebt die Pastels und Queen. [großer Lacher] Und die Magnetic Fields. Und Orange Juice. Und Joseph K.
Bob: Alex ist unser Brian Ferry. Neben Roxy Music bringt er noch die Sparks mit ein.
Alex: Und Nick hat uns Prince eröffnet. Er hat den Funk.
Das macht das Sich-Einlassen auf das Name-Dropping schon leichter, wenn die Band damit anfängt. Eigentlich ist es ja auch nichts Schlimmes, so eine Auflistung, man muss nur mit aller Vehemenz betonen, dass das Ergebnis all jener Inspirationsmomente weit mehr ist als die Kant’sche Summe der einzelnen Teile. Und wer würde das diesem reflektierten Sturm-und-Drang-Gitarrenrock mit seinen tollen, mitreißenden, euphorischen Melodien, bei denen man einfach springen will, ernsthaft absprechen wollen. Also schön weitermachen und den Noch-nicht-Fan mit wohlklingenden Namen ins Boot holen. Wir sind hier schließlich nicht bei der Titanic, bei uns wird jeder gerettet. Weitere Bands, die dieses spezielle Miteinander von ungebremste Twentysomethings laufen lassen und konzeptionellem Kunst(akademie)-Rock prägten: Sonic Youth (der Moment des Aufbauens bei ›Jacqueline‹), Talking Heads (da gilt das Gleiche wie bei Roxy Music und Sparks: die Mischung aus Style, Haltung und Sound ist es), Clash (die Stimmung der ersten Takte bei ›Tell Her Tonight‹), Strokes (die Atmosphäre von ›Take Me Out‹), Chic (der Groove an sich, dieses mystische Wesen), Gang Of Four (der Rhythmus, diese alles treibende Gewalt) und XTC (›Matinee‹, dieses sich selbst und die Medien hinterfragende Schlüsselstück des Albums). Uff. Genug Namen und Verweise. Genug fließende Worte. Jetzt wird gesprochen. Hauptsächlich eins zu eins. Da Alex wohl so etwas wie der Pressesprecher der Band ist.  

Ihr habt ja eigentlich alle etwas anderes studiert, hauptsächlich Kunst, und seit eher durch Zufall zur Musik gekommen. Ist das jetzt nur so 'ne Mal-mitnehmen-Nummer, oder hat sich Musik als euer eigentliches Anliegen herausgestellt?

A: Es war nicht so, dass wir uns jede Sekunde des Tages danach gesehnt haben, eine Band zu gründen – wobei, irgendwie schon. [lacht] Wir sind alle Kunststudenten gewesen und haben beschlossen, ein gemeinsames Projekt zu starten. Am Anfang war es nur eine Installation, dann wurde daraus eine eigene Galerie und plötzlich eine Band. So passiert es eben, wenn man mit Künstlern rumhängt. Genau genommen wollten wir nur mit Freunden rumhängen und Musik machen. So simpel.

Der Eindruck, der in vielen Beiträgen über euch entstanden ist, wonach ihr vielleicht nur eine Pause von für euch wichtigeren Dingen nehmt, ist demnach falsch?
A: Ich denke, keiner von uns würde sagen, dass Musik alles in unserem Leben ist. Ich will und werde ganz sicher auch noch andere Dinge tun, aber jetzt im Moment ist Musikmachen das Größte für mich. Wenn du dir ›Jacqueline‹ anhörst, verstehst du, was ich meine. Nach einer gewissen Zeit werden die Sachen halt langweilig. Dann braucht man neue Herausforderungen. Es ist nicht gut, wenn du nur arbeitest, weil du das Geld brauchst: Du musst deine Arbeit genießen. Wir hatten alle ja auch schon andere Jobs. Manche für zehn Minuten. Andere für Jahre. Von daher: Es kann sein, dass wir noch 25 Jahre Musik machen. Vielleicht aber nur sechs Monate.

Von was für Jobs reden wir denn?
A: Nun ja, eben die typischen Teilzeitjobs. Keiner von uns hatte so etwas wie eine Karriere. Wir haben die Jobs gemacht, die wir brauchten. Ich habe zuletzt an einem College in Glasgow als Tutor gearbeitet.

