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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Vergiss wer du bist

Fool's Gold / Donso

Von weißen Jungs die Neuerfindung von Afrobeat zu fordern ist ein bisschen viel verlangt. Aber Fool's Gold und Donso erzählen die faszinierende alte Popgeschichte von Aneignung und Einverleibung immerhin noch einmal neu. Arno Raffeiner hat den Herren aus Los Angeles und Paris beim Essen zugesehen und mit eingestimmt in das große Ohohohoh!
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Von weißen Jungs die Neuerfindung von Afrobeat zu fordern ist ein bisschen viel verlangt. Aber Fool's Gold und Donso erzählen die faszinierende alte Popgeschichte von Aneignung und Einverleibung immerhin noch einmal neu. Arno Raffeiner hat den Herren aus Los Angeles und Paris beim Essen zugesehen und mit eingestimmt in das große Ohohohoh!

Wir sitzen mitten im Pott. London, am Rande von Chinatown, ziemlich genau an der Stelle, wo das Geschwalle vom Melting Pot in einen globalisierten Erlebnispark überläuft und die Grenzen zwischen Migration, Tourismus und zufälliger sozialer Skulptur fließend werden. Luke Top und Lewis Pesacov sind in einer Imbissbude und lassen ihre Begeisterung für Kulturpuzzlestückwerk (in seiner musikalischen Ausprägung) nur so aus sich heraussprudeln, ab und an auch von kleinen Projektilen der Chicken-Noodle-scharfe-Soße-Mischung begleitet, die sie beim Reden notdürftig zwischen den Zähnen zermalmen. Einzelne Elemente bleiben identifizierbar - weiße Reisnudeln, grüner Koriander, Highlife, Krautrock, Kongo, Äthiopien, rote Chilis -, noch ist die Chose zu keinem uniformen, monochromen Brei verpantscht.

Top und Pesacov sprechen über Stil-Kultur-Identitäts-Mixe, die Bedienung reicht dazu Granatapfel-Grüntee-Saft - gleich doppelmoppel-gesund, wie die beiden scherzen, und noch so ein weiterer Bastard: geschmackliche, kulturelle, identitäre Hybride und schief-genial aufgehende Kombinationen, so weit die Sinne reichen! Eigentlich kann man die beiden jungen Herren, die sich in diesem Ambiente so heimisch fühlen, gleich mit in die Liste aufnehmen, sie und den Rest ihres kalifornischen Afropop-Kollektivs Fool's Gold, der sich einen Tisch weiter ebenfalls über Fleisch, Gemüse und Nudeln hermacht.

Fool's Gold kommen aus Los Angeles, sind irgendwo zwischen sechs (aktuelle Tour-Besetzung) und einem Dutzend Mitgliedern (Studioversion) zu verorten, lieben Musik aus Ghana, Mali oder Eritrea und singen ihre Texte auf Hebräisch. Sie machen, wenn man ein unzulässig verkürzendes Schlagwort sucht: Hebrew Highlife. Mitten in Soho haben Fool's Gold eben noch auf der Straße getanzt, um dem Licht der untergehenden Sonne exotisch verstrahlte Fotomomente abzutrotzen. Wenig später werden sie die Bühne eines Konzertladens namens The Borderline entern, mit fidel hopsenden Gitarren und Percussion-Overkill, mit Saxofontröten und sogar einem Sakrileg wie dem Querflötensolo.

Das geht vor dem Londoner Publikum nicht nur irgendwie so durch, es kommt Dingen wie Erleuchtung oder zumindest Erweckungserlebnis ziemlich nahe. Die Frage, ob jetzt, wo doch seit vorgestern auch in Hinterwaldshausen alles von Afrobeat spricht, mit melodieseligem Percussion-Pop noch ein Palmentopf zu gewinnen ist, hat sich damit auch erledigt. Fool's Gold knacken den Jackpot.

