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Musikstil -> Element

Four Elements

Auf Four Music erscheint am 4. März ein Doppel-CD-Sampler namens "Four Elements Vol. II", und man verspricht, wenn schon nicht zusammenzuführen, was zusammengehört, so doch zumindest ein paar Brücken zu schlagen, ohne dabei gleich Differenzen zu killen. Dabei sind Die Fantastischen Vier, Blumentopf,
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Auf Four Music erscheint am 4. März ein Doppel-CD-Sampler namens "Four Elements Vol. II", und man verspricht, wenn schon nicht zusammenzuführen, was zusammengehört, so doch zumindest ein paar Brücken zu schlagen, ohne dabei gleich Differenzen zu killen. Dabei sind Die Fantastischen Vier, Blumentopf, Turntablerocker, Afrob feat. Presteej, Mars Allstars, DJ Friction, Cluseo, Silly Walks feat. Raggabund, The Pharcyde, Thomas D, Manumatei, Gentlemen, The Y-Files, der Freundeskreis, Tiefschwarz und die liebliche Joy Denalane. Eine CD enthält Bekanntes, die andere nie Gehörtes. Die Elemente der Welt, so will es der Überbau, bilden sich jeweils in einem Genre ab, so dass Feuer Reggae, Erde HipHop, Wasser House und Luft Soul entspreche. Ganz schön widerspiegelungstheoretisch und hegemonial, das Ganze (wenn die Welt mal zerstört wird, habt ihr ja immer noch diese Compilation, in der das, was sie im Innersten zusammenhält, gleichsam mimetisch verdoppelt wurde). Aber sind die Füße, auf denen das Konzept (welches dem Vernehmen nach nicht von den beteiligten Künstlern geboren wurde) steht, tragfähig oder tönern, sind diese Zusammenhänge in der Welt, oder bedurfte es der Haare, um sie im Kopf herbeizuziehen? Fragen für Paranoiker.

Wir haben auch ein Making-Of des Modeshootings produziert. [Video 100k] [Video 56k]

Elementarschule

"Die Elemente sind also die Grundlage von allem; aus ihnen besteht alles, und nach ihnen richtet sich alles, sie sind in allem und verbreiten ihre Kräfte durch alles." (Agrippa von Nettesheim in "De Occulta Philosophia", 1510)

Feuer: Für Wen Würdest Du Hindurch Gehen?

Das Feuer ist das aktivische Prinzip schlechthin, im Gegensatz zur passiven, leidenden, empfangenden Erde. Das reine Feuer, so die alten Naturphilosophen, sei unsichtbar. Es enthüllt sich lediglich an anderem: Nur wenn es mit einem Stoff in Berührung kommt, ihn ergreift und verschlingt, wird es offenbar. Diese Eigenschaft teilt es mit dem Wind, dem Element Luft in Erschütterung. Auch er zeigt sich nur symptomisch, muss erschlossen werden aus den Wirkungen, für die er Ursache ist. So konnte bei den Ägyptern aus der Simulation eines Symptoms für Wind, dem gebogenen Grashalm, das ikonische Zeichen des Windes werden. Das Feuer verzehrt nicht nur, es zeugt auch, und manchmal zeugt es durch Verzehrung.

Darin ist es dem Tod nicht unähnlich, dessen Name in einigen Tarots nicht ausgesprochen wird, weil, so raunen Eingeweihte, es ihn nicht gebe: Zerstörung als Gelingensbedingung der Entfaltung neuer Triebe. Die Sense wird zum Verjüngungssymbol - wie die Sichel des zunehmenden Mondes kann sie als Verkörperung des Stirb-und-werde-Gedankens fungieren. Das himmlische Feuer nährt alle Lebewesen - im Christentum zumindest bis zum großen Weltenbrand, in dem die Elemente vor Hitze zerschmelzen werden, das Feuer zum läuternden wird, selbstverständlich erst, nachdem die Schafe zur Rechten von den Böcken zur Linken (die linke Seite ist, wie schon die Schrittfolgen beim Totentanz zeigen, immer die Seite von Tod und Teufel; sinister bedeutet im Lateinischen sowohl "links" als auch "unheilkündend"/"böswillig") geschieden, die Awards verteilt und die Worte gesprochen sind, die da lauten (für das Lauten bedarf es der Schallwellen und des ursynthetischen Mediums der Luft - sie verbindet Menschen): "Gehet hin von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln" (Matthäus 25, 41). Dieses Feuer wärmt nicht, sondern sengt, es strahlt nicht, sondern macht die Dunkelheit sichtbar, es tötet nicht, sondern quält unendlich. Denn this justice is infinite, und damit's auch richtig weh tut, kommt es vorher zu einer Wiedervereinigung von verfluchter Seele und sündigem Leib.