Eure Musik lebt ja von diesem Spannungsfeld von Artschool und Dance-Mania. Auf der einen Seite ist sie extrem funky, baut eine immer größere Anspannung auf, bis die Explosion ansteht. Auf der anderen Seite sind die Talking Heads und Roxy Music Einflüsse, das Konzeptionellere. Wie hat man sich den Prozess vorzustellen? Kämpfen diese beiden Seiten in der Entstehung gegeneinander? 
A: Sie sollten es nicht. Die beste Musik hat beide Komponenten. All meine Lieblingsmusik hat sie. Es gibt natürlich auch tolle Musik, die nur die eine Seite zu bieten hat, aber generell geht es doch darum, dass Musik dich in Bewegung bringt, ohne dass du dabei denken musst, und sie gleichzeitig auch als Medium zum endlosen Entdecken dient, sie eine unendliche Inspiration für dich ist. 

Funktioniert das denn immer aus dem Stand heraus, oder ist das viel Arbeit?
A: Wir müssen da schon viel Arbeit reinstecken. Meistens geht es darum, etwas abzuschneiden. Oft ist die Anfangsidee zu kompliziert und muss erst noch entschlackt werden. Das ist doch beim Schreiben das Gleiche: Am Anfang schreibst du viel nieder, und dann wird peu à peu abgetragen, bis nur noch die Essenz da ist – Simplizität ist kraftvoller als Komplexität. Der eigentliche Song entsteht oft sehr schnell, so in 20 Minuten. Bis dieser überfüllte Tisch aber sortiert ist, das dauert. Wir sitzen dann erst mal rum und überlegen uns, wie er funktionieren könnte. Das ist der beste Part, da man so intensiv spürt, dass man eine Band ist. 
In den letzten drei Jahren ist Rock zurückgekommen. An sich nichts Spannendes, wenn es nicht eine ganz Reihe Bands gäbe, die sich auf die End-70er und 80er berufen. Bands, die New- und No-Wave-Einflüsse aufweisen. Seht ihr euch in einem Kontext mit Bands wie The Rapture (›House Of Jealous Lovers‹), Radio 4 (›Dance To The Underground‹) oder Phoenix (›If I Only Feel Better‹)?
A: Ich mag The Rapture sehr. Radio 4 habe ich mal live gesehen. Das hat mich ein bisschen an Porno For Pyros und ELO erinnert. 
P: Ich mag, was The Rapture machen. Wir touren ja gerade mit ihnen in England. Sie wollen genau wie wir die Leute zum Tanzen bringen. Das verbindet uns. Und auch Bands wie Interpol, The White Stripes. Trotzdem denke ich nicht, dass wir uns im Sound ähneln. Ich meinte das auch gar nicht direkt auf den Sound bezogen, sondern eher, was eure Affinität zur Clubkultur betrifft. 
A: Oh ja. Die besteht in der Tat. Wir gehen alle zusammen clubben. Viel von unserer Dynamik ist gespeist von Dance Music. Wir überführen diese in das Rock-Setting. Indierock hat in den 90ern ja auch an dem fehlenden Groove gelitten. Das Ergebnis: Alle standen immer nur rum. Und alle meint hauptsächlich Jungs.
A: Und woher kommt das? Alle haben Angst vor der Simplizität. Deswegen mag ich The Rapture so. Sie haben ein gutes Gespür für einen simplen Groove: Immer nur eine Bass-Line, und auch die Drums sind sehr trocken. Das ist so eine unprätentiöse Herangehensweise an den Sound, wie man sie sonst eben nur in Dance Music findet. Dabei bietet sich das doch für Bands an. Aber was machen all die schüchternen Indie-Rock-Bands? Sie weichen dieser Tendenz aus, da sie denken, dass sie ohne Komplexität keine Tiefe haben. Sie verstecken ihre schlechten Ideen hinter dem scheinbaren Anspruch. Dabei überladen sie das Ganze nur. Hör dir ›Seven Nation Army‹ von den White Stripes an. So simpel und so effizient. Fantastisch.

