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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Rabenschwarz Nr.2

Frank Zander

Es gab da weiland diese Bundesrepublik, in der man sich einig war, dass die deutsche Geschichte verpflichtet, niemals wieder Krieg zu betreiben. Sie wurde nicht nur bewohnt von Helmut Kohl, sondern auch von Rolf Eden, Harald Juhnke, Helga Feddersen und Frank Zander. Ausgerechnet dort, wo das geteilt
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Es gab da weiland diese Bundesrepublik, in der man sich einig war, dass die deutsche Geschichte verpflichtet, niemals wieder Krieg zu betreiben. Sie wurde nicht nur bewohnt von Helmut Kohl, sondern auch von Rolf Eden, Harald Juhnke, Helga Feddersen und Frank Zander. Ausgerechnet dort, wo das geteilte Land sich am glamourösesten wähnte, rund um den Kurfürstendamm, unterminierten sie, jeder auf seine Weise, bundesrepublikanische, das heißt öffentlich-rechtliche, also von einem (be)amtlichen Verwaltungsapparat betriebene Unterhaltung mit Working-Class-Bewusstsein. Was als Klamauk wahrgenommen wurde (Zanders TV-Sendung “Plattenküche”, seine Hits “Captain Starlight”, “Der Ur-Ur-Enkel Von Frankenstein”), war in Wirklichkeit ein Akt der Subversion. Mit der Fragmentierung der massenmedialen Kanäle und der Auflösung des Proletariats als Klasse in eine Vielzahl einzeln adressierbarer Hartz-IV-Empfänger, für die es keinen Klassenbegriff mehr gibt, wird der einstige Entertainment-Baron Frank Zander natürlich zu einer randständigen Figur. Wo es keinen Filterkaffee gibt, sondern nur noch Milchschaum, braucht man ihn nicht mehr. Dementsprechend wird seine “Rabenschwarz”-Serie, in der er die Melodien und Texte deutscher Schlager an die Rammstein-Gitarrenwand nagelt, allenfalls gewertet als ein Versuch, ihn strategisch nach dem Vorbild Joachim Witts an die ehemals Neue Deutsche Härte anzukoppeln. Das ist natürlich Quatsch mit Sauce. Auch ist “Rabenschwarz #2” keine Rammstein-Parodie. Was als schunkelige Musikgeisterbahn daherkommt, ist als kulturelles Zeichensystem wesentlich komplexer. Frank Zander re-interpretiert mit Werken wie “Liebeskummer Lohnt Sich Nicht” (Wencke Myrhe), “Du Kannst Nicht Immer 17 Sein” (Chris Roberts) und “Ganz In Weiß” (nein, nicht Rainer Werner Fassbinder: Roy Black) den kulturellen Schmodder der westdeutschen 70er und überführt ihn in den ostdeutschen Ernst-Jünger-Sound von Rammstein. Die sinnfrei erscheinende Nebeneinanderstellung von Liedgut aus dem vorletzten Jahrzehnt der Nachkriegszeit und der todesromantischen Sehnsucht nach Reinigung durch Stahlgewitter ist tatsächlich bedeutungsvoll: als ein Anzeichen der Auflösung eines gesamtgesellschaftlichen Konsensus’. Manchmal sieht man Frank Zander am Bahnhof Zoo, wie er mit Horst Köhler Suppe an Obdachlose ausgibt. Er weiß, dass er nichts tun kann.