Für Theophrastus Bombastus von Hohenheim, a.k.a. Paracelsus, ist das dem Feuer zugehörige Elementarwesen der Feuersalamander. Das Gerücht hat es, dass er nicht verbrenne. Die Jahreszeiten korrespondieren den Elementen, und natürlich ist der Sommer des Feuers (doch der Mensch trachtete nach Emanzipation, versuchte durch Elektrizität darüber zu verfügen, wann für ihn Nacht, wann Tag sei, schuf sich winters Ersatzsonnen, Solarien, und wird, wie Prometheus, der wider Zeus' Willen den Sterblichen das Feuer brachte, für seine Hybris bezahlen müssen). Der Einfluss der vier Elemente regiert, glaubt man der Temperamentenlehre (die vom Begründer der griechischen Arzneikunst Hippokrates genauso vertreten wurde wie von dem in Rom lebenden griechischen Arzt Galen und bis weit in die Renaissance hinein Verbreitung fand), die vier Körpersäfte ("humores"), deren Mischungsverhältnis nicht nur über Gesundheit oder Krankheit entscheidet, sondern auch den Persönlichkeitstyp, das Temperament, festlegt. Prädominiert die feurige, "gelbe" Galle, sehen wir einen Choleriker vor uns.

Gibt es ein Tertium comparationis von Feuer und Reggae? Nun, da ist diese verschlungene Geschichte, die wir hier nicht erzählen wollen, von jungen Leuten mit schwarzen Hautpigmenten und solchen mit einem Pigmentecocktail, die Ende der 1950er in Kingston, Jamaikas Kapitale, saßen und tanzen wollten. Ihrer waren viele, und die Importplatten kamen spärlich, weshalb dann vagierende DJs, die Sound System Men, um Surrogate zu schaffen, Jungs von der Straße in Studios zerrten, da gab es dann Blechbläser, und als es fertig war, da hieß man es Ska, und in England, wohin es durch die Einwanderer gelangte, um dann auch Gefallen bei Weißpigmentierten (sogenannten Skinheads) zu finden, durfte man auch Blue Beat, nach dem gleichnamigen Label, dazu sagen.

Nach zahlreichen Transformationen - Blechbläser raus und Aufrüstung bei Bass- und Rhythmusgitarre - plus Alienation (weil: Kolonisiertheit) plus spirituell grundierte Ursprungssehnsüchte wurde Reggae draus. Gibt es also ein gemeinsames Drittes, ohne sich in die Rassismen von Klimatheorie (im Norden wohnt die Reflexion, im Süden und seinen Völkern, dem heart of darkness, wohnen die idistischen Kräfte des körperlichen Unten) und Sonnenschutz zu begeben? I don't think so.

Erde: Mit Wem Möchtest Du Unter Sie Gebracht Werden?

Die Erde ist das Element mit der traditionell rezeptiven mythologischen Signatur, ein Yin-Element gleichsam und - damit FeministInnen aller Couleur zur Beschäftigung verhelfend - weiblich codiert. Wer immer also heute von weiblicher Intuition (Transrationalität), Wärme (der thermische Schoß) etc. spricht, muss damit rechnen, mindestens als Ideologe, weil Ideologie die Deklaration von Kultur als Natur bedeutet, stigmatisiert zu werden, denn er stünde in einer Tradition, die am Dualismus von männlichem Logos und durch diesen zu befruchtender weiblicher Materialität festhält. Mit diesem Argument versuchte man im übrigen feministischerseits, Julia Kristeva für ihre Reklamation einer weiblichen écriture, die dem Reich des teuren "Semiotischen" näher sei als die männliche, dem "Symbolischen" nahestehende, fertigzumachen. In ähnliche Ideologiefallen tritt, wer vom überragenden Rhythmusgefühl des Afroamerikaners spricht, den feurigen Spaniern und dergleichen. Unsexy Ideologiekritik.

