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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Gang Of Franz

Franz Ferdinand im Gespräch

Eineinhalb Jahre nach der letzten Titelstory haben unsere Redakteure Franz Ferdinand erneut zum Interview getroffen. Nach dem Erfolg mit dem gleichnamigen Debüt, haben sie jetzt über den Zweitling »You Could Have It So Much Better« gesprochen.
Geschrieben am
Gerade mal anderthalb Jahre ist es her, dass wir die letzte Titelgeschichte zu Franz Ferdinand (FF) gebracht haben. Anderthalb Jahre, in denen die Band die Indie-Landkarte neu kartographiert hat. Und ausnahmsweise wussten alle schon vorher, dass es nach der Veröffentlichung des gleichnamigen Debüts so kommen würde - obwohl sich ansonsten so gut wie nichts mehr vorhersagen lässt in diesem seltsamen Wirtschaftszweig namens Musikbranche. Aber dass FF durchgereicht werden würden, dass sie nicht nur die Indie-Darlings des Jahres sein würden, sondern auch die Band, an der sich für eine nicht kurze Zeitspanne alle anderen Gitarrenbands messen lassen müssen - kurz: dass sie auch noch in Jahren da sein würden, ja das wussten alle. Diese sonst so oft gesuchte und selten gefundene Gewissheit, sie war in jeden der Songs des Albums eingraviert. In jeden. Wann gab es das zuletzt, dass man nie in die Versuchung kam, weiterzuskippen? Allerhöchstens bei den SST-Veröffentlichungen zur Hochphase des Labels. Und wann kam es zuletzt vor, dass eine Platte trotz heavy rotation keinerlei Abnutzungserscheinungen zeigte? Das gelingt nur den ganz großen Alben.  

Und nun, nach Ewigkeiten des Tourens, begleitet von unzähligen Tratsch'n'Fight-Storys in Gossipblättern wie dem NME, steht also das zweite Album an: »You Could Have It So Much Better«. Eine hohe Bürde, doch statt Druck ist sie irgendwie nur mit Vorfreude belegt. Und das von allen Seiten: Die Band freut sich, dass sie endlich wieder an neuen Songs arbeiten kann, das Label freut sich, da ein weiterer sicherer Highseller erscheint, und wir ganz normalen Leute von der Straße freuen uns, weitere Hymnen geschenkt zu bekommen, ohne die zu leben wir uns schon recht bald nicht mehr vorstellen können. Und entgegen aller Branchengesetze findet sich niemand, der den Jungs ein Scheitern gönnt - sie sind einfach zu sympathisch.   

Mittwoch, 22. Juni, 13:08 Uhr in Köln. Werderstraße / Ecke Herwarthstraße

Ein Van mit dunkel getönten Scheiben hält quietschend vor der Intro-Redaktion und lässt zwei Redaktionsmitglieder dort einsteigen, wo eben noch Franz Ferdinand saßen (die jetzt in einem Kölner Rehearsal-Studio für ihren Harald-Schmidt-Auftritt einen Tag später proben). Grund für die 50 Minuten im Ledertraum aus Klimaanlage und XBox: FF hatten fünf neue Stücke in Form von rough mixes im Autoradio vergessen oder wahrscheinlich doch eher mit Absicht dort gelassen. Und die durfte man sich anhören (eine News mit extrem subjektiver Auswertung jener Hörproben findet sich auf intro.de). Der ursprüngliche Plan der Redaktion - einer lenkt die Promoter ab, der andere durchwühlt in der Zwischenzeit die Koffer der Band - wurde schnell ad acta gelegt: Zu gut taten den Ohren die beiden Durchläufe der neuen Stücke »Do You Want To«, »The Fallen«, »Turn It Down«, »Walk Away« und »The Outsider«. Und außerdem waren die Koffer schon längst im Hotel. 
Donnerstag, 23. Juni, 11:49 Uhr in Köln. Hyatt Hotel
Einen Tag später, von einem grob-ausschnitthaften Eindruck der neuen Platte beseelt, dürfen auch wir in besagtes Hotel. Alle vier FFs sind anwesend. Alle vier, das meint natürlich Bassist Bob Hardy (B), Schlagzeuger Paul Thomson (P), Sänger Alex Kapranos (A) und Gitarrist Nick McCarthy (N). Sie sind gerade frisch aus New York eingeflogen, wo sie an den letzten Mixen am Album sitzen. So ganz nah am Ziel sind sie allerdings noch nicht, weshalb die Mixe des Vortags auch als »Zwischenversionen« eingestuft werden. Aber immerhin erste Eindrücke. Weitere sollten zwei Tage später auf einem vom Kölner Radiosender Eins Live ausgerichteten Festival folgen, bei dem sie etliche neue Songs spielen. Produziert wurde »You Could Have It So Much Better« zwischen Mitte März und Mitte Mai in dem britischen Landhaus von Kapranos selbst. Danach flog die Band für Auftritte nach Russland, um anschließend in New York drei Wochen am Mix und Overdubs zu arbeiten. Die Russlandshows, aber auch ein Konzert in der Londoner Royal Albert Hall wurden zum Check der Songs genutzt, denn, so Sänger Alex, »ein Song ist nicht fertig, bevor man ihn nicht vor Leuten gespielt hat.«  