Eigentlich ist es seltsam, dass die Rückkehr des tanzbaren Rock so lange auf sich warten ließ und nicht viel früher als Reaktion auf den Einzug der elektronischen Musik losging. Was denkt ihr, warum all die New-Wave und No-Wave-Anlagen nicht bereits in den frühen 90ern aufkamen?
A: Es ist ja nicht so, dass die Gitarrenbands damals nicht versucht hätten, tanzbar zu sein. Sie haben es bloß falsch gemacht. Sie haben sich lediglich der Technologie von Tanzmusik bemächtigt. Was Primal Scream oder die Happy Mondays gemacht haben, war durchaus überraschend, aber sie sind in die falsche Richtung gegangen. Alle haben sie nur noch gesampelt und gesequenct und dabei am Ende die Qualität der Livemusik verloren. Das war alles zu viel. Die beste elektronische Musik ist simpel. Was ich gar nicht leiden kann, ist elektronische Musik, die sich als besonders sophisticated empfindet. Das sind dann die Genres mit so dämlichen Namen wie Intelligent House Music. Oder Intelligent Jungle. Fuck off, you don’t need to put the word intelligent to it. It’s like introducing yourself by saying: »Hi. I’m an intelligent author.«

In einem Artikel, der im deutschen Nachrichtenmagazin Der Spiegel erschienen ist, steht, dass euch Bars, Pubs und Jugendzentren als Auftrittsorte zu billig seien, weshalb ihr ein leer stehendes Art-déco-Lagerhaus zum Happening-Ort Chateau umgebaut habt. Das klingt jetzt fast schon elitär borniert. In gewisser Weise lässt das doch viele potenzielle Franz-Ferdinand-Hörer draußen. Wollt ihr, dass nicht alle eure Lieder hören?
A: Das stimmt so ja auch nicht. Wir wollten am Anfang einfach an speziellen Orten auftreten, da es uns auch spannender machte. Es ist uns sehr wichtig, dass wir als Band gegen Eliten agieren. Wir lehnen Elitismus in der Musik völlig ab. Am Ende einer solchen Verhaltensweise steht dann der ganze Scheiß in den Charts. Denn der lebt doch davon, dass sich die andere, die bessere Musik abriegelt, sich lieber in ihrem elitären Kreis abfeiert. Das ist wie mit der so genannten Intelligenten Musik: »Wir produzieren Musik für eine winzig kleine intelligente Gruppe der Gesellschaft« – so verhindert man nur den Crossover in den Mainstream. The Velvet Underground, die Sex Pistols, die Stooges, all diese Bands haben den Crossover gesucht. Oder auch die Sparks und Roxy Music. Sie haben the left field in den Mainstream gebracht. Es ist natürlich so, dass wir aus einem eher künstlerischen Background kommen, sich bei uns viele Einflüsse aus der Kunstszene finden, das soll aber doch nicht bedeuten, dass wir nicht so viele Leute wie möglich erreichen wollen. Ausgrenzung ist schlecht. Das hasse ich an all dem prätentiösen konzeptionellen Scheiß, der an Kunsthochschulen entsteht. Da wird eine Ausbildung gemacht, nur damit man sich danach abgrenzen kann, etwas Besseres ist. Am Ende geht es nur noch um sie selbst. Ich habe so vielen gottverdammten Kunststudenten zuhören müssen, wie sie über ihre letzten Kindheitsjahre gesprochen haben. So sehr nur mit sich selbst beschäftigt. So obsessiv.