Erde korrespondiert dem Winter, er bereitet die Geburt aller Lebensäußerungen des kommenden Jahres vor, ist gleichsam schwanger mit den Trieben des Frühjahrs. Das Erdelement beherrscht die schwarze (griechisch melas) Galle (chole). Dominiert sie unter den Säften eines Menschen, so ist er Melancholiker. Ikonografisch findet man ihn oft zusammen mit einem schweren Stein dargestellt, überhaupt ist er saturnisch langsam, oft den Blick auf "sein" Element richtend, die Erde eben. Man könnte ihn Shoegazer in Permanenz nennen. Er ist einsam, apathisch, zögernd, Hamlet-esk, bedächtig, denn er bedenkt zu viele Möglichkeiten, alternative Wahlen, und die Reflexion war schon immer die größte Feindin der Handlung. Große Revolutionen bedürfen immer schlichter Gemüter. Gleichwohl ist er von trotziger Resistenz und beharrlich, zieht fast autistisch, mit schlafwandlerischer Unbeirrbarkeit, seiner speziellen Wege, die nicht selten Umwege sind. Aber: Nicht selten sehen wir ihn im Ziel.

Um ehrlich zu sein, bin ich bei diesen Jugendlichen in den komischen Klamotten, die der Soziologe HipHopper nennt, selten auf Yin-Signaturen gestoßen, und sie selbst würden das wahrscheinlich auch mit einem "Der spielt grad mit der Unversehrtheit seiner Eier, falls er welche hat" parieren. Doch sind vielleicht die Testosteron-Vorhandenheits-Beweise, die ständig ungefragt zu erbringen versucht wird, Indizien von hidden Yin? Werd' mal einen Hopper auf'm Club-Klo nach Kajal anhauen. Bis dahin trag' ich ein Schulterzucken.

Wasser: Der Verlust Wessen? - Jemand, Der Dich Darüber Hielt? - Liesse Dich Hineingehen?

Reinigende Kraft hat es, das Wasser. Es wird für rituelle Waschungen verwendet (das Wort Wasser gehört zum etymologischen Erbgut des Wortes waschen), es wäscht vom Blut rein, nach römisch-katholischem Dogma beim Sakrament der Taufe von der Erbsünde, im Fall des Eucharistie-Rituals allerdings wird seine Transsubstantiation in das Blut Christi bewirkt - ein dionysischer Restbestand im Christentum: der Gott, der durch den Weingenuss in den Menschen "einfährt". Nur das Feuer der Liebe kann das Wasser mitunter nicht löschen. Im Hohelied Salomos, diesem feinen erotischen Kapitel im Alten Testament (mit triefendem Honigseim und hübscher Granatapfelmetaphorik), heißt es: "Denn Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich. Ihre Glut ist feurig und eine Flamme des Herrn, so dass auch viele Wasser die Liebe nicht auslöschen und Ströme sie nicht ertränken können" (8, 6f.).

Die Elementarwesen des Wassers sind natürlich die Nymphen, Undinen und Melusinen. Nicht immer scheint es, wie das Beispiel der Verderben bringenden Sirenen zeigt, ratsam, sich mit diesen Wasserwesen einzulassen: Wer nicht wie Odysseus, der sich bei Homer an den Mast binden ließ und sich bei Kafka zusätzlich die Ohren verstopfte, mit allen Wassern gewaschen ist, dem könnte es bald bis zum Halse stehen. Das Element Wasser korrespondiert dem Herbst mit seinen Regenfällen, die den Boden befruchten. Es soll das Fett regieren, welches als wasserähnlich fließend vorgestellt wurde - in der Temperamentenlehre entspricht das dem Phlegmatiker.