FF wollten unbedingt noch in diesem Jahr mit einem Album aufwarten, dafür wurde auch die Welttournee früher abgebrochen, obwohl noch zahlreiche Optionen im Raum standen (nicht dass FF nicht schon 18 Monate unterwegs gewesen wären!). Die Einladungen nach Südamerika und Südostasien konnten so zum Beispiel nicht wahrgenommen werden. Und auch in Deutschland haben FF noch nicht genug gespielt, wie die Band zu betonen nicht müde wird. Aber der Tourabbruch hatte auch den pragmatischen Grund, dass FF die Songs nicht für alle Zeiten totspielen wollten wie so viele andere Bands vor ihnen. Aber genug der Vorworte, lauschen wir den Protagonisten der größten Erfolgsgeschichte in Indie in diesem Jahrhundert so far.   

Wir hatten bei uns auf intro.de bisher 73 News von euch. Das deutet ja das unglaubliche Interesse an euch an - beim NME ist es bestimmt noch extremer zugegangen. Wie wirkt sich das auf euer Leben aus? Seid ihr zu Hause und unterwegs gezwungen, das Leben von arrivierten Mittvierzigern zu führen, also eher in teuren Restaurants und Hotels abzuhängen, weil ihr in den Bars, Clubs permanent angegangen werdet?

P: In London und Glasgow geht das eigentlich. Klar, wenn wir zu einem Konzert gehen, erkennen uns die Leute, weil es in dem Kontext erwartbar ist. Und auch wenn zwei von uns gemeinsam durch die Gegend ziehen, erhöht es die Chance.
N: Wir haben erst ein Album draußen, es ist noch nicht so wild. Und wenn sie kommen, dann wollen sie halt ein Autogramm oder so. Stalker haben wir eigentlich nicht. Für Alex ist das sicherlich alles etwas heftiger. Wenn er in Glasgow shoppen geht, dann muss er zwei Stunden Autogramme geben - aber er ist auch mehr in der Presse als wir.


Habt ihr das zweite Album als Druck empfunden oder eher als Chance zu beweisen, was noch alles in euch steckt? Jede Regung wurde ja gleich zur neuen Richtung erklärt.

N: Wir haben kaum was davon gelesen. Für mich war der Druck kein Problem, ich hatte nur Angst davor, dass wir uns nicht mehr ertragen könnten. Dazu bestand durchaus die Chance, nach all dem gemeinsamen Touren. Aber als wir dann zusammen rumsaßen und Musik hörten, fiel uns wieder auf, dass wir genau die gleichen Sachen mögen. Da haben wir uns wieder als eine richtige Band gefühlt - der Schreibprozess ging dann auch ganz natürlich los, wie selbstverständlich. Klar wollten wir uns weiterentwickeln, aber es ergab sich eben einfach.
P: Bei der ersten Platte haben wir ja einfach so Songs geschrieben, gar nicht im Hinblick auf ein Album, da noch keine Plattenfirma an uns interessiert war. Es ging nur um Spaß und vielleicht einen Auftritt in Glasgow. Es gab also gar keinen Druck. Und irgendwie haben wir das Gefühl wieder hinbekommen.
A: Natürlich gab es einen gewissen Druck auf uns - aber andererseits nicht wirklich. Wir könnten heute aufhören und einfach so happy leben. Wir müssen kein weiteres Album vorlegen.
Es ist ein künstlerischer Druck.
A: Genau. Und wenn du den nicht mehr fühlst, dann ist es vorbei.
B: Die Leute um eine Band herum können einen negativen Einfluss haben. Wir haben da Glück gehabt und ein gutes Umfeld. Wir werden mit nichts konfrontiert, das nicht für uns in Frage käme.


