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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Buckie und Lachsfisch

Franz Ferdinand im Interview

Franz Ferdinand machen nach einer Regenerationspause wieder alles richtig. Ihr neues Album heißt deshalb »Right Thoughts, Right Words, Right Action«. Daniel Koch besuchte einen Teil der Band in ihrer Heimat Glasgow und traf einen anderen in Berlin.
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Ich befinde mich verkatert in Glasgow, und die Playlist zum Trip spielt mir »The First Big Weekend« von Arab Strap ein. Könnte selbst an diesem Donnerstag kaum besser passen. Aidan Moffat grummelt in dem Stück: »It was a good night – everyone was nutted and I ended up dancing with some blonde girl.« Die Blonde blieb zwar aus (hätte auch Ärger gegeben daheim), aber dieser kehlig vorgetragene Bericht eines versoffenen Wochenendes lässt den eigenen Kater gleich viel zahmer aussehen. Denk ich mir so, dicht gefolgt von der Feststellung, wie viel tolle Musik aus dieser Stadt kommt, obwohl Glasgow sehr klein und übersichtlich wirkt. Ich schlendere die Sauchiehall Street entlang, überquere die M8, schleppe mich die leichte Steigung der Woodlands Road hoch und sammle mich ein letztes Mal an der Abzweigung zur Eldon Street, als ein kurzer Regenschauer herunterprasselt. So geht das schon die ganze Zeit. Bei der Ankunft am Vortag allein gab es: ein atemberaubendes Sonnenrot, eine schwarze Wolkenwand, einen apokalyptischen Regen, mittelschwere Windstöße plus strahlendblauen Himmel – und das alles auf dem Weg von der Bushaltestelle des Flughafenshuttles zum Hotel, was einer ungefähren Gehzeit von zehn Minuten entspricht.


Paul Thomson und Robert Hardy von Franz Ferdinand warten in der Kaffeebar Artisan Roast in der Gibson Street auf mich. Meinen kleinen Vorabend-Absturz mit der Band The Amazing Snakeheads, den neuen Labelkollegen von Franz Ferdinand, bereue ich spätestens jetzt. Eigentlich hätte man zur Einstimmung auf Glasgow und Franz Ferdinand die berühmte Kombination »Schampus mit Lachsfisch« zu sich nehmen müssen. Bei mir gab es stattdessen: Buckfast, kurz Buckie, im Nice ‘n’ Sleazy und einen mittelprächtigen Burger.


Der Kaffeeduft im Artisan Roast wirkt zum Glück besser als jedes Konterbier. Die Gesellschaft von Paul und Robert tut das Übrige. Während Paul, der Drummer von Franz Ferdinand, einer dieser Menschen ist, in deren Gesellschaft man sich schon nach ein paar Minuten verbrüdert fühlt, ist Bassist Robert grimmig und freundlich zugleich – eine Mischung, die mir sehr schottisch vorkommt. Der Plan für heute ist: kurzes Interview zum Wachwerden, dann eine Indie-Sightseeing-Tour durch Glasgow. Plattenkaufen, was Nettes essen und mit Roberts Hyprid-Kleinwagen durch die City cruisen.

 

Ich hatte euch zuletzt, wenn auch nicht abgeschrieben, so doch etwas aus den Augen verloren. Bis ihr dann letztes Jahr auf dem Berlin Festival gespielt habt und es so aussah, als hättet ihr wieder richtig Lust auf eure Band. Habe ich mir das eingebildet?
P: Nach »Tonight: Franz Ferdinand« hatten wir ein kleines Tief. Nicht zwischenmenschlich, eher konditionell. Wir hatten es mit dem Touren überrissen.
R: Die Pause danach tat uns allen gut. Wir haben eine Weile einfach nicht über neue Konzerte oder neue Songs gesprochen. Die Energie kam automatisch zurück, bis man plötzlich wieder zusammensaß und ganz euphorisch ein neues Album anging. So hatte ich das Gefühl, dass ich mich bewusst wieder für die Band entschieden hatte – und nicht die Pflicht.