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Loslassen lernen

"Zum Glück hast du nicht nach Vampire Weekend gefragt", stoßseufzt Luke Top nach dem Plauderstündchen beim Imbiss auf dem Weg ins Borderline. Er verträgt es nicht mehr so gut, immer im selben Topf aufgeköchelt zu werden, die immergleichen Fragen zu hören. Fool's Gold kommen mit ihrem selbst betitelten Debüt in Deutschland etwas später um die Ecke als die Kollegen aus NYC, aber sie wirken wie gemacht, um einen East-Coast/West-Coast-Battle der neuen Art anzuzetteln. Zu den ständigen Vergleichen nur so viel: Fool's Gold sind die Rocker im Afropoppott. An die Stelle von Distinguiertheit und Schnöseltum setzen sie Energie. Remixe unter ihrem Namen schielen schon mal in Richtung Dicke-Hose-Rap (siehe die Bearbeitung von Local Natives' "Wide Eyes"), zu ihren aktuellen Favoriten zähen sie Staff Benda Bilili genauso wie Big Boi, und sie lassen Sizzla über Dub-Versionen ihrer Songs toasten. Da darf es dann auch mal Patois statt Hebräisch sein.

Den doppelten Exotenbonus - heiße Welt-Pop-Beats plus Fremdsprache samt unüblicher Phrasierung - verdanken Fool's Gold der Biografie ihres Sängers: Luke Top wurde in Tel Aviv geboren, kam noch als Kleinkind nach Kalifornien und wuchs, wie er sagt, als typisches US-Kid in einer israelischen Familie auf. Überschreibungen und Identitätstransfers spielten für ihn seit jeher eine große Rolle: "Vielleicht liegt das daran, dass ich in gewisser Hinsicht eine gespaltene Persönlichkeit bin: aus Israel stammend, in den Staaten aufgewachsen. Mein ganzes Leben lang haben mich solche Konstellationen angezogen." Lewis Pesacov war ebenfalls vorbelastet: durch die elterliche Plattensammlung mit starker Schlagseite in Richtung Weltmusik. Seine rebellische Phase führte daher zu einem Studium von Klassik und Neuer Musik, das er teilweise im Schwarzwald absolvierte. Das kosmopolitische Musikerbe seiner Familie nahm er erst später an.

Pesacov und Top schreiben Musik und Texte von Fool's Gold, sind Wortführer und Bandleader. Aber ohne Gruppendynamik wäre das Ganze nicht denkbar. Die Band setzte auf eine "Politik der offenen Tür", erklärt Top. Wer wollte, konnte mitspielen, in ausgedehnten Jams fand man schließlich zueinander. Entscheidend waren dabei auch die spezifischen Funktionsweisen einer Stadt wie Los Angeles, vor allem die Melting-Pot-Logik, die verschiedene Einflüsse und Personen zusammenführt.

Schon in den ersten Proben entdeckte man gemeinsam das wohl wichtigste Prinzip der Band, Zweck und finalen Sinn des Zusammenspiels: die Trance. Pesacov beschreibt den spirituellen Kern von Fool's Gold als einen bestimmten Raum, den man gemeinsam aufsuchen kann: "Es gibt diesen Ort, an dem musikalisch eine kollektive Psyche entsteht. Es ist ein umwerfendes Gefühl, wenn man diesen Raum betritt, etwa, indem man ein und dieselbe Note zehn, zwanzig Minuten lang spielt. Für uns war es sehr wichtig, loslassen zu lernen und diesen Ort zu finden. Da kommt Krautrock ins Spiel: Auch wenn unsere Musik anders klingt, machen wir dasselbe, was Bands wie Neu! getan haben: ausgedehnte und zugleich fokussierte musikalische Improvisationsexperimente."

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Afrika ist überall

Trance ist auch für Pierre Antoine Grison einer der zentralen Begriffe: "Was ich an dieser Art von Musik wirklich mag, ist der Trance-Aspekt", sagt der Produzent aus Paris. Bisher vor allem unter dem Namen Krazy Baldhead bekannt, wird Grison seit Kurzem auch als Gründer und Kopf der Band Donso gefeiert. Mit zwei aus Mali stammenden Musikern - Guimba Kouyate spielt Gitarre, Gedeon Papa Diarra singt Texte auf Bambara - sowie einem französischen Freund - Thomas Guillaume zupft das namensgebende Instrument Donso N'Goni - jubelt er Afropop elektronische Zutaten unter. Damit sind Donso auf einer ähnlichen Schiene wie The Very Best unterwegs.