Ihr wart ja ewig auf Tour. Wie habt ihr denn diese Strapaze empfunden? Man hörte ja auch von Schlägereien zwischen euch.

N: Natürlich gibt es Momente, wo man sich nicht wohl miteinander fühlt. Auf der Bühne war es immer super, aber abseits fühlt man sich schon mal wie bei »Big Brother«, da man nie allein ist. Und wir waren ja anderthalb Jahre gemeinsam unterwegs. Das ist eben der Backlash der Medien. Die lauern nur darauf und bringen dann Nichtigkeiten in großen Schlagzeilen. Ereignisse, die bei normalen Leuten keine Meldung wert wären. Denn jeder hat Streitereien. Ich wollte, wenn die Band nicht wäre, mit niemandem so lange unterwegs sein. Ich finde es auch ganz normal, dass man von Zeit zu Zeit mal einen Kampf hat. Wir fühlen uns wie eine Gang - das passt schon.


Und wie sieht es mit den ganzen negativen Nebenmomenten auf Tour aus, mit Promotrips, dem vielen Warten?

A: Natürlich weiß man vorher, dass so was passieren wird. Sich darüber zu beschweren ist sehr ignorant gegenüber all den Leuten in normalen Jobs.
B: Ich habe früher in einem sehr ruhigen Shop gearbeitet. Ich saß da oft drei Stunden stumpf in einem Raum, um fünf Minuten jemanden zu bedienen. Dagegen sind das hier Luxusprobleme.
A: Es ist ja auch nicht so, dass unser Leben früher, vor den ganzen Schedules, mehr Platz für die Musik ließ. Wir hatten damals alle Jobs.


Habt ihr um die Touren herum eigentlich auch viel von den Städten mitnehmen können?

A: Oh ja, definitiv. Selbst letzte Nacht, als wir aus Los Angeles eingeflogen sind, bin ich noch durch Köln spaziert.
B: Ich war das letzte Mal hier im Zoo.
A: Wir sind sehr glücklich darüber, so viel herumzukommen. Bei meinem letzten Job in Glasgow, an der Uni, da hing eine Weltkarte. Ich erinnere mich, wie ich sie immer anstarrte und davon träumte, da und dort hinzugehen, und wie es wäre - ich kann gar nicht glauben, wie glücklich ich bin, das nun zu leben.


Stichwort Songwritingprozess. Wie lief das ab - kamt ihr gut vorbereitet ins Studio?

P: Die Idee war ursprünglich, schon einen Teil des Albums im Vorfeld geschrieben zu haben. Aber wir haben das dann größtenteils alles erst im Studio auf dem Land entwickelt. Manche Songs brauchten lange, andere wie »You Could Have It So Much Better« wurden in zwei Tagen am Ende der Session geschrieben.
N: Wir saßen im Garten und schrieben Songs. Es war sehr angenehm.


Bob, du hast beim letzten Interview auf die Frage an euch alle, ob ihr eigentlich wirklich Musiker werden wolltet, eher verhalten geantwortet, dass das sicher nicht deine finale Profession wäre. Wie seht ihr das heute?

B: Oh ja, ich erinnere mich an die Frage von dir. Es war ein soziales Ding, das wir damals gemacht haben, so 'ne Partygeschichte - und plötzlich sind die Partys größer geworden. Aber die Herausforderung ist immer noch gegeben, es ist noch immer sehr spannend, das zu machen.