 

Weizenbier und freshe Erdbeeren

 

Wenn man sich mit Franz Ferdinand über das Songwriting des vierten Studioalbums »Right Thoughts, Right Words, Right Action« unterhalten will, spricht man besser mit Sänger Alex Kapranos und Gitarrist Nick McCarthy, was ich wenige Wochen später im Ellington Hotel in Berlin tue. Zur Zeit der Glasgow-Reise waren sie außer Landes. Aber sie scheinen gut informiert zu sein. Alex, wie immer smart im Polohemd, begrüßt mich und den Kollegen: »Ah, ihr wart doch mit den Snakeheads Buckie trinken, oder? Die Jungs sind super. Ich habe sie ein paar Tage vor eurem Treffen in London kennengelernt. Live sind sie unfassbar gut. Und feiern können sie!«

 

 

Das haben wir gemerkt. Sie haben auch von dem Abend mit dir erzählt. Nach ein paar Runden rückte der Bassist William ein Handyfoto raus, wo er angezogen in der Badewanne sitzt – mit einem sehr hübschen, bestrapsten Transvestiten.
A: Ja, das ist aus der Nacht, als ich mit ihnen unterwegs war. Wir sind am Ende fürchterlich betrunken in einer »Tranny Bar« gelandet.

 

Irgendwie ist das Trinken in dieser Story durchgehend präsent. Und glücklicherweise nicht nur bei mir. Ich bin heute brav auf Kaffee, während Nick, der lange in Bayern gewohnt hat, vor dem Interview davon schwärmte, dass es an einem solch heißen Sommertag nichts Besseres gäbe als ein kaltes Weizenbier. Er habe auch schon zwei gekippt und sei jetzt ein wenig müde.

 

Zu feiern, sich in der Nacht zu verlieren war ein großes Thema auf »Tonight: Franz Ferdinand«. Das neue Album wirkt bisweilen sehr düster, fast philosophisch. Das Stück »Fresh Strawberries« ist ein gutes Beispiel dafür. Bei dem Titel denkt man, da kommt eine Valentinstag-Hymne, und dann geht es in eine ganz andere Richtung.


A: Der Titel, die Metapher mit den Erdbeeren und auch die Musik sind sehr optimistisch, dabei geht es um Sterblichkeit. Ich mag diesen Kontrast. Bei »The Universe Expanded« ist es ähnlich: Der Text ist sehr melancholisch und romantisch zugleich. Ich glaube nicht, dass Emotionen immer eindeutig zu benennen sind, dass man immer nur traurig oder nur glücklich ist. Es ist immer ein Kampf aus vielen, auch gegenläufigen Gefühlen in dir, wenn du über eine bestimmte Sache nachdenkst. Du stellst dir Fragen, die wieder zu anderen Fragen führen. Das ist es vielleicht, was wir damit ausdrücken wollten. Aber wir wollten kein Konzeptalbum machen.


Lasst uns über eure Heimatstadt Glasgow sprechen. Der Output an guter Musik ist beeindruckend, aber zwischen Bands wie euch, Mogwai, Belle & Sebastian, Aereogramme, Orange Juice und Bis einen »Glasgow Sound« zu finden, schafft man nicht. Gibt es denn so etwas wie eine Szene?
N: Szene trifft es ganz gut. Glasgow ist recht klein, und es gibt sehr viele gute Musiker dort. Ich bin damals sogar nach Glasgow gezogen, weil eine Freundin in München mir von all den Bands dort vorgeschwärmt hatte, von denen keine klänge wie die andere. Inzwischen wohne ich aber nicht mehr dort.
A: Ich würde auch sagen, dass es an der hohen Dichte an Musikern liegt und der vergleichsweise kleinen Stadt. Jeder kennt jeden. Es ist geradezu freundschaftlich inzestuös. Ich habe zum Beispiel früher mit Mick Cooke von Belle & Sebastian in einer Band gespielt. Als ich noch Konzerte im 13th Note in der King Street buchte, habe ich Mogwai ihren allerersten Gig besorgt. Wir klingen alle unterschiedlich, trinken aber gerne mal ein Bier zusammen. Das ist das Schöne an Glasgow. Anderswo gönnen sich die Bands oft nichts, mögen sich nicht – und alle hecheln dem gleichen Sound hinter.