Wobei Franz Ferdinand ja sehr stark mit der Kunstakademie verbunden werden und ihr auch sagt, dass das kulturelle Leben in Glasgow rund um die Kunstakademie stattfindet.
A: Es ist ein sehr guter Platz, um Leute zu treffen. Es ist eine gute Umgebung, um Ideen zu entwickeln, da man mit Leuten zusammen ist, die keine Angst haben, ihre Ideen zu kommunizieren, zu diskutieren und sich dabei eventuell zum Deppen zu machen. Darum geht es doch und nicht darum, dass die Leute lernen, wie sie Kunst machen. Erzählt mal ein bisschen mehr zum Chateau.
A: Das war eine alte Lagerhalle. Es ging einfach darum, einen Ort zu haben, wo man alles machen kann: Konzerte wie Ausstellungen. Leider haben wir derzeit nicht mehr genug Zeit, uns groß darum zu kümmern, aber ein Freund von uns, Rob Mitchell, macht das gut. Habt ihr denn da nur gespielt oder auch mal eure Kunstarbeiten ausgestellt?
P: Wir haben da mal so eine Mischung aus Musik und Kunst vorgestellt. Wir haben einen Musiker in eine Box reingesetzt. Die Leute konnten dann Geld reinschmeißen, und er spielte was für sie. Eine Art human beat box. Eigentlich eine reizvolle Idee, dass wir mal in der Box sind. Wir sollten das bei der Releaseparty machen.
Macht ihr die im Chateau?
A: Ich denke, wir werden sie eher im Jail machen, einem alten Gefängnis. Das ist sozusagen unser zweites Chateau. Ein bisschen größer. Es geht uns beim Chateau weniger um einen konkreten Ort, sondern um eine generelle Herangehensweise an die Stadt und ihre Gebäude. Es gibt so viele Orte, die man sich aneignen kann. Man muss sich nicht mit den gegebenen Clubs zufrieden geben. Zumal man ja gerade dort oft keine Chance hat. Ich hoffe sehr, dass andere Bands unserem Beispiel folgen. Glasgow hat ja durchaus eine Tradition an Leuten, die ihre eigenen Bedingungen aufgestellt haben: Bands wie die Pastels, Teenage Fanclub, Belle & Sebastian und natürlich das Postcard-Records-Label. Diese Leute haben uns beeinflusst.

Wenn wir von Kunst reden und ihr ja selbst Bands wie Roxy Music und Talking Heads ins Spiel bringt: Wie wichtig ist überhaupt die politische Implikation von Musik für euch? War das nur ein Moment koketter Aufmerksamkeit-Erhaschung mit der Namensgebung, oder seht ihr euch schon in der Tradition anderer Kunstschul-Bands, die sich in Songtexten und im Auftreten explizit politisch definieren?
A: Es ist sehr wichtig für jede Band, dass sie kommentiert, was so um sie herum abgeht, aber es ist falsch, ja richtig schlimm, wenn Musiker meinen, ihre Position zum Predigen ausspielen zu müssen. Wir alle hassen es doch, wenn Musiker uns sagen wollen, wen wir supporten sollen und wen nicht. Es sollte schon etwas subtiler sein. Es ist einfach nur schlecht, den Leuten zu sagen, was sie denken sollen.

Nun ja. Immer ist es aber auch nicht falsch. Ich finde gewisse Statements, wie sie beispielsweise die Beastie Boys für Tibet oder Blur gegen den Krieg bei Preisverleihungen abgelassen haben, nicht schlecht.
A: Das halte ich für völlig unangebracht, ja, einfach nur falsch und schlecht. Diese Musiker denken wirklich, sie haben das Recht dazu.

Ich glaube ja nicht, dass sie das wirklich so sehen. Ich denke, da besteht einfach ein zwingendes Mitteilungsbedürfnis. Auf dem individuellen Level gebt ja auch ihr Lebensweisheiten raus. [In ›Matinee‹ heißt es beispielsweise: »So I’m on BB2 now, telling Terry Wogan how I made it / but what I made isn’t clear.«] Ihr scheint euch sehr bewusst mit eurem Erfolg auseinander zu setzen und zu hinterfragen, inwieweit es wirklich einer ist.
A: Es ist doch so: Es gibt viele so genannte Celebritys, bei denen man gar nicht weiß, warum sie noch mal welche sind, was sie geschafft haben. Außer dass die Öffentlichkeit sie für welche hält. Nimm jemanden wie Mark E. Smith. Er kommentiert dir alles, was ihn betrifft, aber er würde nie den Leuten erzählen, was sie tun sollen. Er erzählt dir, was er denkt – und er gibt einen Scheiß drauf, ob du ihm zustimmst oder nicht.
Gut. Dann frage ich doch gleich mal etwas, was euch betrifft. Wie geht ihr mit dieser unglaublichen Welle an Interesse an euch um? Gleich die erste Single ›Darts Of Pleasure‹ ein großer Erfolg. Die zweite Single ›Take Me Out‹ gar von null auf drei in England. Das wirkt sich doch bis in euer privates Umfeld aus?
A: Also, bei unseren Freunden haben wir bislang noch keine Veränderungen wahrnehmen können. Abseits von diesem engen Kreis ist es natürlich schon seltsam, wenn plötzlich Leute ankommen und dich um Autogramme bitten. Weird – aber irgendwie auch verständlich. So läuft es wohl. Was mich wirklich nervt, sind Journalisten, die uns mit so einem Unterton nach dem Hype fragen, als ob es etwas Schlechtes wäre, wenn plötzlich viele deine Musik hören. Wir sind sehr froh, dass so viele Leute an uns interessiert sind und die Musik sie begeistert.