Themenwechsel: Die Texte ließen sich beim einmaligen Hören nicht wirklich heraushören. Gibt es ein Leitmotiv? Was sind die Themen, die verfolgt werden?
A: Es gibt nicht das eine Thema, wir schreiben keine Konzeptalben. Was die Texte zusammenhält, ist die Tendenz, dass sie über die Leute um uns herum sind. Ich platziere diese Charaktere in Szenarien, die ihnen so vielleicht nie in ihrem Leben passieren würden. Manchmal ist ein Text aber auch eine Mitschrift von einem Gespräch, das ich geführt habe. »Do You Want To« beispielsweise ist die Wort-für-Wort-Wiedergabe eines Monologs, den ich auf einer Party in Glasgow gehört habe. »The Fallen« spielt mit dem Gedanken, dass ein Bekannter von uns plötzlich Christus wäre, und was er dann machen würde. »Walk Away« ist etwas persönlicher, basiert auf meinen Erfahrungen. »Outsiders« ist ein Mix aus diversen Erfahrungen. Was viel in den Songs passiert, ist das Umherspringen zwischen den Charakteren, sodass man manchmal nicht sagen kann, wo der eine anfängt und der andere aufhört. »Outsiders« ist definitiv so, und »The Fallen« auch. Man muss das richtige Leben für die Texte aufsaugen und gleichzeitig eine große Respektlosigkeit vor der Wahrheit haben und das Abenteuer beim Schreiben suchen - es geht nicht um die identische Wiedergabe, sondern die Essenz. Das macht man ja auch beim Musikmachen so: die Essenz einer Emotion in etwas anderes überführen.

Wir haben in Deutschland im September vorgezogene Wahlen. Ihr habt ja den britischen Grünen einen Song ("This Fire" - "This fire is out of control") von euch gegeben. Wie wichtig ist es für euch, als Band auch politisch verortbar zu sein?
N: Man kann das nicht so global sagen. Manche sollten sich äußern, manche nicht.
P: Man kann nichts gegen die Green Party sagen.
N: Sie haben uns gefragt, und wir haben ja gesagt. Bei allen anderen Parteien hätten wir es wohl nicht getan.
P: Nee, Labour hätten wir ganz sicher keinen Song von uns gegeben.
N: Die Green Party ist eigentlich keine richtige Partei wie in Deutschland, eher so eine Sammlung lokaler Gruppierungen. The Clash waren beispielsweise sehr gut darin, politische Themen aufzugreifen.
P: Bei afrikanischer Musik gibt es auch Künstler wie Fela Kuti, bei denen das ganz selbstverständlich wirkt.
N: Es ist wichtig, dass die, die sich äußern, wissen, über was sie reden.

Das war ja so ein bisschen das Problem bei all den Wahlinitiativen in den USA. Es entstand der Eindruck, dass die einzige Botschaft das Wählen ist, aber nicht, dass die Leute sich auch inhaltlich auseinander gesetzt hätten. Puffy sollte schon auch die Zeitung lesen, wenn er aufruft ...
P: »Rock The Vote« war trotzdem ein sinnvoller Event, immerhin haben die Leute ihre Position für irgendwas benutzt.
N: Ich habe da 'ne lustige Geschichte: Als wir letztes Jahr in den USA unterwegs waren, sahen wir Poster mit »Boogie For Bush« und einem Foto von uns. Da stand dann drauf, dass die Leute in miesen Zeiten gerne Party machten - die anschließende Frage war also: Würden Franz Ferdinand existieren, wenn Bush nicht an der Macht wäre? Die Poster waren überall. Wir fühlten uns fast schon wie auf einer Kampagne für Bush.

Ihr solltet ja auch im Parlament in Schottland spielen. Hat das stattgefunden?
P: Nein. Ich weiß gar nicht, wie das aufkam.
N: Sie hatten wohl eine Debatte darüber. Wie dumm ... Wir werden bei der Queen spielen, wenn sie uns einlädt. [lacht]

Ja, und dann spielt ihr die Smiths-Coverversion »The Queen Is Dead«.
[Gelächter]

Beim Hören der Stücke sind einige Zitate aufgefallen. Im vierten Stück beispielsweise »The Model« von Kraftwerk.
[Paul summt es]
N: Es ist nicht der einzige Song, in dem so was drinsteckt.

Ja, wir haben noch Kylie Minogue herausgehört: Im ersten Stück heißt es: »Your are so lucky lucky lucky ...«
N: Oh, really? Ja, stimmt. Ich habe noch die Sugababes auf dem Zettel. Und was ist mit »You wanna. You wanna. You really really wanna?« Das ist mein Lieblingszitat.
[alle lachen]
P: Das Album ist eigentlich nur eine Compilation der besten Popsongs der letzten 30 Jahre.
N: Wir filtern nur in unserem Gehirn. Alles, was man hört, fließt mit ein. Wir denken uns das nicht wirklich aus, es passiert.