 

»The Streets Of Philadelphia«

 

Zurück in Glasgow. Paul Thomson und Robert Hardy flanieren mit uns vom Artisan Roast ein Stück durch den gerade sonnigen Kelvingrove Park, der sich unterhalb der Universität ausbreitet. Er passt so gar nicht zum eher rauen Image der Stadt. Robert erzählt, dass er hier immer mit Hund und Kind spazieren gehe. In seinem Hybrid-Kleinwagen muss ich passenderweise dann erst einmal zwei Playmobil- und eine Lego-Figur vom Sitz räumen. Kaum sitzen wir fünf Minuten im Auto, fängt es wieder an zu regnen. Vielleicht nenne ich das April-Wetter im nächsten Jahr einfach Glasgow-Wetter. Robert schlägt eine kleine Tour durchs Zentrum vor, während Paul seinen iPod mit dem Auto verkabelt. Er ist ganz eindeutig der Musikjunkie der Band. Kaum ein Act, den er nicht kennt – zumindest finde ich den ganzen Tag keinen. »Ihr trefft heute noch Keith von Optimo Records? Ich bin Riesenfan von ihrem Signing Golden Teacher. Hör dir das mal an!« Dann cruisen wir am George Square vorbei, und Paul dreht »Dante And Pilgrim« auf: ein Monster von einem Song, der klingt, als würden sich die Cramps und Daft Punk gegenseitig den Hintern versohlen. Passend, dass Paul kurz darauf erzählt, dass »World War Z« hier am George Square gedreht worden sei. Glasgow war sozusagen das Städte-Double für Philadelphia. Robert zeigt derweil auf Pauls Handy und fragt: »›Streets Of Philadelphia‹ hast du da nicht drauf, oder?«


Nächster Halt: das Mono am King’s Court. Hier will ich einziehen. Von einem großen, hellen Bar-Bereich geht ein kleiner Kunstbuch- und ein Plattenladen ab, der formidabel sortiert ist. Eine Bühne und beinah tägliche Konzertabende gibt es hier auch. Robert und vor allem Paul werden mit Handschlag begrüßt. Man fachsimpelt – und Paul kauft sich sieben Schallplatten. Beim abschließenden Mittagessen im Stereo in der Renfield Lane – einem Ableger der Macher vom Mono, der Restaurant und Live-Club zugleich ist – werde ich die Frage los, die ich Franz Ferdinand schon immer mal stellen wollte.

 

Glasgow wird oft für seine vielen »Art School Bands« gelobt – ein Begriff, den ich etwas problematisch finde. Ihr werdet zum Beispiel oft so genannt, obwohl doch nur du, Robert, tatsächlich dort studiert hast. Wie denkt ihr darüber?
P: Wir haben alle in der Art School getrunken. Das ist unsere Hauptverbindung. Die Partys dort waren sehr gut und die Drinks billig. Von uns hat tatsächlich nur Robert dort studiert.
R: Die Art School war einfach eine gute Location. Für Partys und Konzerte. Das war alles.
P: Aber für die Leute scheint es praktisch zu sein, zu sagen, wir seien eine Art-School-Band. Damit müssen wir wohl leben.
R: Eigentlich mag ich es ganz gerne. Das bedeutet, dass alles, was ich mache, immer irgendwie »art school« ist. Ich werde zum Beispiel gleich zum täglichen »Art School Gassigehen« aufbrechen.