Zwischen Phlegmatismus und House passen sehr viele Blätter Papier, denn der Hörer ist immer schon Tänzer, also einer, der den Verstand dazu verdammt, heute mal gegenüber dem Körper nur zweiter Sieger zu bleiben, und das geht nun mal nicht, wenn man Phlegmatiker ist. Einerseits. Andererseits gleicht diese millionenfache Auferstehung des Körpers an den Wochenenden der westlichen Welt, an denen ihm meist gegen Geld erlaubt wird, temporär die logokratischen Fesseln zu sprengen ("Damit sie danach um so besser passen", sagt ein vorübertrippelnder Ideologiekritiker, dem das viele Kritisieren die Stirn verrunzelte - aber den klicken wir jetzt einfach mal weg), natürlich schon einem säkularisierten kollektiven Reinigungsritual, und das Ich feiert fröhlich seinen Untergang im All. ("Mehr Vorsicht beim Nietzsche-Lesen" und etwas wie "Totalitarismusgefahr" raunt unser Freund, der I.-Kritiker.) Egal, diese Erfahrung immanenter Transzendenz in dem, was man früher Disko nannte, Trance - erzeugt durch Symmetrie auf der Zeitachse, also Monotonie -, lässt sich mit ein wenig bösem Willen mit House und dem Läuterungswerk des Wassers verbinden. Et voilà!

Luft: Wer Macht, Dass Sie Dir Manchmal Wegbleibt? Ist Es Der, Mit Dem Du Auch Schlösser Draus Baust?

Das Luftelement wird dem Frühling zugerechnet, denn dies ist die Zeit der den Schnee vertreibenden Winde. Paracelsus behauptete, das Elementarreich der Luft werde von den sogenannten Sylphen beherrscht, männlichen oder weiblichen Luftgeistern. Die weiblichen Sylphen ließen sich auch als Sylphiden bezeichnen. Im Zuge des üblichen sprachmetamorphoischen Prozesses der Bedeutungserweiterung konnte man später jedes grazil-fragile Mägdelein als Sylphide bezeichnen (das Wort schreit nach Wiedererweckung; nennt eure Liebste niemals Schatz oder Schlimmeres, seid dagegen weise und wispert "Sylphide mein" - wenn sie dann wegrennt zu den coolen Jungs mit den teureren Drogen, tja, dann war es eben nicht die Richtige). Humoralpathologisch führt eine Vormachtstellung des Luftelements zum Temperament des "leichten Blutes", zum Sanguiniker, einem lebhaft-heiteren Gattungsexemplar voller geistiger Beweglichkeit, die nie in Grübelei ausartet.

Soul ist natürlich vokal dominiert, und Seele manifestiert sich stimmlich (wie schon die griechischen Tragiker wussten), weshalb man sie figurativ Pneuma nennen kann, was wörtlich "Hauch, Atem, Wind" heißt. Natürlich simulieren die Soulgirls and -boys heuer oft Melancholie, statt sich sanguinisch zu gerieren, natürlich richteten sich die spirituellen Gospelwurzeln von Soul einst auf DEN Herrn und nicht nur auf diesen oder jenes one and only Jungen/Mädchen.

Aber was soll es: Plattenfirma, mir scheint, hier ist ein Nexus, der so schnell nicht zerreißt! Doch gib zu, du hast dir wahrscheinlich gar nicht allzuviel dabei gedacht, musstest los und vorher noch ein Konzept, oder wie immer der Anglizismus dafür jetzt heißt, vorlegen, hast dich verlegen gekratzt, und ständig klingelte dein Handy - ist ja ein verdammt stressiger Job -, und vielleicht zapptest du rum und sahst den Sven Regener in einer Talkshow über die Oberflächlichkeit von Talkshows lästern, assoziiertest "Element Of Crime" und hoppla, oder hattest diesen Houellebecq da liegen, den man jetzt anstelle des Stuckrad-Barre verschenkt, lasest den Titel und schlugst dir an die Stirn. Und jetzt - jetzt siehst du, wie irre gefährlich es ist, wenn dich doch mal jemand probehalber ernst nimmt. Und magst es hoffentlich, so wie der dich ernst Nehmende die Möglichkeit zum journalistischen Freestyle-Brainstorming - und die Compilation.

In unserer Audio-Video-Sektion stellen wir alle Four Music-Acts vor.