Alex, das Album deiner früheren Band The Karelia von 1997 wurde vor kurzem auf Roadrunner wiederveröffentlicht. Wie fandest du das? War das nicht zu verhindern?
A: So was passiert leider. Es ist lustig, gerade in Deutschland über die Geschichte zu reden, denn meine besten Erfahrungen mit Roadrunner hatte ich hier. Klar ist es sehr opportunistisch, dass sie das jetzt wiederveröffentlichen - aber es ist mir eigentlich egal, die Musik bedeutet mir heute nichts mehr. Außerdem: Was will man machen? Eines der Bandmitglieder sitzt gerade übrigens draußen, mit den beiden anderen habe ich neulich noch gesprochen.

Samstag, 6. August, nachmittags in einem geräumigen Zwölf-Menschen-Zelt im verregneten Haldern. Uhr vergessen 
Viel Zeit (in Popkategorien) ist seit dem letzten Treffen von Intro-Abgesandten mit den vier Schotten vergangen - wir durften seitdem die Platte in voller Länge, mit endgültigem Mix und definitiver Tracklist, hören, dazu hatte die von scheinbar sehr hingebungsvollen Leuten betreute Fanpage ein paar Lyric-Schnipsel parat. Vier der fünf bekannten Vorab-Tracks haben es letztendlich aufs Album geschafft. Insofern gilt es mit diesem Mehr an Information noch mal ein bisschen nachzuhaken. Unter dem Mikrofon liegen diesmal nur Alex Kapranos und Bob Hardy, dafür sind die beiden aber auch ausgesprochen gut aufgelegt, die bekannt entspannte Atmosphäre beim Haldern-Festival auch hinter der Bühne macht's möglich - da macht es auch nichts, dass stundenlanger Dauerregen schon längst allen die hübschen Turnschuhe versaut hat.  Eine der Überraschungen des Albums: Mit »Fade Together« und »Eleonor Put Your Boots On« gibt es zwei für FF-Verhältnisse äußerst ruhige Songs.  

Darauf angesprochen, erzählt Kapranos, dass diese Songs passend zum Sound sehr sensible Inhalte thematisieren und dass sie zwar in verschiedensten Arrangements ausprobiert, aber so für am gelungensten empfunden wurden. Überhaupt ist die Bandbreite an Stilarten auf »You Could Have It ...« deutlich weiter gesteckt als beim Erstling: Laute Songs wie »The Fallen«, »Evil And The Heaven« und der Titeltrack sind in jeder Hinsicht ruppiger, als Franz Ferdinand es bis dato je waren, während die genannten zurückhaltenden Stücke durch ihre durchaus tief zu nennende Atmosphäre zu beeindrucken wissen. Dazu kommt, dass dieses Mal auch Band-untypische Instrumente wie das Piano oder die akustische Gitarre verstärkt zum Einsatz kommen. Ein Grund für diese neu gewonnene Variabilität ist die größer gewordene Routine der Band. Immerhin hatte man zum Zeitpunkt der Aufnahmen zu »Franz Ferdinand« erst ca. 20 Auftritte gespielt, mittlerweile sind es über den Daumen gepeilt 350.   

Routine, die auch zu einer anderen offensichtlichen Änderung in der Musik Franz Ferdinands geführt hat: Die Rhythmussektion klingt heute deutlich grooviger und souveräner. »Ganz natürlich«, meint Kapranos. »Wie lange hast du vor unseren ersten Aufnahmen Bass gespielt, Bob? Neun Monate? Das ist wirklich nicht viel. Jetzt kennst du ja sogar die Namen der Noten, stimmt's, Bob?« Bob nickt. Überhaupt überstrahlt die Eloquenz Kapranos' alles, auch die dürftigen Kommunikationsansätze seines Bandkollegen. Was den aber nicht besonders zu stören scheint. Denn er verlegt sich auf die Rolle des geheimnisvollen Schweigers, dessen intellektuelles Potenzial hervorzurufen den Ehrgeiz jedes Journalisten weckt.   