Einen ihrer ersten Auftritte absolvierte die Band im Vorprogramm von Fool's Gold, jetzt erscheint in Deutschland zeitgleich das ebenfalls selbst betitelte Debütalbum. Vorher musste Grison allerdings fünf Jahre lang am richtigen Rezept feilen. Es ist gar nicht so einfach mit dem Vermischen und Kombinieren, meint er: "Ich hatte von Anfang an genau im Kopf, wie es klingen sollte. Aber es war schwierig, das musikalisch umzusetzen. Was ich etwa an Musik aus Mali so mag, ist, wie all die Elemente ineinandergreifen und sich gegenseitig umspielen. Man hört nicht wirklich heraus, was jedes einzelne Instrument macht, aber im Zusammenspiel entsteht daraus dieser spezielle Rhythmus. Es ist, als würde man über den Rhythmus fliegen."

Luke Top sieht das ganz ähnlich: "Da sind diese vielen kleinen, ineinander verschränkten Teile, und wenn die alle zusammenkommen, entsteht daraus eine Einheit. Es geht dann nicht mehr um die einzelnen Individuen in der Band - das ist gut, Egos werden unwichtig."

Gegen einige der üblichen Exotikklischees und positiven Vorurteile sind die weißen Jungs aus L.A. und Paris nicht immun: "Das Brummen und Rumpeln ist ein sehr wichtiger Teil afrikanischer Musik", erklärt Pesacov begeistert, "je krachiger, desto besser!" Aber Fool's Gold verweisen eben auch auf die Kontingenz falscher Authentizismen, mit denen Afrobeat aufgeladen wird, etwa auf die lange Tradition in Äthiopien, lokalen Funk mit amerikanischem Soul-Gesang zu verbinden. Und Grison kontert die Frage nach einem aktuellen Trend afrikanischer Einflüsse oder Imitationen mit einem Hinweis auf deren Ubiquität. Im Blues, im Jazz, im HipHop: Afrika ist vom Anfang der Popgeschichte an immer und überall. Außerdem gilt es nicht zu vergessen: Pop ist immer schon eine Frage geschickter Langfingerei gewesen. Gut geklaut ist halb gewonnen, respektvolle Aneignung eine Kunst.

"Seit Jahren und Jahrzehnten gibt es einen musikalischen Dialog zwischen verschiedenen Ländern", sagt Luke. "Was wir mit Fool's Gold machen, finde ich daher nicht besonders absurd. Es gibt einfach eine unendliche Anzahl an Kombinationen. Das Phänomen, sein ursprüngliches Umfeld zu verlassen und sich Dinge von anderen Orten anzueignen, fasziniert mich außerdem aus einem weiteren Grund: Es hilft dir, zu vergessen, wer du bist."

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Von weißen Jungs die Neuerfindung von Afrobeat zu fordern ist ein bisschen viel verlangt. Aber Fool's Gold und Donso erzählen die faszinierende alte Popgeschichte von Aneignung und Einverleibung immerhin noch einmal neu. Arno Raffeiner hat den Herren aus Los Angeles und Paris beim Essen zugesehen und mit eingestimmt in das große Ohohohoh!

Das Publikum beim Fool's-Gold-Konzert in London kommt dagegen langsam wieder zu sich. Wie aus einer Kehle hat der ganze Laden den Background-Chor von "The World Is All There Is" gesungen und immer weiter gesungen, während die sechs Herren hinter der Bühne verschwunden sind und sich erst Minuten später, mit Rasseln und Rumbeln ausgerüstet, mitten ins Getümmel geworfen haben.

Es folgte die finale kollektive Zugabe-Trance. Jetzt ist das große Ohohohoh vorbei, wir haben ausgeklatscht für heute Nacht. Raus aus dem Borderline, ab in den Melting Pot. Oben an der Oxford Street klampft ein Straßenmusikant, an dem kulturell betankte Touris vorbeitorkeln. Vielleicht stammt er aus Afrika, will in London sein Glück versuchen. Mit seiner Gitarre sitzt er unter einem Baugerüst und spielt "Paint It Black".