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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Mit all den Leuten

Frank Spilker Gruppe

Frank Spilker, die treue Seele, die die Hörer seit Dekaden nicht nur mit Agit-Pop, sondern immer auch mit Verständnis versorgt, hat seine Band zurückgelassen.
Geschrieben am
Frank Spilker, die treue Seele, die die Hörer seit Dekaden nicht nur mit Agit-Pop, sondern immer auch mit Verständnis versorgt, hat seine Band zurückgelassen. Zumindest im Jetzt und Hier. Erlösung, Aufbruch, Verrat? Wer Die Sterne immer bloß für die Backing-Band von Frank Spilker hielt, sieht sich gerade eines Besseren belehrt. Denn immerhin empfand es jener als nötig, Solostücke allein (bzw. mit einer Begleitband um Max Knoth und Tex Strzoda) umzusetzen.

"In der öffentlichen Wahrnehmung geht es ja immer sehr um meine Texte, daher wissen die wenigsten, dass Die Sterne eine durch und durch demokratische Band sind. Das Konzept Demokratie hat dabei so seine Vor- und Nachteile. Wenn man sich gegenseitig ernst nimmt, als ins Werkgeschehen eingebundene Personen, heißt das, sich über ein Konzept einig werden zu müssen. Denn wenn man jemanden benutzt wie einen Handwerker oder ein Werkzeug, ist das nicht mehr wirklich eine Bandkomposition. Die Frank Spilker Gruppe-Songs sind dagegen alle auf meinem Reißbrett entstanden, durchaus schon mal mit Schlagzeug und Bass und einem Arrangement. Es ist nicht nötig, bestimmte Rollen und Aufgaben einzuhalten, dadurch ergibt sich ein größerer Spielraum", erzählt Frank.

So sieht's aus. Und wie klingt's? Man kann's nicht anders sagen: Klasse! Denn neben all der Diplomatie hört man auch raus, dass Frank zuletzt nicht befreit raushauen konnte aus seinem so überwucherten Hauptwohnsitz. Und genau das holt er jetzt nach. Wo von Lowtzow den aristokratisch-utopischen Romantiker in sich entdeckte, wo Distelmeyer der post-politische Natur-Romantiker wurde, blieb im bis heute noch amtierenden 90er-Hamburg-Triumvirat Spilker immer der Realist. Mit allen Konsequenzen. Er verlegte die Gefechte mit dem Alltag nie ins Fiktionale, er blieb immer (beinah erschreckend) basisnah. Danke dafür.

Und Danke für die neuen Songs. Die klingen - und das ist nicht nur Einbildung - einfach freier, lockerer, geiler als alles, was zuletzt war. Schon das erste Stück 'Hinter der Bar' beweist, wie einzigartig Frank texten kann, kneipig dahingeworfen und doch so viel stärker als alle coole Erbauungsliteratur, die es ohnehin gar nicht gibt. 'Es sieht gut aus', auch ein Stück Prekariats-Dandytum, das dabei aber nie den Stachel einbüßt, sondern noch Oscar-Wilde-Assoziationen weiterdenken lässt. Das Nicht-Öffnen von Post vom Amt, das besungen wird, erinnert an den Dorian-Gray-Claim "Ich habe ihren Brief nicht gelesen - ich hatte Angst, er könne etwas enthalten, das mir nicht gefiele." Eskapismus als Weg - rührend, hoffnungslos. Spilker hat dafür Verständnis, muss man eben auch was draus machen. Ist ja nichts anderes da. Aber was er daraus macht, ist, wie gesagt, ein echter Meilenstein seiner Karriere.
Linus Volkmann

Das ist nur die halbe Wahrheit. Martina Hergenröther hat sich 'Mit all den Leuten' auch angehört und kommt zu einem anderem Urteil.

Ja, klar. Für die Gegenrede ist wieder nur die Hälfte an Platz vorhanden. Typisch INTRO, die alte Abfeier-Oma aus Buxtehude, pardon Köln-Mitte. Frank Spilker ist jetzt also solo. Und man muss natürlich auch an dieser Stelle sagen: endlich. Die Sterne waren zuletzt derartige Erfüllungsgehilfen ihrer selbst, dass man bei einer neuen Platte dachte: "Ach, der Lieferant kommt." Globalisierungskritik menschlich gesehen, und beim Songwriting konnte auf der gefühlten zehnten Platte auch die Muckerei nicht mehr rausgehalten werden. Verständlich, denn was sollte überhaupt noch kommen? Das fragt man sich auf jeden Fall nicht mehr, nachdem man 'Mit all den Leuten' gehört hat. Denn man merkt es: nichts.

Die Themen sind längst eingeführt, die Varianz der Posen ist eher von protokollarischem Interesse, und die Musik, die soll also wenigstens neu sein? Nun ja, also da müsste man doch wirklich ausgewiesene Sterne-Exegetin sein, um in all diesen klassisch-konservativen Gitarren-Arrangements groß eine Distanz zu dem normalen Bandschaffen Spilkers rauszuhören. Mir erschließt sich da keine große Dissidenz. Sicher mag es für ihn entscheidend gewesen sein, endlich seine alten Eheleute nicht mehr im Studio um sich gehabt zu haben, aber hätte er das nicht mit einer echten Kehrtwende feiern können? Man mag den Songs ja im Zielgruppenbereich ihre Hittig- und Schmissigkeit wahrlich nicht absprechen, aber mir persönlich wird hier zu viel das eigene Milieu getätschelt. Ich warte daher auf eine Soloplatte von Frank, die wirklich was auf den Kopf stellt und nicht bloß so tut.
Martina Hergenröther