Das ist wahrscheinlich auch eher ein Problem der schnelllebigen englischen Presse.
A: Ja, das ist die negative Energie der Engländer. Wenn etwas sehr erfolgreich wird, wollen sie es nicht mehr. Das passiert in England immer wieder.
 

Essen & ihr

Genug gesprochen. Die Magen knurren. Und passenderweise ist auch schon Mittagspause angesagt. Was Franz Ferdinand freilich nicht von Intro befreit. Schließlich gilt es noch all die im Forum gesammelten Fragen zu stellen – worüber sich die Band aber sehr freut. Das Gute am Essen: Endlich lässt sich was Kritisches an den Jungs finden. Ich dachte ja schon, sie seien wirklich makellos. Aber nein. Alle sind keine Vegetarier und ordern seltsame Fleischbollen. Und das, wo doch jeder britische Indierocker ›Meat Is Murder‹ in seiner Sozialisation verarbeitet haben sollte.  

Fincher 21.01.04, 17:19h

Frag sie mal, ob sie damit rechnen, dass 2014 durch ein Attentat auf die Band der Dritte Weltkrieg ausgelöst werden könnte!
Alex: Oh mein Gott. Nein, ich denke nicht, dass wir diese Wirkung haben.
 

Wabustripu 21.01.04, 18:17h

An den Gitarristen, der mal in München gewohnt hat: Wie viele Weißwürste kann er auf einmal essen?
Nick: Oh, die sind lecker. So fünf schaffe ich schon.
Alex: Die sind wirklich gut.
Ich: Ich hasse Bier und Würste.
 

Natterngezuecht 21.01.04, 18:33h

Was würden Franz Ferdinand als Soundtrack für die Beschallung beim High-Jacking einer U-Bahn um acht Uhr morgens wählen?
Alex: Ich würde Pussy Galore nehmen.
Paul: Can könnte ich mir auch sehr gut vorstellen. Ich habe einmal ein Auto zerlegt, während Can liefen. Das hat perfekt gepasst. Während alle benommen rumliefen, lief das Tape noch immer. Alles war total grausam, aber es hat auch so etwas erhaben Dramatisches.


Morus 22.01.04, 09:48h

Gibt es in Glasgow immer noch so leckere Veggie-Burger im 13th Note? Nehmen FF überhaupt am Szeneleben der Stadt teil?
[allgemeines Gelächter – Insiderwissen hilft halt doch immer]
Alex: Der Laden ist umgezogen. Genau genommen sind es jetzt zwei: Stereo und Mono.
Nick: Wir sind natürlich in letzter Zeit sehr beschäftigt und nicht mehr so oft in der Stadt, aber klar sind wir involviert, kennen die lokalen Bands.

nasowas 22.01.04, 11:00h

Ach, blöde Musik-Checker-Fragen. Ich will wissen, ob der Sänger ‘ne Freundin hat.
Alex [sichtlich nicht begeistert]: Ja, ich habe eine Freundin.


Wolpers 22.01.04, 16:23h

Würdet ihr gern mal Mark E. Smith von The Fall treffen und ihm ›Shopping For Blood‹ vorspielen?
Alex: Wir haben ihn schon getroffen. Er ist so ein netter Kerl, voller Lebensenergie. Und ich wünsche mir, dass ihm der Song gefällt.

Und was war euer Highlight in 25 Jahren Popkultur? Sagt's uns im Jahrespoll und gewinnt tolle Preise!

Franz Ferdinand

You Could Have It So Much Better

Release: 03.10.2005

℗ 2005 Domino Recording Co