Seinen Gutteil zum Gelingen des Albums als Spiegel persönlicher Befindlichkeiten beigetragen hat laut Kapranos definitiv der Aufnahmeort. Die Sessions fanden nämlich fast alle in seinem Haus in der schottischen Provinz statt. Dieses Haus war vor über 100 Jahren von dem Maler James Paterson konzipiert und erbaut worden und besitzt zwar kein wirkliches Aufnahmestudio, dafür aber eine Menge Räume, die außergewöhnlich schön durchleuchtet sind. Dieser Ort führte die Band auch ein bisschen zu ihren Ursprüngen, wie Kapranos erzählt: »Wir haben das Haus einfach umfunktioniert, um es für uns und unsere Musik zu nutzen. So, wie wir es auch mit dem Chateau oder dem Jail gemacht haben [mehr zu diesen Häusern in unserer Titelgeschichte 04/2004]. Auch diese Orte hatten wir gefunden und sie für uns nutzbar gemacht. Wir haben einfach Aufnahmegeräte und ein Mischpult in mein Haus getragen und angefangen. Diese Rückbesinnung war sehr inspirierend für unsere Aufnahmen.«
 

Diese bedeutungsvolle Stimmung führte letztendlich wohl auch zum neuen Albumtitel »You Could Have It So Much Better«, einem lange gut gehüteten Geheimnis, dessen größten Vorteil Kapranos am Schluss des Gespräches noch offenbart: »Er ist vor allem ein Titel, der sehr beschwingt klingt, aber gleichzeitig in verschiedene Richtungen interpretiert werden kann. Er kann als eine wundervoll positive Nachricht verstanden werden, so im Sinne von: ›Gib dich nicht mit dem zufrieden, was du hast! Du kannst etwas viel Besseres haben!‹ Gleichzeitig aber auch im Sinne von: ›Wieso hast du das getan? Du hättest es viel besser haben können!‹«   

Sag doch jeder von euch mal, was die schönsten, beeindruckendsten oder auch bedrückendsten Ereignisse der Post-Album-Release-Zeit waren.

P: Das neue Album auf dem Land aufzunehmen, das war wirklich toll. Wir waren ja davor so viel in Städten auf der ganzen Welt unterwegs.
N: Wir waren zur Schafszeit da. Ein wirklich sehr schöner Zeitpunkt, um sich in der Gegend aufzuhalten. Wobei diese Zeit natürlich auch eine dunkle Seite hat: Im nächsten Monat wurden alle Schafe getötet. Nur schön war hingegen, dass die ganze Landbevölkerung sich kein bisschen drum scherte, wer wir sind. Wir konnten da zwanglos im Pub trinken.
A: Zwei Shows stachen heraus aus diesem wundervollen Jahr. Beide in Schottland: das »T In The Park«-Festival und in Glasgow. Das Publikum war so unglaublich intensiv. Nach Hause zurückzukommen war etwas Spezielles.
B: Ich habe es sehr genossen, in Amerika zu spielen, vor allem in San Francisco. Australien war auch toll.
A: Als wir den Mercury Prize gewannen, sind wir am nächsten Tag nach Los Angeles geflogen. Wir fliegen also in der Economy Class - und alle haben die Nachrichten auf diesem kleinen Fernseher geschaut. Und plötzlich war Bob im Beitrag zum Mercury-Event als Standbild zu sehen. Das war ein bizarrer Moment, den ich nie vergessen werde.
B: Ja, da erinnere ich mich auch dran.
A: Und noch ein Ereignis fällt mir ein: Als wir in Los Angeles waren, haben wir gerade »This Fire« neu aufgenommen. Wir waren sehr fertig. Gejetlagt und einfach generell so erschöpft von all dem Touren, dass wir im Studio im Sitzen eingeschlafen sind.

In diesem Moment kam der Domino-Betreiber Laurence Bell rein und erzählte uns, dass wir eine Millionen Platten verkauft haben - und wir meinten alle nur: »????« Das verdeutlicht ein bisschen, wie normal das Besondere irgendwann wird.
FF bei Harald Schmidt Zitat Schmidt: »Falls Sie meiner Generation angehören - diese Band war damals mit dabei, als es losging in Sarajevo. Aber sie hatten Glück: Sie hatten sich gerade gebückt, als die Schüsse fielen. Weil ihnen die Ohrstöpsel rausgefallen waren. [...] Die heiße Scheibe kommt im Oktober, dann sind die Jungs aus Liverpool auch auf Tournee. Hier sind sie, diese frechen Pilzköpfe mit ›Evil And A Heathen‹: Hier sind weltexklusiv zum 40. Geburtstag von Manuel Andrack: Franz Ferdinand.«

Franz Ferdinand

You Could Have It So Much Better

Release: 03.10.2005

℗ 2005 Domino Recording Co